Achtung! Hier spricht Moskau.

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Wie der russische Informationskrieg die Kinderzimmer erreicht, bewertet Petra Erler. [youtube]

Bisher wurde in der EU der Kampf gegen russische Desinformationskampagnen vor allem als ein Problem gezielter falscher oder irreführender Meldungen angesehen. Gerüchte und Verschwörungstheorien würden in die Welt gesetzt, mit dem klaren Ziel, die westlichen Demokratien auszuhöhlen und Zwietracht unter den westlichen Alliierten zu säen.

Schon das NATO-Handbuch zum Thema macht jedoch darauf aufmerksam, dass der Informationskrieg, der von der russischen Seite geführt wird, einen „ganzheitlichen“ Ansatz hat. Die EU unterhält inzwischen Webseiten, die das Navigieren im Informationsdschungel erleichtern, darunter EU versus Desinformation .

Allein der erste Satz eines dort veröffentlichten Artikels vom 12. November macht die Komplexität der Problematik klar: „Was ist schlimmer, Lügen zu verbreiten oder andere davon abzuhalten, die Wahrheit zu sagen?“ Streng zu Ende gedacht, bedeutet dass, das jeder Augenblick, den ein EU-Bürger darauf verwendet,  russische Propagandamedien zu konsultieren (wie RT oder Sputnik), verloren ist für die Beschäftigung mit Inhalten bzw. Fakten, die durch westliche Medien an uns herangetragen werden. Nicht umsonst warnen deshalb unter anderem amerikanische aber auch der deutsche Geheimdienst vor den russischen Propagandawerkzeugen, die „feindlich“ sind.

Aber, wie sich jüngst herausgestellte, sind selbst die mit allen Wassern gewaschenen Geheimdienste nicht auf die Perfidie des Putinschen Informationskrieges vorbereitet, der nicht nur Erwachsene zur Zielscheibe hat, sondern auch Kinder, Kleinkinder genauer gesagt.  

Das mag als Entschuldigung dafür gelten, dass öffentlich-rechtliche und private Medienanstalten vieler EU-Staaten, aber auch der USA (Netflix), Kanadas und sogar in der muslimischen Welt offenbar den zynischen Aspekt der Vereinnahmung von Kleinkindern für die russische Agenda seit Jahren nicht nur nicht bemerkten, sondern darüber hinaus auch noch aktiv unterstützten.

Dank der aufmerksamen und kritischen Augen unserer baltischen Freunde und nunmehr auch der britischen Medien „The Times“ und „Daily Mail“ kann aber nunmehr niemand mehr sagen,  wir seien nicht gewarnt worden. Sehr spät zwar, aber hoffentlich noch nicht zu spät.

Es geht um die russische Kindertrickfilmserie „Mascha und der Bär“.2009 in Russland angelaufen, hat sie seit 2013 nicht nur einen festen Platz bei KIKA oder im französischen Kinderfernsehen, sondern in mehr als 20 Staaten, weltweit. Episoden dieser Serie gehören zu den meistgeklickten youtube-Videos (außer Musikvideos). Die Episode „Mascha und Kascha“ bekam über drei Milliarden Klicks. Mascha ist dreijährig und Bär ihr Freund und Beschützer.

Nun aber fragt die „Daily Mail“ am 17. November: „Ist Mascha und der Bär ein Strohmann Putins?“ 

Kritiker dieser Serie behaupten, so die „Daily Mail“ weiter, dass sie vom Kreml produziert wurde, um Kinder zu unterwandern. Dazu zitiert die  „Daily Mail“ eine Veröffentlichung einer finnischen Zeitung. Diese nahm Bezug auf  Priit Hobemagi, einen Kommunikationsexperten aus Estland. Der habe in einem Vortrag konstatiert, die Serie wäre ein wunderbar gemachtes Element einer Kampagne, die gefährlich für Estlands Sicherheit  sei. Der Bär stehe für Russland, das sympathisch wirken solle. Hobermagi ist nicht allein mit seinen Bedenken, die ausführlich auf dem estnischen blog „propastop“ 2017 aufgeschrieben wurden. Die „Times“, (wiederholt von „Daily Mail“) befragte deshalb auch einen britischen Sicherheitsforscher. Dieser analysierte den Charakter der dreijährigen Mascha: „Mascha ist lebhaft, ungezogen, aber auch mutig. Sie spielt sich gerne auf. Es ist nicht zu weit hergeholt, sie als „putinesque“ zu bezeichnen“.  

Selbstverständlich haben russische Propaganda-Medien diese jüngsten Erkenntnisse als „pathologische Russophobie“ abgetan. Die „Daily Mail“ hat deshalb im Beitrag zur Erinnerung ihrer Leser ein Video des russischen Staatsfernsehens  „Kanal 1“ verlinkt, in dem die westliche Berichterstattung zum Fall Skripal als „Russophobie“ bezeichnet wird.

Die Produzenten der Serie „Mascha und der Bär“ beeilten sich, zu versichern,  die Serie wäre ganz ohne Gelder des Kremls produziert worden. Als ob das etwas zu bedeuten hätte! Schließlich weiß jeder, dass Putin immens reiche Leute kennt, die ihm gerne jeden Gefallen tun. Und ausländische Investoren wollten die Macher ja gar nicht, wie „Spiegel online“ enthüllte. Damit Mascha nicht ihre Seele verliere. Das sagt doch alles!

Ein bisschen Recherche in die Tiefe (wie Bellingcat, aber ohne hacken) bringt es vollends ans Tageslicht: 2015 erklärte der Produzent der Serie gegenüber „Iswestija“, der internationale Erfolg der Serie liege darin, dass sie „menschliche Probleme“ anspreche. Durch die künstlerische Machart käme sie aber nahezu ohne Worte aus. (Merke: Wortlose Manipulation ist also möglich). Um dann schließlich die Katze aus dem Sack zu lassen: die Serie, so sinngemäß,  setze die „sowjetische Tradition“ des Zeichentrickfilms mit neuen Mitteln in einer neuen Zeit fort. Da ist der bolschewistische Einfluss offen eingeräumt, den die estnischen Freunde und die litauischen Freunde sofort gerochen haben. Die wurden wegen einer Folge misstrauisch, die sich – natürlich sinnbildlich – mit der Verteidigung der russischen Grenze beschäftige: Mascha, beschützt die Möhren im Garten ihres Freundes (Bär) vor dem verfressenen Hasen. Mit einer Mütze mit rotem Stern. Dem Sowjetstern.  

Wie tief die russische Infiltration im Falle besagter Serie bereits reicht, machte die Kommentarspalte der „Daily Mail“ deutlich. Nur ein Leser war längst wegen der russischen Herkunft der Serie misstrauisch geworden. Die allermeisten berichteten, nicht nur ihre Kinder oder Enkel würden diese Serie gern sehen, sondern sie ebenfalls. Natürlich gab es bei den Leserzuschriften auch ein paar Stimmen, die darauf hinwiesen, dass westliche Produktionen keineswegs sinnfrei wären (Tom und Jerry hauen sich gegenseitig auf den Kopf), was nur als „Whataboutism“ bezeichnet werden kann. „Whataboutism“ ist eine (putinfreundliche) Denkart, die glaubt, westliche und russische Handlungen sollten nach einer Elle gemessen werden.

Diese jüngsten Enthüllungen offenbaren, dass die EU in ihrem Kampf gegen den russischen Informationskrieg im Wortsinn nicht nur in den Kinderschuhen steckt, sondern in dramatischen Rückstand geraten ist. Millionen Kinder sind möglicherweise längst dem „putinesquen“ Charakter von Mascha erlegen.

Das führt zu dem Schluss, dass es eine große europäische Aufgabe ist, nunmehr diese Serie, aber darüber hinaus das gesamte Spektrum russischer, künstlerischer Produktion unter dem Aspekt des Informationskriegs genau zu studieren.

Aber auch das wird wahrscheinlich nicht reichen. Inzwischen wissen wir, wie langfristig die Russen denken. Trump sollen sie schon seit 1987 kultiviert haben.  Noch als Sowjets. Was, wenn sie zum Beispiel Astrid Lindgren in der Tasche hatten? Lindgrens Kindercharaktere haben sehr viele „putinesque“ Züge. Man denke nur an „Pippi Langstrumpf“ (Mut zum Andersdenken) oder „Ronja Räubertochter“ (wild und furchtlos).  Aber Pippi und Ronja heißen nicht Mascha. Und da diese Werke der DDR suspekt waren und jetzt von den Chinesen auf den Index gesetzt wurden, ist Astrid Lindgren wahrscheinlich doch kein trojanisches Pferd des Kremls. Aber wachsam sollte man schon bleiben.

Wenn es um Russland und dessen Krieg gegen den Westen geht, kann die Dimension der Aufgabe überhaupt nicht überschätzt werden. Wie kam der rote Stern auf die kalifornische Flagge? Oder auf das Etikett eines italienischen Mineralwassers?  Und vor allen Hand aufs Herz: Schauen wir uns die heutige Generation von deutschen Kleinkindern doch einmal genau an: Mutig. Klar, bis zur Selbstüberschätzung. Ungezogen. Leider auch. Die wollen einfach nicht schlafen. Lebhaft. Und wie! Nach zwei Stunden ist man selber knülle, während der kleine Mensch vor Elan überschäumt. Spielen sie sich gerne auf? Schlimmer noch! Sie fühlen sich als Mittelpunkt der Welt. Jede Menge kleiner Putins oder Putinas, um die Mädchen nicht zu vergessen.

Das ist keine hysterische Russophobie, sondern die logische Vermessung eines perfide orchestrierten hybriden russischen Angriffs, der sich nicht nur chemischer Waffen (Skripal) sondern nunmehr auch biologischer Waffen  (Kinder) bedient.

Aber unschuldig, wie der weiße Schnee, sind wir auf soviel russische Bösartigkeit und Hinterlist gar nicht vorbereitet. Das macht mir sehr zu schaffen.

 

Die Autorin

Petra Erler ist Geschäftsführerin der Strategieberatung European Experience Company GmbH. Zuvor war sie Kabinettschefin unter EU-Kommissar Günter Verheugen und Staatssekretärin für Europäische Angelegenheiten der Bundesrepublk Deutschland.

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