Athener Handelskammer-Chef: Griechenland ist stabil

Konstantinos Michalos ist Präsident der Athener Industrie- und Handelskammer. [Sarantis Michalopoulos]

Griechenland ist politisch und wirtschaftlich stabil; jetzt ist es Zeit für mehr Investitionen, die Jobs schaffen und das BIP des Landes ankurbeln, sagt Konstantinos Michalos im Interview mit EURACTIV.com.

Konstantinos Michalos ist Präsident der Athener Industrie- und Handelskammer.

Er sprach mit Sarantis Michalopoulos von EURACTIV.

Das zweite Hilfspaket für Griechenlands ist erfolgreich abgeschlossen worden und es gibt gute Aussichten für die dritte Runde. Wie sehen Sie die Zukunft der griechischen Wirtschaft?

Richtig, obwohl das zweite Paket und seine Auswirkungen verspätet kamen, sind wir froh, dass es abgeschlossen wurde. Direkt nach Abschluss hat sich die griechische Wirtschaft stabilisiert, was sich sowohl auf den Finanzmärkten als auch in der gesamtwirtschaftlichen Situation des Landes widerspiegelte.

Wir haben in den ersten zehn Monaten des Jahres positive wirtschaftliche Zeichen gesehen. Es gab sogar einen kleinen Anstieg in der Industrieproduktion, was extrem positiv ist. Wir müssen uns jetzt klarmachen, dass es ohne eine produktive Umstrukturierung der griechischen Wirtschaft nicht das geben wird, was wir alle wollen, nämlich eine Rückkehr zum Wachstum. Das Land kann nicht weiter in seiner Kompradorenposition bleiben, die es seit Jahren hatte.

Um produktive Investments anzulocken, brauchen wir ein Klima der Stabilität. Dieses Klima haben wir heute. Ich hoffe, dass das dritte Paket, das einerseits schwierig werden könnte, weil politische Entscheidungen getroffen werden, aber auch einfacher, weil es keine Budget-Maßnahmen geben wird, bald abgeschlossen wird. So weit ich weiß, soll das bis Mitte oder Ende Dezember geschehen. Das wäre aus meiner Sicht sehr gut.

Auf makroökonomischer Ebene gibt es Fortschritte. Auf mikroökonischem Level braucht es immer etwas länger; es gibt es eine gewisse Zeitspanne, bis die Vorteile aus der Makroökonomie durchsickern. Wenn jetzt die Strukturreformen vorangetrieben werden, sind wir bald wieder auf einem guten Level, denke ich.

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Sie sprachen von wirtschaftlicher Stabilität. Gleichzeitig fordert die griechische Opposition vorgezogene Wahlen…

Wenn wir uns die derzeitige Rhetorik der größten Oppositions- und auch der anderen politischen Parteien ansehen, ist das Thema Neuwahlen nicht mehr so groß, wie noch vergangenes Jahr. Da es zu Zeiten des größten politischen Drucks nicht zu vorgezogenen Wahlen gekommen ist, ist das Thema langsam durch, glaube ich.

Was die Wirtschaft und die gesamte griechische Gesellschaft am meisten brauchen, ist ein Klima der Stabilität. Zumindest in Wirtschaftsfragen müssen die Parteien da bis zu einem gewissen Ausmaß an einem Strang ziehen. Dies ist eine nationale, keine ideologisch-politische Krise. Man braucht Konsens und solche Art der Zusammenarbeit, um sie zu meistern.

Momentan herrscht im Land politische Stabilität. Die derzeitige Regierung hat von Anfang an klargemacht, dass sie die erste Führung seit der Militärdiktatur sein will, die ihr Vierjahres-Mandat beendet. Wahlen werden somit erst 2019 zum Thema werden.

Welche Auswirkungen könnte die Zusammensetzung der neuen Regierung in Berlin auf das griechische Bailout-Programm haben?

Sie wissen, was über Wolfgang Schäuble gesagt wurde. Wir sind heute an einem Punkt, an dem wir glauben, dass es im griechischen Fall besser wäre, wenn Schäuble Finanzminister geblieben wäre. Nicht mal die Deutschen wissen heute, was bei den Koalitionsverhandlungen herauskommt. Es kann sein, dass Jamaika auch in Zukunft nur die Bezeichnung für eine Insel ist, und sonst nichts.

Im Prinzip wissen wir noch nicht einmal, ob Frau Merkel Kanzlerin bleibt. Das ist aber ein wichtiger Punkt, sie ist ein Element der Stabilität zwischen den beiden Ländern. Sowohl Herr Schäubles Ausscheiden als Finanzminister als auch der mögliche Abtritt von Merkel als Kanzlerin würden und werden für unser Land neue Probleme bedeuten.

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Was ist Ihre Haltung in Bezug auf den Brexit? Welchen Einfluss wird er auf die Geschäfte in Europa haben?

Da ist eine schwierige Situation entstanden und beide Seiten sind in unbekannten Gewässern unterwegs.

Was der europäische Business-Sektor will und wofür wir kämpfen, sind Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU oder zwischen Großbritannien und einzelnen EU-Staaten. Die neuen Beziehungen müssen sicherstellen, dass Handel und Unternehmertum im Allgemeinen einfach bleiben.

Andernfalls könnte der britischen Wirtschaft, wenn man den Bürokraten in Brüssel vertraut, eine sehr negative Zukunft bevorstehen – und davon profitiert niemand. Wir brauchen in den Gesprächen eine gewisse Nüchternheit, um eine Form der Zusammenarbeit zu finden. Wir reden hier nicht über ein kleines Land, sondern über eine globale Wirtschafts-Führungsmacht. Es muss so schnell wie möglich eine Lösung geben.

Aus Sicht der griechischen Unternehmer kann man sagen, dass die Beziehungen mit britischen Firmen seit Jahren bestehen und nicht so leicht erschüttert werden können. Ich bin sicher, dass die griechischen Unternehmer – unabhängig von Entscheidungen auf EU-Ebene – Lösungen finden werden, die einen reibungslosen Ablauf der wirtschaftlichen Transaktionen weiterhin sichert.

Wird es vom Rest Europas mit Widerwillen aufgenommen, dass Griechenland versucht, Investitionen von Drittstaaten aus der ganzen Welt zu sichern?

Ich glaube nicht. Es gibt vielleicht auch einige Europäer, die nicht glauben, dass diese Investitionen wirklich konkretisiert und weiter ausgearbeitet werden. Ich persönlich glaube das aber schon, weil ich nahe an dem Thema dran bin. Ich möchte auch offen sagen, dass ich es für eine gute Entwicklung halte, dass die griechische Regierung mit verschiedenen Wirtschaftsmächten der Welt in Kontakt steht.

Auch der letzte Besuch des griechischen Premierministers Alexis Tsipras in den USA stimmt mich optimistisch. Wir werden bald in Griechenland eine Delegation großer amerikanischer Firmen willkommenheißen. Die meisten von ihnen fokussieren sich auf Produktions-Investitionen.

Auch Investments aus China in die Infrastruktur sind gut. Das haben wir in den Diskussionen um das Investment von Cosco in den Hafen von Piräus gesehen. Es geht immer auch um die Frage, wieviele Arbeitsplätze diese Investitionen schaffen oder in Zukunft schaffen werden.

Was wir brauchen, ist mehr Produktion. Ich bin mir sicher, dass die amerikanischen Firmen, die über Investments in Griechenland nachdenken, einen Mehrwert für das griechische BIP und, was am wichtigsten ist, neue Jobs bieten werden.

Heute liegt die Arbeitslosigkeit in Griechenland noch immer bei einem EU-Rekordwert, trotz der hohen Anstrengungen der Regierung, die sie immerhin von 27,3 auf 21,3 Prozent drücken konnte. Wir müssen den Brain-Drain in unserem Land stoppen, unter dem wir seit Jahren leiden. Da bekomme ich manchmal Angst: Wer soll diese Investitionen, auf die wir hoffen, umsetzen, wenn wir 400.000 junge Menschen, die meisten davon mit Hochschulabschluss, an andere EU-Staaten verloren haben?

Wir brauchen ein wettbewerbsfähiges Steuergesetz. Ich hoffe, die Regierung realisiert, dass dies ein essenzieller Schritt ist. Die Genehmigungsprozesse und die Bürokratie müssen auf ein Minimum reduziert werden und außerdem müssen wir uns das Thema Versicherungsbeiträge für Investoren, egal ob einheimisch oder ausländisch, ansehen.

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