Türkei-Putsch: Das inkompetenteste Unterfangen überhaupt?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Ein türkischer Soldat bewacht den Taksim-Platz [Foto: dpa]

Was auch immer am 15. Juli tatsächlich geschehen sein mag, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan geht stärker daraus hervor denn je – und verhafte jeden wegen angeblichen Hochverrats, der ihm nicht passt, schreibt George Friedman.

George Friedman ist ein weltweit anerkannter Politologe und Autor aus den USA. Vor Kurzem gründete er Geopolitical Futures, einen weltweiten Analysedienstleister, für dessen Vorstand er jetzt tätig ist.

Am Freitagabend verbreitete sich die Nachricht, dass Panzer durch die Straßen Istanbuls rollten, dass zwei Brücken über den Bosporus gesperrt seien und es Straßenkämpfe in Ankara gebe. Eine bewaffnete Invasion der Türkei schien ziemlich unwahrscheinlich, daher wurde schnell klar: Es handelt sich um einen versuchten Staatsstreich. Während des Kalten Krieges waren solche Putschversuche gang und gäbe. Selbst in der Türkei gab es 1980 einen solchen Versuch. Auch in Lateinamerika und Südostasien standen sie an der Tagesordnung.

Eine kleine Putsch-Anleitung 

Ganze Bücher widmen sich der Frage, wie man einen Staatsstreich anzettelt. Die Grundregel ist ganz einfach: Plötzlich und mit maximalem Überraschungseffekt. Wenn Informationen über die Planung Ihres Putschversuchs durchsickern, werden Sie wahrscheinlich inhaftiert und erschossen. Um das zu vermeiden, sollten Sie sich einen guten Grund überlegen, weshalb massenhaft Panzer auf die Hauptstadt zurollen, die Luftwaffe sich auf Einsätze vorbereitet und den Soldaten der Urlaub gestrichen wird. Die Erklärung erster Wahl ist folgende: Sie als hochrangiger Beamter, der sich das Ganze ausgedacht hat, haben einen Überraschungseinsatz des Militärs angeordnet, um die Bereitschaft der Truppen zu testen. Sollte ihr Amt nicht hochrangig genug sein, um eine solche Befugnis zu haben, sollten Sie am besten gar nicht erst damit anfangen, einen Coup zu planen.

Wenn Sie sich nun aber entschlossen haben, einen Staatsstreich durchzuführen, teilen Sie den Plan mit so wenig Menschen wie möglich, die Ihnen gegenüber loyal sind (viel Glück dabei). Und vergessen Sie nicht, warum man von einem Staatsstreich spricht: Es ist ein plötzlicher Schlag gegen die amtierende Regierung. Oberstes Ziel ist es, die Kommunikationskanäle unter Kontrolle zu bringen und abzuschalten. Das heißt, man muss an die Systeme herankommen, die Telefongespräche ermöglichen. Das war früher die Telefonzentrale. Leider ist das Ganze inzwischen etwas komplizierter geworden. Sie sollten nämlich auch daran denken, die Sozialen Medien zum Zusammenbruch zu bringen. Stürmen Sie sämtliche Radiosender und ersetzen Sie das Personal mit Ihren eigenen Leuten. Ist das gelungen, nehmen Sie sich wichtige Regierungsgebäude vor – wenn Sie erst die Kommunikationskanäle kontrollieren, sind diese Gebäude so wichtig wie Lagerhäuser.

Die führenden Politiker – der Präsident, hochrangige Verteidigungsbeamte oder welcher Minister auch immer für die innere Sicherheit und die Polizei verantwortlich ist, müssen so schnell wie möglich aufgegriffen werden. Idealerweise nehmen Sie die betroffene Person an einem Wochenende bei Nacht fest und holen sie von zuhause ab – aus erfundenen Sicherheitsgründen natürlich.

Es gibt tatsächlich Regeln für das Durchführen von Staatsstreichen und wenn es irgendwann Pläne gibt, sie wieder einzuführen, dann werde ich ein Buch mit dem Titel „Coups für Dummies“ verfassen.

Eine Fehleranalyse

Der Türkeiputsch begann Freitag spät in der Nacht, wie man es bei Coups normalerweise macht. Es hatte im Vorfeld nicht mal einen kleinen Hinweis in der Öffentlichkeit auf die Geschehnisse gegeben. Abgesehen davon, dass Erdoğans Sicherheitskräfte offensichtlich vorgewarnt wurden, hat also alles funktioniert. Wenige Stunden nach den ersten Berichten über Kämpfe in Ankara und über Panzer und tieffliegende F-16-Kampfflugzeuge in Istanbul, schien sich der Staatsstreich deutlich verlangsamt zu haben. Noch für einige Zeit waren Panzer in den Straßen unterwegs, doch die Medien, einschließlich die sozialen Netzwerke, funktionierten wieder. Sie waren nur in den ersten Stunden abgeschnitten gewesen.

Am wichtigsten jedoch: Es gab keinen Bericht darüber, dass Erdoğan in Gewahrsam genommen wurde. Das scheint seltsam, denn sein Aufenthaltsort war bekannt. Er war zu besagter Zeit im Mares Hotel in Marmaris. Wenn wir davon wussten, dann wussten es auch alle anderen. Er hat sich in keinster Weise versteckt. Wir sind davon ausgegangen, dass ein ausgewähltes Team per Helikopter zum ihm kommen und ihn in Gewahrsam nehmen würde. Da Putschisten keinen Zug-um-Zug-Plan bereitstellen, haben wir einfach angenommen, das wäre das Erste, was sie tun würden.

Schließlich sind uns noch zwei weitere Dinge aufgefallen, die zeigen, dass die Putschisten tatsächlich einige Zeit die Kontrolle übernommen haben. Erstens: Mehrere Rundfunkanstalten waren kurzzeitig nicht mehr auf Sendung. Der türkische Sender TRT wurde eingenommen und die Sprecher gezwungen, eine vorbereitete Stellungnahme vorzulesen, bevor die Übertragung abgebrochen wurde. Auch die Zeitung Hürriet ist nach eigenen Angaben übermannt worden. Die Mitarbeiter habe man als Geiseln genommen. Zweites – vielleicht noch wichtigeres – Anzeichen: Die eroberten Rundfunkanstalten erhielten die schriftliche Ausrufung eines Regierungsausschusses und eines weltlichen Regimes. Die Kommunikation lag zu dieser Zeit brach und wir gingen davon aus, dass man Erdoğan und potenzielle Gegner festgenommen habe. Tatsächlich dachten wir, der Staatsstreich würde gelingen.

Dann geschah etwas Bizarres: Erdoğan erschien bei einem Interview auf CNN Türk, einem Sender, den die Putschisten nicht hatten abstellen können (das schafften sie erst, als sich das Schicksal bereits gegen sie gewandt hatte). Scheinbar habe ich also doch noch nicht alles über Coups gelernt. Der türkische Präsident hatte das Interview über FaceTime mit seinem iPhone gegeben. Er war also nicht verhaftet worden, nicht alle Medien waren in den Händen der Putschisten und der Präsident konnte zu den türkischen Bürgern sprechen. Die Annahme, der Staatsstreich sei geglückt, brach in sich zusammen.

Stellt sich die Frage: Warum ist es den Anstiftern des Putschversuchs nicht gelungen, die unterschiedlichen Sender zur gleichen Zeit einzunehmen? Wie konnte es ihnen misslingen, Erdoğan festzuhalten? Wie konnte all das geschehen, ohne dass es ein Zeichen von Kämpfen des Erdogan-treuen Arsenals gegen das Militär der Putschisten gegeben hätte? Wenn ein Gegencoup angezettelt wurde, wie ist es dann möglich, dass in einer der größten und einwohnerreichsten Städte der Welt, in Istanbul, Informationen zu den Putschisten, nicht aber zum Gegencoup durchsickern konnten? Es gab zwar durchaus kämpferische Auseinandersetzungen in Ankara, bei denen ein Hubschrauber auf das Parlamentsgebäude schoss. Ein unerbittliches Aufeinanderprallen der Streitkräfte, wie es sonst bei gescheiterten Putschversuchen der Fall ist, blieb jedoch aus.

Diese Fragen stellten wir uns gleich zu Beginn. Die Türkei verfügt über einen sehr fähigen Geheimdienst im In- und Ausland sowie über einen militärischen Nachrichtendienst. Darüber hinaus hat auch Erdoğan sicher ein eigenes Netzwerk von loyalen Anhängern. Vielleicht sollte man sich also eher fragen: Wie will man angesichts dieser Tatsachen überhaupt einen Staatsstreich anzetteln, ohne erwischt zu werden? Der Präsident war sich schon immer der Bedrohung durch das Militär bewusst. Tatsächlich hatte er kurz vorher mehrere Militärmitarbeiter verhaften lassen, weil diese angeblich einen Coup geplant hatten. Erdoğan ist nicht unvorsichtig. Anders als in vielen anderen Ländern ist der Geheimdienst sehr professionell und scheinbar loyal. Wie konnte es also sein, dass offensichtlich niemand von dem Putschversuch wusste? Die beste Erklärung hierfür (wenn auch reine Spekulation) ist wahrscheinlich, dass hochrangige Geheimdienstmitarbeiter mit den Putschisten unter einer Decke steckten.

Der Staatsstreich nahm kein plötzliches Ende, sondern lief eher langsam aus. In einem Moment wurden Ankündigungen in den Medien verlesen, dann ergaben sich nach und nach die Soldaten, die auf dem großen Taksim-Platz in Istanbul stationiert gewesen waren, der Polizei. Schließlich tauchte Erdoğan erneut auf, diesmal in Istanbul und rief die Bürger dazu auf, ihre Regierung in den Straßen der Stadt zu verteidigen. Gleichzeitig verkündete er, Fethullah Gülen, ein türkisch-islamischer Akademiker, der mittlerweile in Saylorsburg in Pennsylvania lebt, habe den Staatsstreich angezettelt.

Hier sollte man kurz innehalten und sich klarmachen, dass in dieser seltsamen Geschichte nur eine einzige Sache nicht komisch erscheint: nämlich, dass ein in die Jahre gekommener Akademiker in Pennsylvania hinter alledem stecken soll. Wer weiß, ob diese Vermutung stimmt. Gülen war früher jedenfalls Erdoğans Verbündeter. Dann gab es einen wichtigen Bruch in ihrer Beziehung und Erdoğan begann, die Anhänger Gülens zu verfolgen. Die Idee, dass Gülen etwas mit dem Putschversuch zu tun haben könnte, ist keineswegs abwegig.

Nach dem gescheiterten Staatsstreich ließ Erdoğan Tausende Menschen verhaften. Das war zu erwarten, doch die Liste derer, die festgenommen wurden – darunter auch sein höchster Militärberater Oberst Ali Yazici – war so lang, dass man sich fragt, wie sie so schnell hatte aufgestellt werden können. Es kommt einem so vor, als sei die Liste schon vorher geschrieben und dann einfach fertig aus der Schublade gezogen worden.

Hierfür gibt es drei Erklärungsansätze. Erstens: Die Putschisten waren absolut inkompetent. Zwar stimmt es, dass ein Staatsstreich oft ein auswegloses Unterfangen ist, doch sollte es eigentlich klar sein, dass der amtierende Präsident festgenommen werden muss. Die Putschisten ließen die Stadt Istanbul weit geöffnet für Erdoğan und das nutzte er zu seinem Vorteil.

Die zweite Möglichkeit: Man wusste schon frühzeitig von dem Coup, sodass der Präsident immer von äußerst loyalem Wachpersonal beschützt wurde. Erdoğans Team hat jeden Schritt der Putschisten vorausgesehen und entsprechend gehandelt – sie wussten über alles Bescheid. Man erstellte eine Liste für die Festnahmen, weil Erdoğan schön längst wusste, wer in den Versuch involviert war. Anders gesagt: Der Präsident wurde gewarnt und ließ das zum Scheitern verurteilte Unterfangen laufen, um zu sehen, wer alles dazugehörte, und um sein erbittertes Vorgehen gegen eben jene zu rechtfertigen.

Der dritte Erklärungsansatz, den auch schon die Medien in Erwägung ziehen: Erdoğan hat den Coup selbst angeleiert und den Anschein des Scheiterns perfekt in Szene gesetzt, um seine Säuberungen im Militär und den Geheimdiensten rechtfertigen zu können. Außerdem gaben ihm die Ereignisse die Möglichkeit, die USA, welche auf die Türkei angewiesen ist, mit dem Thema Gülen zu konfrontieren. Erdoğan warf den Amerikanern passive Komplizenschaft vor. Denn immerhin hätten sie Gülen den Staatsstreich planen lassen.

Ich kann nicht sagen, welches Szenario der Wahrheit entspricht. Vielleicht gibt es auch noch eine vierte oder fünfte Möglichkeit. Eines steht jedoch fest: Der Coup wirkte – aus welchen Gründen auch immer – wie das inkompetenteste Unterfangen überhaupt. Erdoğan ging daraus stärker denn je hervor und kann jetzt nach Belieben Kritiker wegen Hochverrats verhaften lassen. Ein weiteres Ergebnis der letzten Tage ist die Konfrontation mit den USA, die sich scheinbar um Gülen dreht. Eigentlich jedoch geht es um regionale Macht und wie diese ausgeübt werden kann. Im Zentrum der zukünftigen amerikanisch-türkischen Beziehungen wird vor allem die Frage stehen, wie man mit dem Islamischen Staat verfahren sollte.

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