Wie sich US-Präsident Trump als amerikanischer Held inszeniert

Präsident Donald Trump bei einer Rede vor seinen Fans. [CRAIG LASSIG/EPA]

Ein Bild von Mann: grimmig und entschlossen – so gibt sich Donald Trump bei seinen Auftritten. Der US-Präsident weiß genau, wie er die Medien für sich nutzen kann. Sichert diese Selbstdarstellung seine Wiederwahl?

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle. 

Endspurt im Rennen um die 46. Präsidentschaft: Herausforderer Joe Biden hat in Umfragen die Nase vorn. Amtsinhaber Donald Trump kämpft um seine Wiederwahl. Wer ihn wählt, weiß ziemlich genau warum. Und andersherum: Wer ihn nicht wählt, weiß ebenfalls warum. „Menschen identifizieren sich mit Trump, weil er authentisch wirkt“, sagt die Trierer Medienwissenschaftlerin Marion Müller. Trump mit den sorgsam frisierten Haaren, dem gebräunten Gesicht, der roten Krawatte: „Da gibt es keine Abweichungen. Das ist gut für einen polarisierten Wahlkampf.“

Tatsächlich spaltet sich das Land in Trump-Fans und Trump-Hasser. Der Riss geht durch Familien, lastet auf Freundschaften und sogar Ehen. Die Amerikaner reagieren auch auf das Bild, das sie sich von Donald Trump machen. Trump möchte diesen Blick lenken – auf ein Bild, das er selbst von sich zeichnet, bei dem er nichts dem Zufall überlässt: Grimmig, entschlossen, ernst – so blickt er auf offiziellen Fotos in die Kamera. Im Anzug, mit steifer Körperhaltung, den Daumen in die Höhe gereckt, mal am Rednerpult, mal beim Händeschütteln oder beim Ein- und Aussteigen aus dem Flugzeug – so erscheint Trump auf Fotos als der mächtigste Mann im Staate.

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„Donald Trump ist Kult“

Es ist die inszenierte Seite des Donald Trump und sie verleiht ihm höchste Glaubwürdigkeit. „Sein Haar oder sein Grinsen, die einstudierten Posen, das alles wirkt karikaturhaft“, so Müller, „damit hat er es geschafft, sich zur Kultfigur hochzustilisieren“.

Das mag schlecht sein für einen Politiker, der differenziert abwägen und auch schwierige Entscheidungen treffen muss. Das alles aber ist Trump nicht. Für seine Anhänger ist er ein ganz normaler Amerikaner, eine Projektionsfläche für Wünsche und Vorstellungen. „Der Mann ist Kult“, sagt Medienwissenschaftlerin Müller.

Ob Kult-Figur oder nicht, wofür sich Amerikas Wahlvolk entscheidet, hängt auch von seiner Weltsicht ab: „Die Welt ist so kompliziert, dass sich die Menschen nach einfachen Antworten und schlichten Persönlichkeiten sehnen – und das in Trump auch geliefert bekommen“, erklärt Herbert Fitzek, Wirtschafts- und Kulturpsychologe an der Berlin Business School. Trump wirke authentisch, schlicht, aggressiv. „Das ist nicht das, was ihm seine Berater empfehlen, aber bei seinen Fans kommt das gut rüber.“

Pressefotografen können ihn kaum anders ablichten, private und sogar manche offizielle Termine sind für sie tabu. Kein Bild vom Golfspiel des Präsidenten, keine menschelnden Einblicke gibt es daher vom besten und stärksten US-Präsidenten aller Zeiten, den Trump verkörpern möchte. Sogar seine „Hoffotografin“ Shealah Craighead liefert ausschließlich inszeniert wirkende Fotos vom ‚Chief‘ im Weißen Haus. Auf ihnen posiert Trump in bekannter Manier. ‚Ich bin Euer Held‘, so seine klare, wenngleich schlichte Botschaft, ‚wählt mich und ich regle das schon!‘

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Anders als Medienliebling Barack Obama

Ganz anders als Trumps Amtsvorgänger Barack Obama, der sich ebenfalls sorgfältig zu inszenieren verstand. Doch zeigten seine Bilder nicht nur die staatsmännischen, offiziellen, sondern auch viele andere Seiten Obamas – mal scherzend mit Kindern, mal beim Herumtollen mit Hunden, beim Tanz mit Gattin Michelle oder lässig auf dem Schreibtisch sitzend.

Die Botschaft: Obama ein Präsident mit menschlichen Facetten, ein Medienliebling, den man zu kennen glaubt. „Hier in Deutschland kam das gut an“, sagt Kulturpsychologe Fitzek, „aber in den USA haben viele dieses Bild satt. Die wollen jemanden, der einfach und gerade heraus ist – eben wie Trump“.

Zwei Propagandafotos illustrieren diesen Unterschied, veröffentlicht jeweils vom Weißen Haus nach dem erfolgreichen Einsatz gegen einen Terrorchef: Das eine zeigt Obama eingerahmt von mitfiebernden Getreuen während der Aktion gegen Osama bin Laden, das andere Donald Trump vor dem Zugriff auf Abu Bakr al-Baghdadi. Beide Fotos sprechen dieselbe Sprache: „Seht her, ihr entkommt nicht dem langen Arm unserer Macht.“ Doch während die Obama-Variante einen Präsidenten bei der Arbeit zeigt, sitzt Trump mit wütendem Blick unter dem Siegel des Präsidenten wie unter einem Heiligenschein.

Die Uniformierten an seiner Seite wirken wie eine Rotte bissiger Schäferhunde. ″Das bildet ab, was ist“, sagt Experte Fitzek. „Er signalisiert den Leuten, dass jemand wie im Country im Mittelwesten, mit der Knarre in der Hand seine Leute wie die Schäferhunde patrouillieren lässt. Die Botschaft ist schlicht und ergreifend, jedenfalls für einen Teil der der Bevölkerung“, so Fitzek.

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Trump und die Kraft der Bilder

Welten liegen zwischen Obama und Trump, auch in der medialen Inszenierung. „Obama war der fotogenste Präsident aller Zeiten, Trump der ikonischste“, bringt es Doug Mills auf den Punkt, „er sticht aus jedem Bild heraus: Seine Haare, seine Silhouette, seine Anzüge, er ist immer eindeutig zu identifizieren, auch wenn er nur im Hintergrund steht“, sagt der New York Times-Fotograf, der schon sechs US-Präsidenten mit der Kamera begleitet hat, von 1981 bis 2020.

„Die Kraft der Bilder ist alles für Trump. Tag für Tag verfolgt er Social Media. Er sieht mehr fern als jeder Präsident vor ihm.“ Manchmal bitte Trump ihn um Abzüge von Bildern, die ihm gefallen, erzählte Mills kürzlich im Interview mit dem Berliner Tagesspiegel.

Trump verteufelt vor allem die traditionellen Medien und doch bedient er sich ihrer. Wie passt das zusammen? „Wie die Politiker müssen auch die Medien den Kontakt zu ihrem Publikum halten“, sagt Kulturpsychologe Fitzek. „Wenn Trump droht, sich direkt mit dem Volk unter Ausschluss der Medien zu verbünden, dann haben die eigentlich nur noch die Wahl, die Buhmänner zu sein oder irgendwie mitzumischen.“

Zu denen, die mitmischen, zählt zweifellos Fox-News. „Trump hat lange und ungestört soziale Medien wie Twitter nutzen können“, sagt Medienwissenschaftlerin Müller. „Ohne Twitter kein Trump, zumindest bei der ersten Wahl 2016. Für die Mobilisierung und den direkten Draht zum Volk war das zentral.“ Inzwischen versieht Twitter Trumps Fake-News mit Warnhinweisen. Jetzt bei der Wiederwahl spielt Twitter eher eine untergeordnete Rolle für ihn.

Wer Trumps Kommunikationsstil beleuchtet, kann ihm den Erfolg nicht absprechen. „Es wäre zu einfach, Trump als Idioten abzustempeln, den es an die Spitze gespült hat und wir müssen nur warten, bis die Katastrophe vorbei ist“, warnt Herbert Fitzek. „In vielen Gesellschaften – Russland, Türkei, Polen oder Ungarn – gibt es diesen Hang zu schlichteren Gemütern, die einfache Botschaften aussenden.“ Populismus liege weltweit im Trend, auch in Deutschland. Als seine Medienberaterin würde sie ihm wohl oder übel das hier raten müssen, sagt die Trierer Medienprofessorin Müller: „Weiter so!“

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