CEO von Pernod Ricard: Alkoholsteuer „bestraft“ verantwortungsbewusste Trinker

Alexandre Ricard: "Je mehr Sie die Verbrauchssteuern erhöhen, desto mehr bestrafen Sie die Konsumenten, die kein Problem mit Alkohol haben." [EURACTIV]

Die Entscheidung, Verbrauchssteuern auf Alkohol zu erheben, bestraft Verbraucher, die Alkohol mit Bedacht genießen – und diejenigen, die ohnehin exzessiv trinken, werden von Steuern nicht abgeschreckt, sagt Alexandre Ricard im Interview mit EURACTIV.com.

Alexandre Ricard ist CEO des Spirituosenherstellers Pernod Ricard.

Er sprach am Rande einer Veranstaltung zum Thema Prävention von Alkoholmissbrauch mit Sarantis Michalopoulos von EURACTIV.com.

Die Alkoholindustrie muss einen eigenen Regulierungsvorschlag zum Thema Etikettierung vorlegen. Wie sprechen Sie sich mit den anderen Herstellern ab?

Wir stehen mit der gesamten Industrie in Kontakt und wir sind uns alle einig, dass wir gegenüber unseren Kunden absolute Transparenz bezüglich der Inhalts- und Nährstoffe unserer Produkte bieten müssen.

Ich halte das für eine gute Sache: Die Leute müssen wissen, was sie konsumieren. Das ist ganz klar.

Wie sieht es mit Angaben aus, die online bereitgestellt werden? Glauben Sie, dass dies eine geeignete Maßnahme ist, um alle Verbraucher zu erreichen und zu informieren?

Diese sogenannte Online-Etikettierung ist extrem effizient, denn im Prinzip wird bald absolut Jeder seine Informationen im Internet einholen. Das bietet uns einen angemessenen Raum, um die Informationen, die für uns wirklich wichtig sind, genauestens detailliert anzubieten. Im Endeffekt können wir damit den Konsumenten also so genaue Informationen wie möglich geben, was Alkoholeinheiten usw. angeht.

Für 100 Prozent unserer internationalen Produkte sind solche Informationen bereits online erhältlich.

Aber sind solche Informationen wirklich für Jeden zugänglich? Bei jungen Leuten mag das sein, aber was ist mit den älteren Altersgruppen?

Was meinen Sie mit „älteren Altersgruppen”?

Menschen, die mit der Technologie nicht vertraut sind.

Welche Altersgruppe ist das?

Möglicherweise die Generation 60+?

Die Über-60-Jährigen, die ich kenne, sind alle online. Ich würde sogar noch einen anderen Blickwinkel einbringen, wenn ich darf: Ältere Menschen haben oftmals Probleme, kleine Labels zu lesen – das merke ich ja schon bei mir selber. Aber wenn Sie die Informationen auf einem Smartphone lesen, können Sie einfach reinzoomen.

EU-Gesundheitskommissar fordert Etikettierung aller Alkoholika

Die Kommission fordert, dass eine von der Getränkeindustrie vorgeschlagene Selbstregulierung alle erhältlichen alkoholischen Getränke umfassen muss.

Was könnten die Europäische Kommission oder die Industrie tun, um NGOs davon zu überzeugen, wieder am Forum zur Bekämpfung alkoholbedingter Schädigung teilzunehmen?

Zunächst einmal müssen wir zeigen, dass unsere Maßnahmen wirken. Das Programm Responsible Party (verantwortungsbewusstes Feiern), das wir gemeinsam mit dem Erasmus Students Network ins Leben gerufen haben, ist das perfekte Beispiel für eine Initiative des Forums, die funktioniert und greifbare Ergebnisse hat. Das ist in Studien belegt worden. Ich glaube fest an einen konstruktiven Ansatz. Das bedeutet, dass das Forum sehr inklusiv sein muss.

Ich bin für inklusives und konstruktives Arbeiten. Ich bin gegen Exklusivität und Gegenüberstellungen/Widersprüche. Ich glaube, wenn wir uns alle auf ein Ziel, nämlich Verantwortungsbewusstsein, einigen können, dann können wir zusammenarbeiten und echte Ergebnisse erzielen. Je mehr positive Ergebnisse wir erzielen, desto mehr zeigt dies, dass wir es ernst meinen und offen für neue Vorschläge sind. Ich glaube, dass wir als Industrie ein glaubwürdiger und zuverlässiger Akteur sind.

Und wir kennen unsere Produkte; wir sind uns der Schäden bewusst, die sie anrichten können, wenn sie missbraucht werden. Das räumen wir ein und erkennen wir an.

Andere Frage: Ist Ihre Industrie auf einen harten Brexit vorbereitet?

Ich denke, wenn es morgen einen strikten, harten Brexit geben würde – mit Importbeschränkungen von beiden Seiten – dann hätten alle exportorientierten Industrien Probleme.

Ich vertraue auf die Intelligenz aller Politiker auf beiden Seiten und darauf, dass sie eine Lösung finden. Für mich sieht es bisher so aus, dass die Dinge sich in die richtige Richtung entwickeln. Ich hoffe, das tun sie.

Die Spirituosenindustrie hat Unmut über die hohen Verbrauchssteuern geäußert. Gesundheitsverbände und NGOs sagen aber, dass diese Steuer positive Ergebnisse in der öffentlichen Gesundheit gebracht haben, die finanziellen Auswirkungen aber noch unklar sind. Wie sehen Sie das?

Zunächst einmal: Wenn Sie glauben, dass Steuererhöhungen das Problem des Alkoholmissbrauchs beenden werden, muss ich sagen: Das glaube ich nicht. Man macht die Produkte teurer und trifft damit die große Mehrheit der Menschen, die Alkohol verantwortungsbewusst genießen. Und die Minderheit, die ein Alkoholproblem hat, wird trotzdem weiter trinken. Deswegen glaube ich, dass wir die Menschen direkt erreichen und ihnen aufzeigen müssen, warum sie verantwortungsvoll trinken sollten.

Je mehr Sie die Verbrauchssteuern erhöhen, desto mehr bestrafen Sie die Konsumenten, die kein Problem mit Alkohol haben. Außerdem begünstigen Sie den Schwarzhandel.

Subscribe to our newsletters

Subscribe