Amerikanische Kalt-Warm-Strategie zermürbt Seoul

DISCLAIMER: All opinions in this column reflect the views of the author(s), not of EURACTIV.COM Ltd.

Mit gemischten Gefühlen und vielen Fragen sieht Südkorea dem Besuch des amerikanischen Präsidenten entgegen, meint Ewald König. [EPA-EFE/YOSHIKAZU TSUNO]

Mit gemischten Gefühlen und vielen Fragen sieht Südkorea dem Besuch des amerikanischen Präsidenten entgegen. Donald Trump wird auf Einladung von Präsident Jae-In Moon am 7. und 8. November in Seoul sein, davor spricht er in Tokio mit Ministerpräsident Shinzo Abe, danach mit Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping.

Trumps Visite findet knapp nach Abschluss der amerikanisch-südkoreanischen Militärmanöver statt, durch die sich der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-Un äußerst provoziert sieht. Zu den gemeinsamen Übungen gehört übrigens auch, die Evakuierung von US-Personal samt Familienangehörigen zu trainieren.

Trumps Themenliste klingt auf den ersten Blick harmloser, als die Brisanz der Lage vermuten lässt. Die Gespräche in Seoul sollen sich um die Stärkung der bilateralen Allianz drehen, um die Zusammenarbeit in der nordkoreanischen Atomfrage, um die Etablierung von Frieden und Stabilität in Nordostasien sowie um den Ausbau der grundlegenden Zusammenarbeit Washingtons und Seouls.

Hinter der protokollarischen Themenliste verbergen sich jedoch knallharte Interessenskonflikte. Zunächst fühlt sich Südkorea laufend irritiert. Es fehlt die Kohärenz in den Botschaften, die aus Washington nach Korea dringen. Hört man auf US-Außenminister Rex Tillerson, scheint eine diplomatische Konferenz unmittelbar bevorzustehen. Hört man dagegen auf Präsident Donald Trump, muss man jederzeit mit einem Militärschlag gegen Nordkorea rechnen. Diese Kalt-Warm-Strategie zermürbt Südkorea zunehmend.

Zweitens fühlt sich Südkorea permanent zweitrangig behandelt. Im Falle eines Kriegsausbruchs ist Südkorea zwar voll betroffen, in den Verhandlungen jedoch wird es nicht auf gleicher Augenhöhe behandelt. Trump tendiert dazu, in der Koreafrage gern mit Xi und Abe zu telefonieren, aber Moon zu oft zu übergehen. Sein bevorstehender Besuch könnte dieses Defizit ausgleichen.

Diese Missachtung gilt – drittens – auch in der Informationspolitik bei den Übungsflügen der amerikanischen Militärjets in den laufenden Manövern. Selbst wenn weder der nord- noch der südkoreanische Luftraum von US-Bombern berührt wird, würde es die Regierung in Seoul durchaus wertschätzen, wenn sie von ihrem mächtigen Alliierten besser unterrichtet werden würde.

Viertens registriert Seoul mit Befremden, dass die USA ausgerechnet in dieser Krisenzeit und in dieser Krisenregion noch immer keinen Botschafter für Südkorea entsandt haben. Seit fast einem Jahr wird die US-Mission in Seoul von einem Geschäftsträger geleitet. Für die Neubesetzung des vakanten Botschafterpostens gibt es, zumindest offiziell, noch nicht einmal einen Kandidaten.

Fünftens drängt sich nicht nur bei den Südkoreanern die Frage auf, ob es ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt sei, dass Washington das Freihandelsabkommen (FTA) mit Südkorea überprüfen, aufkündigen und neu verhandeln möchte.

Trump wäre gut beraten, würde er mit seinem Korea-Besuch in diesen Punkten für etwas Klarheit sorgen.

Subscribe to our newsletters

Subscribe