Eine Frage der Rezeptur? Lebensmittelindustrie erklärt Qualitätsunterschiede in Ost und West

Hubert Weber ist Präsident von FoodDrinkEurope, dem Verband der EU-Lebensmittel- und Getränkehersteller. [Sarantis Michalopoulos]

In der derzeitigen Debatte um unterschiedliche Lebensmittel-Qualitätsstandards werden die Konzepte ‚Qualität‘ und ‚Rezeptur‘ verwechselt: Konsumenten hätten nun einmal unterschiedliche Präferenzen, was Süße und Salzgehalt angeht – das müsse man akzeptieren, so der Chef des Industrieverbands FoodDrinkEurope im Interview mit EURACTIV.com.

Hubert Weber ist Präsident von FoodDrinkEurope, dem Verband der EU-Lebensmittel- und Getränkehersteller. Außerdem ist er Vizepräsident sowie Vorsitzender für die Region Europa von Mondeléz International. Er sprach mit Sarantis Michalopoulos von EURACTIV.

EURACTIV: Momentan wird eine hitzige Debatte um unterschiedliche Lebensmittel-Qualitätsstandards innerhalb der EU geführt. Halten Sie es für hinnehmbar, dass Verbrauchern in ärmeren EU-Ländern Lebensmittel von niedrigerer Qualität in der gleichen Verpackung verkauft werden?

Hubert Weber: Ich denke, diese Debatte ist sehr emotional geworden. Was wir brauchen ist ein Dialog mit allen Stakeholdern. Heute [am 13. Oktober] fand ein wichtiges Treffen in Bratislava statt, an dem viele Kommissare sowie Vertreter der nationalen Regierungen teilgenommen haben. Auch FoodDrinkEurope war vor Ort, um die Lebensmittel- und Getränkebranche zu repräsentieren, und um zu erklären, wie wir Vertrauen und Qualität schaffen. Das ist das zentrale Versprechen unserer Marken.

In der Diskussion sehen wir eine Vermischung der Begriffe „Qualität“ und „Rezeptur“. Wir haben sehr feste Verpflichtungen bei den Themen Lebensmittelqualität, -sicherheit und -zustellung. Da machen wir keine Kompromisse. Wenn Sie sich aber die 28 Nationen Europas und ihre einzelnen Regionen ansehen, gibt es eine großartige Vielfalt bei Speisen und Getränken, die sich je nach Land und je nach Region unterscheiden. Die Verbraucher haben unterschiedliche Präferenzen, wie süß oder salzig Produkte sein sollen – und das müssen wir so akzeptieren. Der europäische Binnenmarkt ermöglicht es den Konsumenten, all diese verschiedenen Rezepturen und Produkte zu bekommen. Wir als Industrie müssen darauf achten, dass wir bei den Inhaltsangaben transparent sind und gute Kennzeichnung bieten.

Worum es beim Binnenmarkt aber nicht geht, ist das einfache Kopieren und Standardisieren aller Produkte. Dadurch würden wir das Angebot und die Wahlmöglichkeiten der Verbraucher einschränken. Wir als Lebensmittel- und Getränkeindustrie nehmen die derzeitige Debatte sehr ernst und wir werden selbstverständlich handeln, wenn etwas falsch läuft. Aber wir fordern, dass die Diskussionen faktenbasiert geführt wird; allein schon, weil wir eben innerhalb Italiens, Frankreichs, Deuschlands usw. unterschiedliche Lebensmittel haben.

Ich möchte auch darauf hinweisen, dass viele Tests, die einige Interessenvertreter angeblich durchgeführt haben, sich als falsch oder irreführend herausgestellt haben. Wir müssen die Emotionen aus dieser Debatte herausnehmen.

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Einige EU-Staaten wollen Ursprungskennzeichnungen für bestimmte Produkte, Italien beispielsweise für Pasta. Wie schätzt die Lebensmittelindustrie diesen Trend ein?

Mir bereitet dieser Trend zur Renationalisierung Sorgen. Wir müssen uns daran erinnern, wie viele positive Dinge der EU-Binnenmarkt den Verbrauchern und ihrem Alltagsleben gebracht hat. Wir haben die Freiheit, zu leben wo wir wollen, zu essen was wir wollen und zu arbeiten wo wir wollen. Wenn wir 40 Jahre zurückschauen war die Lebensmittelauswahl in allen Ländern damals sehr viel begrenzter, als sie es heute ist. Wir profitieren von der freien Auswahl auf dem gemeinsamen Markt.

Wenn eine bestimmte Etikettierung oder ein Hinweis auf den Ursprung eines Produkts dazu führt, dass die Verbraucher – wo auch immer in der EU sie leben – dieses Produkt mehr wertschätzen, dann ist das gut. Es gibt viele Beispiele für Lebensmittel, die einer bestimmten Ursprungsregion zugeordnet werden. Das ist absolut tragfähig.

Wenn solche Labels aber durch nationale Regierungen eingeführt werden, um die Konsumenten zu steuern oder Einzelhändler dazu zu zwingen, das Angebot zu begrenzen, dann ist das ein klarer Verstoß gegen die Grundsätze des EU-Binnenmarktes. Das bereitet mir Sorgen und ich bin eindeutig dagegen. Damit würde den europäischen Verbrauchern eine Auswahlvielfalt genommen, die ihnen in den vergangenen Jahren durch den Binnenmarkt ermöglicht wurde.

Was ist dann die Logik dahinter? Es muss für das jeweilige Mitgliedsland doch einen Grund geben, solche Labels zu fordern.

Ja, es ist Angst vor Wettbewerb. Das ist eine rein politische Entscheidung.

Ist das für Sie ein Beweis, dass der gemeinsame EU-Markt scheitern könnte?

Für mich ist es ein Beweis, dass der Binnenmarkt derzeit funktioniert, in dem Sinne, dass es Wettbewerb gibt. Ich würde den Menschen raten, sich darauf zu konzentrieren, wettbewerbsfähig zu bleiben statt den Wettbewerb zu scheuen.

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Die Mittelmeerländer befürchten, dass eine Lebensmittelampel nach britischem Vorbild, wie die Lebensmittelindustrie sie fordert, die Qualität der mediterranen Ernährung schlechter darstellen könnte und alle Produkte in einen Topf werfen würde. Wie sehen Sie das? Kann eine vereinfachte Etikettierung eine eindeutigere Unterscheidung zwischen hochqualitativen Erzeugnissen sichern?

Es gibt in der Lebensmittelindustrie keine 100-prozentig einstimmige Meinung dazu; es gibt unterschiedliche Sichtweisen. Wir bei FoodDrinkEurope haben aber eine eindeutige Haltung zu Lebensmittelsicherheit, Qualität und Transparenz. Und die Etikettierung von Produkten ist ein wichtiger Teil der Transparenz. Die Verbraucher müssen ganz klar verstehen können, was sie kaufen und was dieses Produkt beinhaltet. Sie müssen auch leicht sehen können, wie viele Kalorien sie mit diesem Produkt zu sich nehmen. Wir haben jetzt seit 12 Jahren die sogenannten Guideline Daily Amount (GDA) Etiketten. Mit diesen Labels werden die empfohlenen Werte für die tägliche Kalorienzufuhr und für wichtige Nährstoffe angezeigt.

Das ist hilfreich für die Verbraucher, aber es gibt konstanten Druck von NGOs, Gesetzgebern und auch Medien, den nächsten Schritt zu gehen und ein interpretatives System einzuführen, mit dem die Verbraucher diese Werte noch einfacher und direkter verstehen können. In Großbritannien gibt es seit ein paar Jahren dieses freiwillige Ampelsystem. Einige Hersteller nehmen daran teil, aber es lässt sich bisher nicht beweisen, dass dieses System tatsächlich größeren Einfluss auf das Konsumverhalten hat. Das System soll Orientierung geben. Dabei besteht aber das Problem, dass einige Inhaltsstoffe, bestimmte Fette und Zucker beispielsweise, immer in rot angezeigt werden. Die Frage ist deswegen, ob dieses Farb-System mir als Verbraucher tatsächlich Hilfestellung dabei bietet, zu verstehen, was genau ich zu mir nehme. Ich glaube, das ist nicht zwingend der Fall.

Es gibt momentan Diskussionen darüber, wie wir das heutige GDA-System verbessern können, sodass es von Verbrauchern und Politikern angenommen wird, und sodass es den Verbrauchern noch bessere Unterstützung bei ihren Ernährungsentscheidungen bietet. Das ist eine schwierige Aufgabe.

Einfach das britische Ampelsystem zu übernehmen und es anderen Märkten überzustülpen ist keine einfache Lösung. Es wäre einfacher, wenn wir tatsächlich den eindeutigen Beweis hätten, dass das System in Großbritannien zu Verbesserungen geführt hat.

Wir müssen auch im Kopf behalten, was den Menschen im Mittelmeerraum bei ihren Speisen wichtig ist. In Großbritannien wird ein Stück Käse immer mit rot etikettiert sein, unabhängig von der gegessenen Menge. Das ist für die Verbraucher keine wirkliche Hilfe. Ich komme aus der Schokoladenindustrie. Die Menschen wissen: Wenn sie ein gutes Stück Schokolade essen, beinhaltet das Fett und Zucker. Vielleicht haben Sie schon mal zuckerfreie Schokolade probiert – die meisten Konsumenten würden lieber gar keine Schokolade essen, als zuckerlose. Wenn man einen bestimmten Geschmack und eine bestimmte Qualität erreichen will, muss man diese Zutaten verwenden. Es dreht sich also viel mehr um die Frage, wie viel man von solchen Produkten isst. Darum geht es uns.

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Thema Inhaltsstoffe: Ist eine Änderung der Zusammensetzung von Lebensmittelprodukten geeignet, um Gesundheitsbedenken anzugehen?

Ich glaube, wir müssen die Verbraucher dabei unterstützen, sich gesund zu ernähren. Es ist wichtig, dass die Industrie gute Qualität und guten Geschmack bei ausgeglichenem Kalorien- und Nährstoffprofil bietet. In diesem Sinne ist eine Änderung der Zusammensetzung wichtig. Die Nutzung von mehr natürlichen, authentischen und sauberen – und weniger künstlichen – Inhaltsstoffen ist ein wichtiges Element. Es gibt beispielsweise Belege darüber, wie die Reduzierung von Salzgehalt in Nahrung in den vergangenen fünf Jahren zu einer ausgewogeneren Ernährung beigetragen hat.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist auch die Kontrolle über Portionsgrößen. Wir wissen beispielsweise, dass das Anbrechen einer neuen Packung Lebensmittel eine größere Barriere für zusätzlichen oder Über-Konsum bietet, als eine rote Flagge auf der Verpackung.

Themenwechsel zum Schluss: Was sind Ihre Hauptbedenken in Bezug auf den Brexit?

Die größte Angst ist die vor einem harten Brexit. Ich bedauere den Ausgang des Referendums sehr. Es wird für Großbritannien und auch die verbleibenden 27 EU-Länder  langfristige Nachteile bringen, weil die EU-weite Versorgung mit Lebensmitteln stark ineinander verzahnt ist. Im Falle eines harten Brexits wird es schwierig, die Lebensmittelkette zu entwirren.

Nach 40 Jahren in der EU ist Großbritannien in vielen Fällen nicht mehr autark, was die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Getränken angeht. Und sie [die Briten] sind sehr stark in die EU-Lebensmittelketten eingebunden.