Jourová: Frauen aus den Vorständen von Spitzenunternehmen auszuschließen, ist wirtschaftlich dumm

"Es ist auch wirtschaftlich dumm. Diese Welt braucht alle Talente, vor allem im IT-Sektor, und die Türen sind nur halb geöffnet. Deshalb haben wir eine neue Strategie vorgeschlagen."

Während die Europäische Kommission gerade ihre Strategie zur Gleichstellung der Geschlechter vorgestellt hat, bestand die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für Werte und Transparenz Věra Jourová in einem Interview mit EURACTIV Frankreich darauf, dass der Kampf gegen Stereotypen und Gewalt gegen Frauen fortgesetzt werden muss.

Die tschechische Kommissarin Věra Jourová war Ministerin, bevor sie das Ressort Justiz, Verbraucher und Gleichstellung der Geschlechter in der Juncker-Kommission übernahm und dann Vizepräsidentin der Kommission von Ursula von der Leyen wurde. Nun ist sie für das Ressort Werte und Transparenz zuständig.

EURACTIV Frankreich interviewte die Kommissarin während ihres Besuchs bei WILLA, einem französischen Technologie-Inkubator für Frauen in Paris.

Frauen sind in der neuen Kommission gut vertreten, besser als in der vorherigen. Da Sie an beiden beteiligt waren, spüren Sie aufgrund dieser neuen Ausgewogenheit eine Veränderung in der Arbeitsweise?

Der Stil von Ursula von der Leyen ist anders. Juncker hatte viel Erfahrung, er war „Mister Somebody“. Aber ich fühle mich ihr näher, da sie versucht, eine sehr integrative Atmosphäre zu schaffen: Sie steht für Diskussionen zur Verfügung, und das ist ein großartiger Ansatz, trotz der Krisen wie Corona, Migration und der neuen Agenden.

Es ist also anders!

Geschlechterquote: Frauen in den Vorstand

Die deutsche Frauenquote soll ausgeweitet werden. Weibliche Repräsentation soll fortan nicht nur in Aufsichtsräten, sondern auch in Vorständen verpflichtend sein. Allerdings gilt das neue Gesetz nur für wenige, besonders große Unternehmen.

Vielleicht haben Sie von dem Fall Engie in Frankreich gehört. Die einzige Frau, die ein Unternehmen aus dem CAC40 leitete, wurde entlassen, so dass wir jetzt keine Frau mehr in den Spitzenpositionen der CAC40-Unternehmen haben. Was halten Sie davon?

Das ist nicht nur unfair, sondern zeigt auch, dass es Hindernisse gibt. Es ist keine gesunde Gesellschaft, wir haben etwas sehr Falsches in unserem Algorithmus!

Es ist auch wirtschaftlich dumm. Diese Welt braucht alle Talente, vor allem im IT-Sektor, und die Türen sind nur halb geöffnet. Deshalb haben wir eine neue Strategie vorgeschlagen.

Wie lautet Ihre Antwort auf die Problematik des Lohngefälles?

Unterschiedliche Löhne für Männer und Frauen sind gesetzlich verboten; aber wo ist die Umsetzung? Es gibt keine, weil die Frauen nicht wissen, dass dies geschieht!

Deshalb fordern wir, die Bekanntgabe der Höhe der Löhne und Gehälter für alle verpflichtend zu machen. Wir haben dies bereits den Mitgliedsstaaten empfohlen, und Großbritannien ist dem [Vorschlag] gefolgt.

Es war ein großer Schock. Einige Unternehmen hatten nur geringe Unterschiede bei den Gehältern, aber die Prämien sind um bis zu 70 Prozent voneinander abgewichen! Für die Frauen in Spitzenpositionen werden wir versuchen, Frauenquoten in den Vorständen durchzusetzen.

Gender Gap in der Politik: Wenig Fortschritt und ein rechter "Backlash"

Die Teilhabe von Frauen in der Politik scheint innerhalb der EU zuzunehmen. Ausreichend ist dies aber noch nicht.

In Frankreich gibt es eine „Frauenquote“, die sicherstellt, dass 40 Prozent der Vorstandsmitglieder Frauen sind. Aber Entscheidungen und Befugnisse haben sich auf andere Organisationen wie beispielsweise Exekutivausschüsse verlagert, ist die Quote also eine gute Lösung?

Sie ist besser als nichts. [Die Frauenquote] ist keine magische Lösung!

Sie wollen Frauen in der Politik fördern. Aber Frauen in der Politik sind oft das Ziel von Gewalt…

Ich bin sehr besorgt darüber.

Es gibt zwei Probleme: Das erste ist die Öffnung der politischen Parteien für Frauen, und oft ist das besser für die Wahlergebnisse.

Aber das zweite Thema ist diese gewalttätige Atmosphäre. Frauen sind eher das Ziel von Hasstiraden. In sozialen Netzwerken ist das sehr deutlich. Sie überlegen es sich also zweimal, bevor sie eine öffentliche Position einnehmen, wie Journalisten und NGOs.

Marija Gabriel: Den digitalen Gender Gap überwinden

Die für die digitale Wirtschaft zuständige EU-Kommissarin Marija Gabriel hat sich für eine „gemeinsame Antwort“ auf den Gender Gap im Digitalbereich ausgesprochen.

In Frankreich gewann ein wegen Vergewaltigung verurteilter Mann, Roman Polanski, letzte Woche den Cesar als bester Regisseur. Ist es Ihrer Meinung nach fair, sein Verhalten zu vergessen und ihn zu belohnen?

Das hat mich sehr negativ überrascht, denn der Fall ist bekannt. Er ist ein großartiger Künstler, aber mein Grundinstinkt als Frau ist es, schlecht [auf solche Nachrichten] zu reagieren.

Die Integration einer Geschlechterperspektive, oder „Gender Mainstreaming“, ist Teil Ihres Programms in Ihrer Kommission: Wie kann man alle Arten von Politiken beeinflussen?

Das Thema des Geschlechts sollte überall sein. Wenn wir am europäischen Green Deal, am KI-Paket oder an der Afrikanischen Strategie arbeiten, werden Gender-Fragen überall eingebracht.

Helena Dalli kümmert sich als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte darum.

Es ist eine Frage der Grundrechte, also liegt es auch in meiner Verantwortung, und ich werde dafür sorgen, dass diese Geschlechterfrage weiterhin überall präsent ist.

Online-Gewalt gegen Frauen „ist leider eine logische Konsequenz“

Frauen trifft Hass im Netz überproportional oft. Die Aktivistin Laura Dornheim weiß, wieso. Was man dagegen tun kann, und wieso verbale Gewalt auch Gewalt ist, erklärt sie im Gespräch mit EURACTIV.

Frauen sind im Mediensektor unterrepräsentiert: 75 Prozent der interviewten Personen sind Männer, und auch in den Entscheidungsprozessen des Sektors sind Frauen unterrepräsentiert. Dies verstärkt Stereotypen. Was können Sie gegen die männliche Dominanz in den Medien tun?

Um die Stereotypen zu bekämpfen, ist eine Gesetzgebung im Gange. Die Istanbul-Konvention versucht, Frauen zu schützen. Das Stereotyp lautet: Frauen sind schwach, und es ist in Ordnung, sie zu schlagen. Diese Stereotypen zu brechen ist ein ernsthaftes Ziel.

Die Konvention hat es nicht leicht, sechs Mitgliedsstaaten haben sie nicht unterzeichnet, weil sie glauben, dass sie Schwulenehe oder „Genderismus“ als Ideologie einführt: Es gibt zu viele Fanatiker.

Aber der Text zeigt den Weg: Die Medien sollten aufhören, Stereotypen zu formen und nur Männer zu interviewen.

Slowakei lehnt Übereinkommen gegen Gewalt gegen Frauen ab

Die Slowakei wird die Istanbul-Konvention zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen nicht ratifizieren. Auch eine Ratifizierung auf EU-Ebene könne nur einstimmig von den Mitgliedstaaten vereinbart werden, hieß es aus Bratislava.

[Bearbeitet von Daniel Eck, Zoran Radosavljevic und Britta Weppner]

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