Jeffrey Sachs: „Die Trumps dieser Welt dürfen nicht das bekommen, was sie wollen“

Armut zu bekämpfen ist nur eine Frage der Organisation, meint US-Ökonom Jeffrey Sachs im Interview mit Euractiv.de. Auch wenn Donald Trump für das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele „absolut schädlich“ sei – die Welt sei reich genug, um die globalen Probleme zu lösen.

Jeffrey Sachs ist ein US-amerikanischer Ökonom und seit 2002 Sonderberater der Millennium Development Goals. Er ist Direktor des UN Sustainable Development Solutions Network sowie Direktor des Earth Institute an der Columbia University.

EURACTIV: Glauben Sie, dass die UN-Ziele für 2030 erreichbar sind? Wir sprechen ja hier von lediglich 13 Jahren. Wir haben eine EU, die nicht vereint ist. Wir sehen weltweit einen Anstieg des Populismus. Es sieht ein wenig nach „Wir haben einen Plan, aber verlasst euch nicht allzu sehr darauf“ aus.

Jeffrey Sachs: Aus technischer, finanzieller, wirtschaftlicher, organisatorischer Sicht sind die Ziele auf jeden Fall erreichbar. In einer Welt, die ohnehin reich ist, liegt die durchschnittliche Produktionsleistung pro Person – egal ob Mann, Frau, Kind – bei fast 17.000 Dollar. Wie sollen wir Armut bekämpfen? Ich glaube, es ist nur eine Frage der Organisation. Werden wir die Ziele erreichen? Das hängt wirklich davon ab, ob wir es schaffen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Trump ist in dieser Hinsicht natürlich absolut schädlich.

Das heißt aber nicht, dass in Europa auch so ein Durcheinander, so eine Unklarheit herrschen muss. Trump könnte ein Signal an die EU sein: Es ist Zeit, ein eigenständiges Europa mit einheitlicher Politik zu erschaffen. Zeit, aufzustehen und sich um sich selbst zu kümmern, wie Kanzlerin Merkel gesagt hat. Es gab immer dieses Gefühl, man könnte sich auf die USA verlassen. Das ist aber nicht mehr so. Europa sollte aufstehen. China das ein wichtiger, neuer Partner sein wird – ist bereits aufgestanden.

Sehen Sie sich den Nahen Osten an: Saudi-Arabien will US-Waffen im Wert von 110 Milliarden Dollar kaufen. Da ist meine Frage: „Meint ihr das ernst? Das ist es, was ihr mit 110 Milliarden Dollar machen wollt? Wie wäre es stattdessen, eure Leute zu unterstützen? Wie wäre es, der Region zu helfen – einer Region, die an Dürren leidet, die riesige Umweltprobleme hat, wo Kinder keine ausreichende Bildung bekommen? Wie wäre es stattdessen, die Kriege in Syrien und in anderen Gebieten wie dem Irak durch friedensstiftende Maßnahmen zu beenden? Warum sollte man 110 Milliarden Dollar für modernste Kriegstechnologie ausgeben? Warum nimmt man das Geld nicht und löst die echten Probleme? Das ist eine Einstellungssache.

Und auf der anderen Seite haben Sie Trump, der sagt: „Toll, wir verkaufen diese Riesenmenge an Waffen, das bringt Jobs, Jobs, Jobs.“ Das ist einfach verrückt, ehrlich gesagt. Sie können auch Arbeit schaffen, wenn Arzneimittel, Moskitonetze, medizinische Geräte hergestellt oder Hilfskräfte bereitgestellt werden. Sie sind beim Thema Jobs nicht darauf angewiesen, Waffen, die Menschen töten, zu produzieren.

Wir müssen uns also bewusst werden, dass wir schlechte Entscheidungen treffen. Wir sind reich genug, um die Probleme zu lösen – was wir ja auch versprochen haben. Und wir müssen aufpassen, dass die Donald Trumps dieser Welt, diese negativen Kräfte, nicht das bekommen, was sie wollen. Es ist klar, was die Mehrheit der Menschheit will: Frieden, Anstand, Gesundheit, Bildung…Und wir haben die Ressourcen, das zu erreichen.

Welche Rolle spielt Europa dabei? Der Populismus wächst nun mal auch in Europa.

Das sehe ich nicht so. Der Populismus wächst nicht, er ist eher auf dem absteigenden Ast. Macrons Wahlsieg in Frankreich war ein entscheidender, überwältigender Sieg. Auch die Populisten in Deutschland verlieren an Zustimmung – das sind sehr gute Nachrichten. Der niederländische Populist Geert Wilders hat in der vergangenen Wahl krachend verloren – und die moderaten Kräfte haben deutlich gewonnen.

Ich glaube daher nicht, dass der Populismus wächst. Aber er ist natürlich trotzdem eine Bedrohung, die wir immer im Blick haben müssen. Um diese Bedrohung loszuwerden, müssen wir Klarheit schaffen. Und wir müssen die verdammten Kriege beenden. Die sind nämlich der Grund, warum Flüchtlinge nach Europa kommen, und natürlich ist das eine destabilisierende Entwicklung. Aber man kann sie stoppen, indem man die Kriege in Libyen, Irak, Syrien, Afghanistan – wo die USA absolutes Chaos angerichtet haben – beendet. Das ist eine Möglichkeit, die wir haben.

Ich glaube nicht, dass wir diesen Kampf [gegen den Populismus] verlieren werden. Aber wir in den USA haben momentan alle Hände voll zu tun. Dort sitzt ein gefährlicher, populistischer Präsident, der immer wieder die internationalen Beziehungen durcheinanderbringt. Uns steht noch ein langer politischer Kampf bevor.

Wie sehen Sie die Zukunft der Welt mit einem Amerika in seiner derzeitigen politischen Verfassung: unvorhersehbar und instabil, wenn es um seine Außenbeziehungen geht, und auch nicht sehr zukunftsorientiert, wenn man sich die Industrie-, Sozial- und Arbeitspolitik ansieht.

Die USA haben eine komplexe Gesellschaft und vor allem ein sehr kompliziertes politisches System, mit seinen 50 Staaten. Der Gouverneur von Kalifornien hat sich kürzlich mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Peking getroffen, um eine chinesisch-kalifornische Zusammenarbeit in Sachen Klimawandel zu diskutieren. Wenn Kalifornien ein unabhängiger Staat wäre, wäre es eine der größten Volkswirtschaften der Welt – so ein Treffen ist also wirklich bedeutsam. Ich selber wohne an der US-Ostküste, das ist auch kein Trump-Gebiet. Er hat da ein paar seiner Tower und Wohnungen, aber nicht die Mehrheit der Stimmen.

Das Land ist einfach sehr divers. Als Trump ankündigte, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen, haben sich hunderte Gouverneure, Bürgermeister und Uni-Rektoren dagegengestellt und gesagt: „Auf keinen Fall. Wir machen so weiter, wie bisher. Wir halten unsere Klimaversprechen.“ Der ehemalige Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg, reichte eine Unterschriftenliste ein, mit der die Unterzeichnenden sich verpflichteten, weiterhin die Emissions-Reduzierungsziele von Präsident Obama zu verfolgen. Darunter waren Vertreter der meisten großen Staaten und der wichtigsten Städte des Landes. Darüber hinaus liegen Trumps Beliebtheitswerte in Umfragen konstant unter 40 Prozent.

Nichtsdestotrotz ist er der aktuelle Präsident des mächtigsten Landes der Welt.

Wir befinden uns in einem politischen Kampf, das ist echte politische Arbeit. Ich glaube nicht, dass Trumps Ansichten in irgendeiner Form die Mehrheit der Amerikaner repräsentieren. Deswegen müssen wir, die wir am wenigsten mit ihm übereinstimmen, unsere politische Rolle übernehmen, unsere Pflicht als Bürger wahrnehmen und sagen: „Nein. Wir glauben an das bestehende Weltsystem, wir glauben an den Kampf gegen den Klimawandel, wir glauben an den Kampf gegen Armut. Wir glauben nicht an Steuererleichterungen für Ihre Kumpane. Wir glauben, Sie sollten Ihre Steuerangelegenheiten offenlegen, weil wir glauben, dass Sie massive Interessenskonflikte haben. Das ist unser politischer Kampf. Aber der Rest der Welt sollte keine schlaflosen Nächte haben und sich zu sehr um uns kümmern. Es gibt noch viel mehr Arbeit zu tun.

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