Volkszählung in Bosnien-Herzegowina: Politische Zahlenspiele

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Seit dem Krieg in den neunziger Jahren traute sich lange niemand an eine allgemeine Volkszählung in Bosnien-Herzegowina. [Foto: Fotokon / Shutterstock]

Die Wahlergebnisse in Bosnien-Herzegowina ähneln schon lange nicht mehr den Ergebnissen der Volkszählungen. Dennoch wird der Zensus politisch genutzt, schreibt Heiner Grunert.

Seit dem Krieg in den neunziger Jahren traute sich lange niemand an eine allgemeine Volkszählung in Bosnien-Herzegowina. Nationalisten aller Couleur befürchteten landesweit und örtlich zu geringe Ergebnisse für die eigene Gruppe. Zudem hatte man Angst, die ethnischen Säuberungen der Kriegsjahre und die mangelhafte Rückkehr der Flüchtlinge würden demographisch belegt und damit schwarz auf weiß verstetigt. Es war die Furcht der politischen Klasse vor einer demographischen Wahrheit, deren Konstruktionsprozess man für nicht kontrollierbar hielt.

Die letzte Volkszählung hatte 1991 kurz vor dem Zerfall Jugoslawiens stattgefunden. Auch gab es aus anderen Quellen kaum verlässliche demographische Daten – aufgrund der hochgradigen Dezentralisierung des Landes und seiner wenig professionell arbeitenden Verwaltung. Der staatlichen Planung in der Steuer-, Bildungs-, Verkehrs- und Sozialpolitik fehlten daher über Jahrzehnte wichtige statistische Grundlagen. Nach jahrelangem Streit einigten sich die politischen Entitäten und Parteien auf einen allgemeinen Zensus im Jahre 2013. Dabei stritt man im Vorfeld der Zählung heftig über die Fragen und Antwortmöglichkeiten nach der ethnisch/nationalen und der religiösen Zugehörigkeit sowie nach der Muttersprache – um die sensiblen Kategorien in einem nach ethnischen Prinzipien strukturierten Staat.

Im Oktober 2013 führte die Statistikagentur die lang geplante Volkszählung mit klassischen Fragebögen statt. Nachdem in Sarajevo Ende 2013 bereits vorläufige summarische Ergebnisse veröffentlicht wurden, brach erneut Streit um die Verrechnung von Zählkategorien aus. Zudem gab es konträre Auffassungen darüber, wer als dauerhaft in Bosnien lebend zu betrachten sei – wie also nicht dauerhaft im Land lebende sog. nichtresidente Bürger zu zählen seien. Auch befürchteten Politiker von Parteien auf ethnischer Grundlage, die teils ‚falschen‘ Antworten aus der Bevölkerung könnten statistisch ‚falsch‘ gedeutet und gezählt werden – bosnisch nicht als bosniakisch gewertet werden, muslimisch nicht als bosniakisch oder etwa orthodox nicht als serbisch im nationalen Sinne. Vor allem fürchteten die Apologeten ethno-politischer Eindeutigkeit die realen Ambivalenzen und daraus erwachsende Deutungen und Forderungen.

Ohne Einigung veröffentlichte die Statistikagentur in Sarajevo nun am 30. Juni 2016 amtliche Endergebnisse – beinahe drei Jahre nach ihrer Erhebung. Einen Tag später wäre die Zählung auch gesetzlich verfallen. Zudem gelten allgemeine statistische Daten als eine Voraussetzung für den EU-Kandidatenstatus, den Sarajevo noch in diesem Jahr hofft zu bekommen.

Die politische Führung der Republika Srpska lehnt die Ergebnisse grundlegend ab. Ihr Präsident Milorad Dodik kündigte an, in Kürze eigene Volkszählungsergebnisse für die Republika Srpska zu veröffentlichen. So zeigt sich am Zensus auch wie begrenzt funktional der Staat Bosnien-Herzegowina ist – im Guten wie im Schlechten. Zwar konnte die Zählung letztlich professionell durchgeführt und Ergebnisse veröffentlicht werden, jedoch mit dreijähriger Verspätung (rechnet man nur ab der Zählung) und ohne den Konsens einer allgemeinen Anerkennung durch alle politischen Institutionen des Landes.

Dabei verdeutlichen die Ergebnisse in aller Klarheit, was die meisten Menschen bereits fürchteten zu wissen. Zum einen leben in Bosnien-Herzegowina nur mehr 80 Prozent der Vorkriegsbevölkerung – 3.5 anstatt 4.4 Millionen und somit mehr als 800.000 Menschen weniger als 1991. In anderen Worten fehlt heute in Bosnien dreimal die Einwohnerschaft von Sarajevo. Der Publizist Srđan Puhalo schrieb, das traurigste an den offiziellen Zahlen sei, dass in Bosnien tatsächlich noch weniger Menschen lebten als die Zahlen von 2013 suggerierten. Zehntausende Menschen verlassen das Land jährlich, womit es regelmäßig auf den ersten Plätzen der Migrationsstatistiken nicht nur Deutschlands steht.

Zum zweiten und das ist der politische Sprengstoff, besitzen die muslimischen Bosniaken heute eine hauchdünne absolute Mehrheit im Lande – 50,1 Prozent der Bevölkerung bezeichnet sich als Bosniaken im ethnisch/nationalen Sinne. Serben verzeichneten nach den Ergebnissen 31 Prozent und Kroaten 15 Prozent, was für beide nationalen Gruppen den demographischen Tiefpunkt seit dem Beginn verlässlicher demographischer Daten im 19. Jahrhundert darstellt. 1895 hatte die habsburgische Verwaltung im Vergleich dazu noch 43 Prozent orthodoxe Serben und 21 Prozent katholische Kroaten gezählt. Offensichtlich hatten Kroaten jedoch ein noch geringeres Ergebnis für ihre Volksgruppe erwartet.

Der schmalen bosniakischen Mehrheit im Lande stehen dabei eindeutige Zahlen in den Entitäten gegenüber. Dies spiegelt die ethnischen Trennlinien seit dem Krieg wider und verstärkt sie zusätzlich. In der Republika Srpska lebten 2013 rund 82 Prozent Serben mit 14 Prozent Bosniaken und lediglich reichlich zwei Prozent Kroaten zusammen. Dagegen bilden 70 Prozent Bosniaken und 22 Prozent Kroaten in der Föderation eine überwältigende Mehrheit gegenüber weniger als drei Prozent Serben. Am ehesten den Verhältnissen im Lande entsprechen jene im Kondominium des Distriktes Brčko, wo 42 Prozent Bosniaken, 35 Prozent Serben und 21 Prozent Kroaten leben. Die Unausweichlichkeit politischen Miteinanders der ethnischen Gruppen zeitigt in Brčko seit Jahren die besten Erfolge.

Für ethno-politisch Denkende und Handelnde lieferte der Zensus eine weitere schlechte Nachricht: In der bosnischen Hauptstadt Sarajevo mit rund 275.000 Einwohnern innerhalb der Föderation leben 81 Prozent Bosniaken, fünf Prozent Kroaten und vier Prozent Serben. Ein ganzes Zehntel der Stadtbevölkerung entzog sich hier jedoch der nationalen Zuordnung – d.h. sie „erklärten sich nicht“, bekannten sich selbst zu „Anderen“ oder verweigerten ganz die Antwort auf die Frage nach der ethnisch/nationalen Zugehörigkeit. Einerseits hat Sarajevo damit heute einen muslimischen Bevölkerungsanteil wie seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr.

Das Prinzip der Konfessionsnation ist weiter bestimmend

In der Verweigerung gegenüber der ausschließlichen Eindeutigkeit der drei Nationen, die den Staat vermeintlich konstituieren, ist Sarajevo jedoch ebenso Vorreiterin im Land – landesweit fühlten sich in Bosnien nur 3,6 Prozent nicht einer der drei Nationen zugehörig, in der Föderation 4,6 Prozent und in der Republika Srpska nur zwei Prozent. Damit bewahrt die serbisch-nationale Politik Milorad Dodiks in der RS die klaren identitären Verhältnisse im nationalen Sinne deutlich besser als der Pluralismus der Nationen, Parteien und Meinungen in der Föderation. Nicht nur die fehlende Rückkehr nach Flucht und Vertreibung stärkte letztlich die eindeutige nationale Konnotation von Städten, sondern auch die starke Landflucht: Ostbosnien, die Ostherzegowina und Westbosnien sind heute äußerst dünn und mit einer relativ alten Bevölkerung besiedelt.

Das Prinzip der Konfessionsnation ist weiter bestimmend. Die Bevölkerungsanteile unterscheiden sich nach religiöser und ethnisch/nationaler Zugehörigkeit nur im Zehntelbereich (50,1 Prozent Bosniaken – 50,7 Prozent Muslime, 30,8 Prozent Serben – 30,7 Prozent Orthodoxe, 15,4 Prozent Kroaten – 15,2 Prozent Katholiken), was die Muttersprache angeht dagegen deutlich mehr (52,8 Prozent gaben Bosnisch, 30,8 Prozent Serbisch und 14,6 Prozent Kroatisch als Muttersprache an). Ethnokonfessionalität als die Verschmelzung von Ethnos und Religion ist damit unter orthodoxen Serben am stärksten verbreitet. Auch stimmt der ethnische Anteil von Serben mit der Angabe zur Muttersprache überein. Dagegen gibt es deutlich mehr muttersprachliche Sprecher des Bosnischen als Bosniaken und deutlich weniger Kroaten als Kroatischsprecher, was auf zarte Ansätze einer Differenzierung zwischen Ethnos/Nation, Religion und Sprache unter Bosniaken und Kroaten hinweist.

Die Wahlergebnisse in Bosnien-Herzegowina ähneln schon lange nicht mehr Volkszählungsergebnissen. Dennoch wird der Zensus politisch genutzt und gedeutet. Solange die Politik von ethnischen Prinzipien und Argumenten bestimmt wird, solange ethnische Zugehörigkeit eine der wichtigsten politischen Ressourcen im Lande ist, solange wird auch eine Volkszählung politischen Sprengstoff bieten und keine Ergebnisse liefern, denen eine Mehrheit vertraut. Die wahrhaft beunruhigenden Daten bezüglich der Auswanderung von jungen und gebildeten Menschen, die hohe Arbeitslosigkeit und die zunehmende Alterung der Gesellschaft werden so dagegen kaum beachtet.

Der Autor
Heiner Grunert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Geschichte Ost- und Südosteuropas der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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