Eine evangelikale Bewegung erschüttert die Parteiendemokratie in Costa Rica

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Was steckt hinter dem politischen Umschwung, der von einigen Beobachtern als das Ende des lange vorherrschenden Zweiparteiensystems in Costa Rica gesehen wird, fragt Andreas Stamm. [EPA-EFE/JEFFREY ARGUEDAS]

Am 4. Februar dieses Jahres fanden in Costa Rica Wahlen statt, die die Parteiendemokratie des zentralamerikanischen Landes erschüttert haben.

Ein charismatischer Fernsehprediger erzielte vor allem mit homophoben Thesen einen Erdrutschsieg und kommt überraschend in die für den 1. April vorgesehene Stichwahl um die Präsidentschaft. Hier spiegelt sich ein verbreiteter Trend in Lateinamerika wider: der rapide Aufstieg konservativer evangelikaler Gruppen in Gesellschaft und Politik.

Das Ende des Zweiparteiensystems in Costa Rica

Seit 70 Jahren verlaufen Regierungswechsel in Costa Rica durchweg friedlich auf Basis einer funktionsfähigen Parteiendemokratie. Von 1970 bis 2014 wurden sieben Präsidenten von dem sozialdemokratischen Partido Liberación Nacional (PLN) und fünf von dem konservativen Partido Unidad Social Cristiana (PUSC) gestellt. 2014 setzte sich erstmals der Kandidat einer anderen Partei durch, des linksliberalen Partido Acción Ciudadana (PAC). Das überkommene Zweiparteiensystem war zu Ende. Die Wahl im Februar 2018 führte zu Ergebnissen, die kurz zuvor nicht voraussehbar waren. Die evangelikale Bewegung des Partido Renovación Nacional (PREN) kam noch im November 2017 auf Zustimmungswerte von unter 5 Prozent und erhielt am 4. Februar fast 25 Prozent der Stimmen. Der PAC Kandidat erzielte knapp unter 22 Prozent.

Im Hintergrund hatte sich schon länger Unmut bei traditionellen Bevölkerungsteilen aufgebaut. Dieser kristallisierte sich insbesondere zu Themen heraus, die die Evangelikalen in weiten Teilen Lateinamerikas seit Jahren instrumentalisieren: Gleichstellungspolitik (als „Genderideologie“ verunglimpft), eine pluralistische Sexualerziehung, und vor allem die gleichgeschlechtliche Ehe. Am 9. Januar verpflichtete ein Urteil des Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof IDH seine Mitgliedsstaaten dazu, gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Ehen zu garantieren. Die costa-ricanische Verfassung verpflichtet die Regierung zur Umsetzung von Urteilen des IDH. Der Kandidat des PREN kündigte dennoch an, das Urteil im Falle eines Wahlsiegs zu missachten. Dies führte innerhalb von nur vier Wochen zu seinem kometenhaften Aufstieg, der zu einer Zustimmung von fast 25 Prozent bei den Februarwahlen führte.

Der Aufstieg rechtskonservativer evangelikaler Bewegungen in Lateinamerika

Im überwiegend katholischen Lateinamerika verzeichnen evangelikale, vor allem pfingstkirchliche Bewegungen in den letzten drei bis vier Jahrzehnten Zulauf. Während sich 1970 noch etwa 92 Prozent der Menschen dem katholischen Glauben zuordneten, waren es 2014 nur noch 69 Prozent. In einigen Ländern rechnen sich große Teile der Bevölkerung heute dem protestantischen Glauben zu, so wie in Guatemala 40 Prozent, in Honduras 36 Prozent, in Nicaragua 26 Prozent und in Costa Rica zwischen 15 Prozent und 25 Prozent.

Während diese Bewegungen lange Zeit eher unauffällig agierten, greifen sie zunehmend nach politischem Einfluss und Macht. So wurde 2015 ein evangelikaler Fernsehkomiker Präsident von Guatemala. Seit 2016 ist ein protestantischer Priester Bürgermeister von Rio de Janeiro. In Kolumbien hat die pfingstkirchliche Bewegung massiv gegen den Friedensvertrag zwischen der Regierung und der Rebellenorganisation FARC gearbeitet und maßgeblich zu seiner Ablehnung in der ersten Abstimmung im Oktober 2016 beigetragen.

Der Aufstieg evangelikaler Gruppen begann in Guatemala bereits in den 1930ern und erfolgte in verschiedenen Ländern unterschiedlich rasch. Ihre Missionsarbeit zielt vor allem auf die besonders armen Bevölkerungsschichten, teilweise auf indigene Gruppen und Nachkommen versklavter Afrikaner, zum Beispiel an der zentralamerikanischen Karibikküste. Früh wurden diese Zielgruppen durch den Einsatz von Massenkommunikationsmitteln wie Radio und Fernsehen („Televangelistas“) erreicht, heute durch professionelle Netzwerke multimedialer Diffusionskanäle (RedeRecord, UnoRed). So wurden die zunächst verstreut lebenden Zielgruppen früh erreicht. Durch die Landflucht der letzten Jahrzehnte siedeln diese heute vor allem in Marginalvierteln der Großstädte, wo evangelikale Kirchen oft das einzig sichere Stück öffentlichen Raumes darstellen.

Die „drive-through“-Gebiete Costa Ricas

Was in den USA das „flyover country“ ist, das sind in Costa Rica die „drive through“-Gebiete, Regionen an beiden Küsten, die die Stadtbevölkerung nur bei Wochenend- und Urlaubsfahrten zu den Stränden erlebt. Die dort lebende Bevölkerung ist von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen und von der wirtschaftlichen Dynamik im zentralen Hochland abgekoppelt. Evangelikale Kirchen sind oft erste Anlaufstellen bei Naturkatastrophen und persönlichen Notlagen. Daher ist ihr Zulauf hier besonders stark. Ihr politischer Arm PREN erhielt bei den Februarwahlen in der Pazifikprovinz 35 Prozent und an der Karibikküste 42 Prozent der Stimmen. Da sich die hier lebende Bevölkerung seit Jahrzehnten vernachlässigt fühlt, ist unwahrscheinlich, dass sie sich bei der Stichwahl am 1. April grundlegend anders entscheiden wird. Deren Ausgang ist Mittel März absolut offen.

In diesem Jahr stehen noch Wahlen in Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Venezuela und Paraguay an. Auch in diesen Ländern spielen die Evangelikalen eine zunehmende Rolle.

Der Beitrag wurde in der Aktuellen Kolumne des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik erstveröffentlicht. 

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