Zeugenbericht aus Minsk: „Endlose Schläge“

Pawel Daroschka aus Minsk berichtet über die Polizeigewalt der vergangenen Woche. Im Bild: Polizisten schlagen auf eine unbekannte Person ein. Minsk, am 10. August 2020. EPA-EFE/TATYANA ZENKOVICH

Als er aus seinem Auto gezerrt und mit dem Gesicht nach unten auf der Straße lag, konnte sich Pawel Daroschka nicht vorstellen, dass die folgenden Ereignisse noch schlimmer werden würden. Er war einer der Tausenden von Menschen, die am 11. August in Belarus festgenommen wurden. Über seine Erfahrungen sprach er mit EURACTIVs litauischem Netzwerkpartner LRT.lt.

LRT konnte die Identität Pawel Daroschkas über weitere Quellen in Belarus sicherstellen. Einige, allerdings nicht alle, Details seiner Geschichte konnten ebenfalls bestätigt und als gesichert eingeschätzt werden. LRT sieht keinen Anlass oder Grund, an der Authentizität der im Folgenden beschriebenen Ereignisse zu zweifeln.

Die Festnahme

Der 32-jährige Elektroingenieur aus Minsk gab im Gespräch mit LRT an, er sei nach einem späten Abendessen mit drei Freunden im Auto unterwegs gewesen. Sie seien in der Nähe des Einkaufszentrums Riga von einem mit einem Gewehr bewaffneten Beamten angehalten worden. Im Umfeld des Einkaufszentrums hatten sich zuvor einige der heftigsten Konfrontationen des Abends abgespielt.

„Selbst als [die Polizisten] uns zu Boden brachten, selbst als sie uns neben unserem Auto anschrieen und beleidigten, dachte ich noch, dass es schon nicht so schlimm werden würde. Als sie uns aber vom Boden hochhoben und anfingen, uns mit hinter dem Rücken gefesselten Händen und gesenktem Kopf in Richtung des Gefangenenwagens zu schleifen, wurde mir klar, dass es wohl doch viel schlimmer kommen könnte.“

Pawel Daroschka in seinem Krankenhauszimmer [Screenshot des Zoom-Gesprächs, LRT / Privat].

„Die Menschen im Gefangenentransporter waren eine Masse, ein Brei aus Armen, Beinen, Köpfen und Körpern, die miteinander verschlungen waren. Sie wurden einfach hineingeschmissen, einige mit verdrehten Armen, andere aber auch mit ungefesselten Händen. Es waren etwa fünf Schichten von Menschen: Irgendwer lag oben, irgendwer lag unten. Gerade für die Personen unten wurde die Luft knapp. Jemand hatte epileptische Anfälle.“

„Wenn man die Hände auf dem Rücken gefesselt hat, und man auf anderen Menschen liegt – und das alles in einem Durcheinander von Armen, Beinen und Köpfen – ist es sehr schwierig, überhaupt nur aufzustehen.“

Kurze Zeit später sei er wieder aus dem Wagen geholt und in einen Linienbus gebracht worden, der ebenfalls für den Gefangenentransport vorgesehen war. Dabei seien er und andere geschlagen worden: „Sie schlugen uns mehrfach mit Schlagstöcken, damit wir schneller aufstehen. Als wir aus dem Gefangenentransporter stiegen, wurden wir von einer Reihe Polizisten der OMON empfangen und erneut geschlagen.“

Auch als sie den zweiten Gefangenentransporter betreten sollten, sei erneut zugeschlagen worden.

Schlussendlich sei er zu einem dritten Fahrzeug, einem Truck, gebracht worden, indem elf Menschen in einem Bereich mit angeblich nicht viel mehr als einem Quadratmeter Fläche zusammengepfercht waren. Da einige der anderen Festgenommenen nicht gefesselt waren, konnten sie Daroschka helfen, mit seinem Handy seine Freundin anzurufen und sie über die Vorfälle zu informieren.

„Wir wurden wie Vieh in einem Schlachthof verladen. Wieder folgten Schlagstöcke. Wenn einer von uns nach Wasser oder Luft bettelte, oder versuchte zu fragen, „Warum?“… oder wenn jemand darum bat, nicht mehr geschlagen zu werden – so wurde nur noch mehr geprügelt,“ so Daroschka.

Daroschkas Verletzungen [Pawel Daroschka / Privat]

Nach dem Aussteigen aus dem Gefangenentransport hätten die Festgenommen sich an einen Zaun knieen müssen. „Mir wurde schwindelig. Vielleicht haben mich diese harten Schläge auf den Kopf auch ein wenig aus dem Schockzustand herausgerissen […] Sie [legten mich] auf den Boden, ich hielt nur noch meine Hände über meinen Kopf. So lag ich etwa eine Stunde lang.“

„Diejenigen, denen es nicht gut ging, durften sich hinlegen – wie ich. Ich glaube, es waren etwa fünf Leute, die sich sich nicht mehr halten konnten, und auch derjenige, der Epilepsieanfälle hatte. Sie erhielten keine weitere Hilfe. Niemand versuchte, sie zu reanimieren, und [die Offiziere] schlugen sie immer noch mit Schlagstöcken, wenn sie um Hilfe baten. Während der Zeit, in der ich neben dem Zaun lag, erhielt ich auch noch einige Schläge.“

„Wir sollten dann mit erhobenen Händen aufstehen. Aber als ich aufstehen wollte, merkte ich, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Mein Kopf drehte sich ganz schlimm. Ich sagte zu denen, die neben mir standen: „Das war’s, Leute, ich kippe um“. Sie alarmierten die Aufseher, denn ich konnte nicht mehr sprechen.“

In diesem Zustand sei Daroschka aus der Reihe der Gefangenen gezogen und zu Borden geworfen worden. „Und so lag ich da, soweit mir berichtet wurde, bis etwa sechs Uhr morgens.“

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Während dieser Stunden habe ihn seiner Erinnerung nach eine Krankenpflegerin des Gefängnisses medizinisch beobachtet, aber keine weitere Hilfe angeboten. Erst als sie feststellte, dass er überhaupt nicht mehr antwortete oder reagierte, habe sie in den frühen Morgenstunden einen Krankenwagen gerufen.

„Als wir dort auf dem Rasen lagen und auf den Krankenwagen warteten, sahen wir, wie viele Menschen sie herbrachten. Jedes Mal sahen wir, wie sie unter einem Hagel von Knüppelschlägen abgeladen wurden, jedes Mal hörten wir Menschen schreien und jammern, die darum bettelten, nicht geschlagen zu werden. Die Menschen schrien: „Warum?“.“

„Ich habe nicht mehr sehen können, was mit den Menschen geschah, als sie in die Zellen geschickt wurden. Aber ich hörte den Moment [als sie die Zellen erreichten] sehr deutlich, denn eine letzte ‚Überraschung‘ erwartete sie dort offenbar. Ich habe es Gott sei Dank nicht gesehen, aber ich hatte das Gefühl, die Leute schrien dort noch lauter als in den Polizeiwagen.“

„Quote“ für medizinische Versorgung?

Irgendwann sei tatsächlich der Krankenwagen eingetroffen. Er erinnere mich noch an eine Ärztin oder Pflegerin: „Ich war so dankbar. Ihr Name war Julia. Sie behandelte uns sehr gut und menschlich.“

Doch auch im Krankenwagen habe er Schockierendes gehört, so Daroschka. Die Ärzte hätten deutlich gesagt: „Wir nehmen so viele Leute mit wie nötig.“ Eine Ärztin habe einen Gefängniswärter angewiesen, die Zellen durchzugehen und Leute herauszubringen, deren Zustand besonders schlecht ist.

Nur ein weiterer Ingewahrsamgenommener sei mit ihr herausgekommen, „aber ich bin mir sicher, dass nach allen moralischen und medizinischen Standards vermutlich jede einzelne Person, die auf diese Weise festgenommen wurde, mit derart vielen Schlägen, eigentlich medizinische Hilfe benötigt.“

Diese Kälte habe ihn besonders schockiert: „Ich wusste schlichtweg nicht, dass eine solche Brutalität existiert.“

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Informieren und hoffen

Von seinem Krankenhausbett aus teilte Daroschka gegenüber LRT mit, er habe sich bereits um einen Anwalt bemüht und werde wegen Autodiebstahls, exzessiver Gewalt und Kompetenzüberschreitung formelle Beschwerde gegen die Behörden einreichen. Er mache sich zwar angesichts der Schräglage im weißrussischen Justizsystem keine Illusionen, wolle aber beweisen, „dass sie falsch liegen und nicht einfach so handeln dürfen, wie sie es getan haben“.

Aus diesem Grund wende er sich auch an ausländische Medien: „Ich möchte, dass Sie verstehen, warum ich mit Ihnen spreche. Unsere Informationskanäle sind voll; meine Social-Media-Feeds sind voll mit [Szenen] von dem, was um uns herum geschieht. Ich möchte, dass Netzwerke in anderen Ländern ebenfalls [mit den gleichen Bildern] gefüllt werden und dass die Menschen uns unterstützen. Ich möchte, dass die Menschen über [das, was in Belarus geschieht] sprechen.“

Die Hoffnung hat Daroschka nicht begraben: Erst am Sonntag habe er sehen können, dass Pflegepersonal und Ärzte vor dem Krankenhaus „Peace-Zeichen gezeigt und so ihre Solidarität mit den Protestierenden und den Verletzten bekundet haben.”

[Bearbeitet von Vykintas Pugačiauskas und Tim Steins]

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