Muslimfeindlichkeit: „Die Angst vorm ’schwarzen Mann‘ ist tief verwurzelt“

A Pegida demonstrator, 8 December 2014

Ein Demonstrant der Islam- und muslimfeindlichen Pegida-Bewegung in Dresden [Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen/Flickr]

Die Vorbehalte der Bundesbürger – und besonders der Frauen – gegenüber Muslimen wachsen. Die Forscherin Daniela Krause spricht im Interview mit EURACTIV.de über versteckte und offene Ressentiments, die Anti-Islam-Strategie der AfD und mögliche Wege aus der Vorurteils-Falle.

Daniela Krause ist Soziologin am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld und hat im Vorfeld der Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zwei Studien von Forschern des Bielefelder Instituts ausgewertet. Diese befragten von 2003 bis 2014 rund 25.000 Menschen zu ihrer Einstellung gegenüber Muslimen.

EURACTIV.de: Sie haben zwei Langzeitstudien zur Muslimfeindlichkeit in Berlin und Mecklenburg­-Vorpommern ausgewertet, wo in wenigen Tagen Landtagswahlen stattfinden. Zuerst einmal: Was sind Islamfeindlichkeit bzw. Muslimfeindlichkeit?

Daniela Krause: Erst einmal ist es wichtig klarzustellen, dass Islam- und Muslimfeindlichkeit zwei unterschiedliche Dinge sind. Islamfeindlichkeit ist die Abwertung der Religion und Muslimfeindlichkeit gegenüber den Ausübenden der Religion. Wir haben in den Studien de facto Muslimfeindlichkeit gemessen.

Was denkt die Bevölkerung in den beiden Bundesländern über Muslime?

In Berlin, das ist wenig überraschend, gibt es eine geringere Ausprägung muslimfeindlicher Einstellungen als im Durchschnitt der alten und neuen Bundesländer. Das hat sicher auch mit der Heterogenität der Großstadt zu tun. Dennoch ist für Berlin auffällig, dass dort entgegen dem deutschlandweiten Rückwärtstrend bei der Muslimfeindlichkeit die Ressentiments bis 2014 nicht abnahmen. Vor zwei Jahren fühlte sich dort etwa jeder dritte Befragte wegen der „vielen Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“. 25 Prozent waren der Auffassung, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden – das war der höchste Wert seit Beginn der Befragung. Woran das liegt, können wir aber ohne weitere Studien nicht sagen.

In Mecklenburg-­Vorpommern gab 2014 etwa ein Drittel der Befragten an, sich durch die „vielen Muslime manchmal wie Fremde im eigenen Land“ zu fühlen. Ebenfalls ein Drittel war dafür, Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland zu untersagen – das sind deutlich mehr als in Berlin. Dabei sind junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren in Mecklenburg­-Vorpommern allerdings durchschnittlich weniger muslimfeindlich als Gleichaltrige in den alten Bundesländern. Die älteren Menschen hingegen sind grundsätzlich jene mit den größeren Vorurteilen.

Ein Ergebnis überrascht: Im bundesweiten Durchschnitt sind Frauen muslimfeindlicher als Männer – auch und besonders in der Bundeshauptstadt. 

Frauen haben oft mehr Angst, die Angst vor fremden Männern, die oft unterschwellig ist und geprägt von der zum Teil unbewussten Furcht, der Fremde könnte sich ihnen gegenüber unberechenbar und bedrohlich verhalten. Im Grunde ist das die tief verwurzelte alte „Angst vorm schwarzen Mann“. Ob es sich bei dem Mann möglicherweise um einen Muslim handelt, oder schlicht um jemanden, der sichtbar aus einer anderen Kultur kommt, ist meist egal. Muslimfeindlichkeit und Fremdenfeindlichkeit gehören hier eindeutig zusammen.

„Die AfD nutzt Muslimfeindlichkeit geradezu als Aushängeschild“

Seit der Flüchtlingskrise und durch islamistisch motivierte Anschläge in Europa erstarken muslimfeindliche Einstellungen wieder, wie auch die Studie „Die enthemmte Mitte“ von 2016 zeigt, wo mehr als 41 Prozent der Befragten der Aussage zustimmen, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte. Ressentiments und Vorurteile schlugen 2015 in offenen Hass um. Welches Wählerpotenzial haben islamfeindliche Parteien in beiden Bundesländern?

An den Wahl- und Umfrageergebnissen für die AfD, die ja Muslimfeindlichkeit geradezu als Aushängeschild nutzt, sieht man, dass die Vorbehalte oder offene Ressentiments gegenüber Muslimen in der Gesellschaft zunehmen. Das hat auch eine Studie von 2015 zum weiteren Feld des Rechtspopulismus gezeigt: Demnach ist das Potenzial zu Rechtspopulismus bei inzwischen 20 Prozent der Bevölkerung zu beobachten. Das gilt besonders für jüngere Männer und tendenziell mehr für die neuen Bundesländer.

Man muss jedoch sagen, dass es zwar Abstufungen zwischen den einzelnen Bundesländern gibt. Vorurteile und Muslimfeindlichkeit existieren aber überall – es sprechen nur nicht alle Menschen offen darüber. Studien zu Rassismus zeigen: Je höher der Bildungsstand ist, desto eher behält man seine Meinung für sich. Beobachten lassen sich die Vorbehalte trotzdem. Beispielsweise indem man misst, wie viel Abstand jemand beim Platznehmen in der Bahn zu seinem Sitznachbarn hält, wenn der vermeintlich Migrant ist. Sieht der Sitznachbar fremd aus, nehmen viele Menschen tatsächlich in weiterer Entfernung Platz.

Anfang 2014 konstatierte der Europarat, der Umgang mit Minderheiten in Deutschland bereite „Anlass zur Sorge“. Ein Grund: Deutschland schließe zu oft rassistische Motive bei Ermittlungen und der Festlegung des Strafmaßes aus. Wo sehen Sie Mängel im politischen Feld?

Polizisten, Juristen und Behördenvertreter tragen genauso Vorbehalte in sich, wie alle anderen. Dass Diskriminierung und Ungleichbehandlung in Deutschland noch ein großes Problem sind, kritisiert ja auch die UN. Wichtig ist, dass wir ein Phänomen wie Muslimfeindlichkeit nicht isoliert von anderen abwertenden Tendenzen betrachten dürfen.

Die Abwertung von homosexuellen Menschen, von Menschen mit Behinderung oder von Arbeitslosen gehören bei den meisten muslimfeindlich eingestellten Menschen in den gleichen Topf. Darum brauchen wir unbedingt politische Bildungsarbeit, die die Strukturen hinter der Feindlichkeit aufdeckt und entsprechend gegensteuert. Minderwertigkeits-Vorstellungen sind ein großes Phänomen, wir nehmen Vorurteile schon durch die Prägung im Kindergarten und durch das familiäre Umfeld an. Das läuft meist nicht unbedingt ideologisch, sondern subtil ab.

Jean-Paul Sartre sagte über den Antisemitismus: „Würde der Jude nicht existieren, der Antisemit hätte ihn erfunden.“ Das gilt sicher auch für die Muslimfeindlichkeit -sie ist eher die Projektion eigener Ängste auf Andere. Was kann eine demokratische Gesellschaft gegen diese Vorurteils­falle  tun?

Die Gesellschaft und auch die Politik sollten sich hier an der sogenannten Kontakthypothese orientieren. Demnach lassen sich Vorurteile am besten auflösen, wenn zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion mehr als nur der übliche Kontakt im Dienstleistungssektor stattfindet. Der tägliche Umgang, mit dem Verkäufer im Blumenladen, der Putzfrau oder dem Bäcker mit Migrationshintergrund nützen wenig. Das Arbeiten an gemeinsamen Aufgaben, der Austausch in gemeinsamen Projekten etwa in Schulen bringt hingegen nachweislich viel.

Wir dürfen allerdings auch die älteren Mitbürger nicht aus dem Blick verlieren, weil gerade deren Einstellungen oft problematisch sind. Wichtig ist es, politische Signale zu setzen, darauf zu achten, dass Muslime und Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur in den niedrigen Berufsgruppen vertreten sind. Die Berufswelt ist auch noch sehr diskriminierend. Entscheidungsträger wie Lehrer oder Personaler sind eben auch nur Menschen, die Vorurteile haben. Doch damit entscheiden sie über Lebenswege. Die Politik reagiert darauf bereits langsam und bemüht sich zum Beispiel um mehr Mitarbeiter mit Migrationshintergrund in Behörden und Ämtern.

Die erst drei Jahre alte AfD, die einen klaren Anti­-Islam-­Kurs hat, hat bereits eine Art Stammwählerschaft. In den Umfragen für die bevorstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg­-Vorpommern und Berlin liegt sie bei 19 beziehungsweise 15 Prozent. Muslimfeindlichkeit scheint in der Mitte der Gesellschaft und in etablierten Parteien immer mehr akzeptiert. Warum?

Ich würde nicht bestätigen, dass das ein Trend ist. Die Studien zeigen ja, dass die Zahl der muslimfeindlich gesinnten Menschen bis 2014 zurückgegangen ist. Nur Berlin überrascht tatsächlich als Ausnahme. Aber es ist grundsätzlich wichtig zu sehen, dass in unserer Gesellschaft Vorurteile und Stigmatisierung gegenüber Menschen anderer Herkunft und Religion schon sehr alt sind. So tragen das kulturelle Gedächtnis und die Sozialisation durch das Umfeld auch den Antisemitismus weiter, der schon im Mittelalter verbreitet war. Und auch die Muslimfeindlichkeit knüpft an jahrhundertealte Stereotype an.

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