Europas schnelle Lösungen können junge Afrikaner noch stärker zur Migration drängen

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Afrikanische Migranten in einem Auffanglager des Roten Kreuzes. [MikeDotta/Shutterstock]

This article is part of our special report EU-Afrika-Gipfel: Fokus auf Jugend, Sicherheit und Investitionen.

Für Europa hat die Lösung der Migrationskrise in Verhandlungen mit afrikanischen Staaten oberste Priorität. Berichte über Sklavenhandel in Libyen sollten aber ein Warnzeichen dafür sein, dass kurzfristige Lösungen verheerende Auswirkungen für junge Afrikaner haben können, sagt Marije Balt.

Marije Balt ist Chefin von SpringFactor, Post-Konflikt-Expertin und ehemalige Diplomatin. Sie engagiert sich seit 1995 in der Konfliktlösung und Friedensförderung.

Der EU-Afrika-Gipfel fand in Abidjan statt. Die größte Stadt in der westafrikanischen Elfenbeinküste hat den Spitznamen „Manhattan der Tropen“. Tatsächlich hat die Elfenbeinküste eine der am schnellsten wachsenden Wirtschaften des Kontinents – die Jugend des Landes profitiert davon aber nicht. Laut Youth Development Index geht es den jungen Ivorern sogar schlechter als anderen Afrikanern ihrer Generation. Allein im vergangenen Jahren erreichten mindestens 12.000 Menschen aus der Elfenbeinküste die italienischen Küsten.

Nur wenig von ihnen haben ein Recht auf Asyl, doch die Rückführung von jungen Migranten nach Afrika gestaltet sich ebenfalls schwierig, da die afrikanischen Regierungen wenig Interesse an der Kollaboration in Europas Migrationspolitik haben.

Als ich kürzlich in der Elfenbeinküste war, sagte man mir: „Europa hat den Migrationsstrom selbst ausgelöst, indem es Gaddafi abgesetzt hat. Das hat zu Chaos in Libyen geführt. Europa beutet die afrikanischen Ressourcen schon viel zu lange aus. Hilfe und wirtschaftliche Investition sind gering im Vergleich zu den illegalen Finanzströmen – hauptsächlich von westlichen Konzernen, die damit ihre Steuerverpflichtungen geschickt umgehen.“

Wenn es um die afrikanischen Führungen an sich geht, ist es sicherlich leicht, Kritik zu üben. Aus afrikanischer Sicht ist die Situation aber: Europa macht in Afrika, was es will und erhebt dann auch noch den Zeigefinger.

Hohe Geldsendungen aus Europa nach Afrika machen es für afrikanische Regierungen zusätzlich schwierig, die Migration einzudämmen. Sie wird oft als „Europas Problem“ gesehen. Gleichzeitig sind diese Regierungen auch wenig daran interessiert, Migranten wieder ins Land zu lassen, die illegal in Europa sind. Als die EU Mali einen entsprechenden, attraktiven Deal anbot, standen die Behörden dort unter dem Druck der Bevölkerung, die sich verraten fühlte.

Derweil wird Europa ungeduldig. Wo ist unser früherer Einfluss? Soll Afrika seine Grenzen doch selbst sichern. Brauchen diese – oft alten – Führer Geld oder Ausrüstung? Die können sie haben! Zur Not auch auf Umwegen, wie in Libyen. Mit dieser Strategie haben europäische Politiker punkten können und eine dramatische Verringerung der Zahl an Migranten, die das Mittelmeer überqueren, erreicht. Aber die menschlichen Kosten sind riesig, wie Berichte von CNN über den angeblichen Sklavenhandel in Libyen zeigen.

Und in Westafrika steigt der Druck.

EU und Afrika wollen Opfer von Menschenhändlern aus Libyen herausholen

Angesichts der menschenverachtenden Zustände in libyschen Flüchtlingslagern und Vorwürfen des Sklavenhandels hat eine Reihe von Ländern beim EU-Afrika-Gipfel beschlossen, die Opfer von Menschenhändlern aus dem Land herauszuholen.

Im Senegal, in Burkina Faso und in Gambia haben Jugendbewegungen erfolgreich alternde Führer aus dem Amt gedrängt. Die jungen Afrikaner erkennen ihren Einfluss, gerade weil ihre Zahl bis 2050 auf 400 Millionen Menschen wachsen wird. Der 2017er Ibrahim Index of African Governance warnt, dass die Regierungen hingegen versuchen, den Status Quo aufrecht zu erhalten. Proteste wurden unterdrückt, das Internet eingeschränkt. Nun wollen sie auch die Bewegungsfreiheit der jungen Menschen einschränken und dafür möglicherweise gut ausgebildete Grenzschützer und ihre Hi-Tech-Ausrüstung nutzen, die eigentlich gegen Migrantenschmuggler und Terroristen eingesetzt werden sollen. Das fürchtet Afrikas Jugend – während die Europäische Union weiterhin auf starke Führer baut.

Nun könnte man sagen, der EU-Afrika-Gipfel habe zum Glück die Jugend als übergeordnetes Thema gesetzt. Viele Geldgeber und Organisationen sehen in der Schaffung von Jobs und dem Unternehmertum Chancen. Doch in Wirklichkeit gibt es für die afrikanische Jugend wenig Raum, tatsächlich ein Business zu starten oder zu entwickeln: Die ältere Generation hat das Gefühl, ihre Zeit sei noch nicht gekommen, während „Behörden“ ihren Teil der Profite abschröpfen wollen.

Macht es also Sinn, solche Unterfangen mit Hilfszahlungen zu fördern? Wenn Sie Unternehmer sind, was tun Sie dann mit ihren Darlehen oder Ihrem Ersparten? Sie gehen natürlich nach Europa! Die afrikanischen Jugendlichen sind ungeduldig, denn sie wissen, was der europäische Kontinent ihnen zu bieten hat – Instagram sei Dank!

Es sollte daher nicht nur darum gehen, was der Jugend helfen kann, sondern was ihr schadet. Auch das ist inzwischen unsere Angelegenheit. Europäische Politiker können es sich nicht leisten, unbedacht in Afrika zu intervenieren und Führer von der europäischen Politik-Agenda zu „überzeugen“ indem sie gekauft werden. Dadurch können ebendiese Führer ihre Macht weiter sichern, echtes Wirtschaftswachstum im Keim ersticken und die Jugend ihrer Länder noch wirkungsvoller unterdrücken. Unsere eigentlich gut gemeinte Unterstützung für junge Unternehmer wird dann möglicherweise nicht die gewünschten Resultate haben: Die Anreize, zu gehen, sind stärker. Und die Zahl der Jugendlichen in Afrika wird sich verdoppeln.

Wenn man zukunftsorientierte afrikanische Regierungen, die gewillt sind, im Sinne der Jugend zu handeln, an Bord holen will, dann sollte die EU eine gleichberechtigtere und offenere Beziehung zu Afrika eingehen. Wäre es nicht wundervoll, gemeinsam eine neue Generation afrikanischer Unternehmer mit EU-Investitionen in Wissen, Technologie und regionale Integration aufzubauen?

Stattdessen setzt Europa weiterhin seine Interessen vor die der afrikanischen Staaten: Unfaire Handelsbedingungen, illegale Finanzflüsse an den afrikanischen Steuerbehörden vorbei, Sicherheitsinterventionen im Interesse der Europäer – das plagt und ärgert diese zukunftsorientierten Führer. Unsere europäischen Politiker müssen ihr Verhalten ändern, wenn man diese Eliten mit an Bord haben will.

Wenn das nicht geschieht, werden die Deals mit Afrika für die Jugend dort weiterhin ein Anreiz bleiben, ihre Heimat zu verlassen.

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