Von Syrien nach Bulgarien – Teil 2: „Ich wollte den Bulgaren etwas zurückgeben“

Nach seiner Flucht aus Syrien kam Elias nach Bulgarien – das zu jener Zeit in keiner Weise bereit war, für ihn oder die vielen anderen Asylsuchenden zu sorgen. In Teil 2 unserer Reihe erzählt er EURACTIV Rumänien von seinen ersten Erfahrungen in Europa.

Elias lebt mittlerweile im Zentrum der bulgarischen Hauptstadt Sofia – zusammen mit seiner Ehefrau und seinem Kind. Er ist Angestellter in einem IT-Unternehmen, das viele Vertragspartner in der arabischen Welt hat. Gleichzeitig gibt er Unterricht in arabischen Sprachen an der Universität Sofia.

Wann immer er die Zeit findet, hilft er jenen, die nur mit ihrem Rucksack bepackt durch die Straßen der Stadt irren, vor der Polizei fliehen, einen Unterschlupf für die Nacht suchen und auf eine Chance warten, den reichen Ländern im Westen noch einen Schritt näher zu kommen, um dort ein neues Leben aufzubauen.

Von Syrien nach Bulgarien – Teil 1: Flucht vor dem Tod

Elias ist ein Kurde aus Syrien, der aus Angst vor der Assad-Regierung nach Europa floh. In unserer mehrteiligen Serie beschreibt er seine gefährliche Reise. EURACTIV Rumänien berichtet.

EURACTIV: Was war Ihr ursprüngliches Ziel?

Elias: Deutschland, Schweden oder irgendein Land, in dem ich bessere Möglichkeiten haben würde. Warum ich also in Bulgarien geblieben bin? Nun, die Situation war wirklich schlimm. Wir waren in einem Lager mit ziemlich schlechten Bedingungen.

Wann war das?

Etwa vor einem Jahr in Sofia.

Sind Sie illegal nach Bulgarien eingereist?

Ja natürlich, einen anderen Weg gibt es schließlich nicht. Es gibt keine legale Möglichkeit. Ich habe Ihnen ja gesagt, dass wir kaum Pässe haben. Nach Europa gelangt man nur illegal; legal ist unmöglich.

Ich habe mir damals überlegt: Ich spreche verschiedene Sprachen – warum helfe ich nicht anderen Flüchtlingen, die das nicht können? Das habe ich dann auch getan. Nach einer Woche unterrichtete ich Kinder bei uns im Lager. Ich reiste mit einigen Gruppen in andere Lager – innerhalb und außerhalb Sofias – um auch andere Flüchtlinge zu unterstützen. So habe ich in einem dieser Camps meine Frau kennen gelernt.

Auch mein aktueller Chef, der Besitzer eines Unternehmens, setzt sich für Flüchtlinge ein. Ich habe ihn das erste Mal in einem Lager außerhalb der Stadt getroffen.

Ist auch er ein freiwilliger Helfer?

Ja. Nach einigen Monaten hat er dann noch einmal Kontakt mit mir aufgenommen und meinte: „Hallo Elias, wir entwickeln IT-Programme. Du kannst uns helfen, wenn du magst.“

Er ist also ein IT-Unternehmer.

Ja und jetzt arbeite ich für sein Unternehmen. Ich denke, das ist eine gute Sache.

Die Situation hier verändert sich. Vielleicht brauchen die Lager einfach nicht mehr so viel Unterstützung wie zu Beginn. Ich dachte, es sei an der Zeit, dem Land, das mich beschützt hat, etwas zurückzugeben.

Unter den Freiwilligen war auch ein Universitätsprofessor, der inzwischen ein guter Freund von mir ist. Er hat mich eingeladen, an seine Uni zu kommen und dort mit den Studenten zu sprechen. Genau das habe ich getan – ich habe mich einfach mit ihnen unterhalten. Sie mochten mich und dann bekam ich eine Stelle angeboten, weil ich ja auch ein Muttersprachler bin.

Sie unterrichten also Studenten?

Ja, ich bin Dozent für arabische Sprachen. Sie wussten, dass ich bereits einige Lehrerfahrungen hatte. In Kuba an der Universität von Havanna hatte ich auch schon vier Jahre lang unterrichtet. Ich bin ehrlich gesagt gern Lehrer. Es ist mehr als IT, mehr als ein Job bei einem outsourcenden Unternehmen oder so. Allerdings hat man in solchen Unternehmen natürlich bessere Aussichten, weil man mehr Geld verdient. An der Uni arbeite ich eher als eine Art Freiwilliger. Sie bezahlen sehr schlecht. Aber ich tue es gern für die Bulgaren – nicht für die Regierung, sondern für die Menschen, die mir von Anfang an geholfen haben.

Für den normalen bulgarischen Bürger also, nicht den Staat.

Genau, wie ich gesagt habe. Ich mache der bulgarischen Regierung keine Vorwürfe, denn die Situation in den Lagern ist mittlerweile besser als früher, als wir in der ersten Welle ankamen. Damals waren wir 10.000 Menschen – eine riesige Zahl für ein so kleines und armes Land wie Bulgarien. Alle Flüchtlinge, insbesondere die gut ausgebildeten, gehen daher nach Deutschland oder in andere Staaten.

Es hört sich an, als seien Sie gut integriert. Sie haben zwei Arbeitsplätze, eine Familie…

Ja, ich habe meine Familie hier. Wie ich bereits gesagt habe, wollte ich am Anfang nicht hier bleiben, aber dann hat mich das Schicksal dazu gebracht, zu bleiben – vielleicht damit ich meine Frau treffen konnte.

Sie haben erwähnt, Sie hätten sie hier kennen gelernt. Ist sie Bulgarin?

Sie ist halb Bulgarin, halb Syrierin.

Ein Grund, weshalb ich mich für Bulgarien entschieden habe, war aber auch, dass ich hier gute Chancen hatte, zu bleiben und einen Job zu finden. Andere Flüchtlinge bemerken nicht einmal, welche Gelegenheiten es hier gibt. Die Sprachbarriere ist natürlich ein großes Hindernis. Wenn man nicht verschiedene Sprache spricht, ist es schwieriger, sich zu integrieren. Ich denke, am einfachsten kann man sich in jede Gesellschaft integrieren, wenn man sich einen Arbeitsplatz sucht.

Sprechen Sie denn inzwischen Bulgarisch?

(Lacht) Nein, Asche auf mein Haupt.

Haben Sie vor, irgendwann nach Syrien zurückzukehren?

Eigentlich…

Oder fühlen Sie sich inzwischen als Bulgare? Ist das Land für Sie eine neue Heimat geworden?

Nicht direkt. Es ist Teil von mir. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass es mein Land ist, wie ich es zum Beispiel in Kuba dachte. Ich fühle mich eher wie ein Kubaner. Ein Teil von mir ist Kubaner, der andere ist Syrer.

Noch kein Bulgare also?

Noch nicht. Das ist anders. Wissen Sie, ich habe mich nie als Ausländer gefühlt. Ich bin immer noch dieselbe Person, derselbe Typ. Aber wenn ich hier arabisch spreche, kann ich die Leute manchmal geradezu denken hören „Ach, diese Araber“. Wenn ich dann aber anfange, Spanisch zu reden, lachen sie und sagen „Alles klar, Willkommen“.

Wie erklären Sie sich das?

Es ist die Propaganda in einigen Medien. Nicht nur hier in Bulgarien. Ich denke, es gibt in vielen Ländern böswillige Propaganda. Sie wollen zeigen, dass Flüchtlinge das Böse sind, dass wir schlimme Menschen sind, die nicht nach Europa kommen dürfen.

Subscribe to our newsletters

Subscribe