Wie gefährlich ist die „Doppelmutation“ aus Indien?

Ein Sicherheitsbeamter iwährend einer Wahl im Norden von Kalkutta. [PIYAL ADHIKARY/EPA]

Durch die Verbindung von zwei Mutationen kann die indische Virus-Variante leichter dem Immunsystem entkommen. Auch Geimpfte sowie Genesene können sich dadurch schneller mit ihr anstecken.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Die indische Coronavirus-Variante B.1.617 weist gleich zwei signifikante Erbgutveränderungen an einem Oberflächenprotein auf: E484Q und L452R. Hinter diesen kryptischen Zahlen verbirgt sich die exakte Position der jeweilige Genomveränderung.

Die einzelnen Mutationen sind bereits länger bekannt: E484Q ähnelt E484K, die auch bereits bei der britischen, der südafrikanischen und der brasilianischen Variante auftauchte. Und die Mutation L452R findet sich bereits in der kalifornischen Variante CAL.20C. In Indien aber treten diese beiden Mutationen jetzt erstmals gemeinsam in Erscheinung, weshalb oftmals von einer „Doppelmutante“ berichtet wird.

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„Doppelmutation“ ist nicht allein für dramatische Lage verantwortlich

Dass beide Mutanten gemeinsam auftreten, bedeutet aber nicht unbedingt, dass diese Variante auch doppelt so ansteckend oder gefährlich ist – das muss erst noch erforscht werden. Bislang fehlen schlichtweg die Daten, um die indische Variante besser einschätzen zu können.

Aber auf jeden Fall ist sie nur einer der Gründe für die verheerenden Lage auf dem indischen Subkontinent. Indien verzeichnet mehr als 17 Millionen tatsächlich bestätigte Infektionen, schon das sind weltweit die zweitmeisten Ansteckungen nach den USA, dabei dürfte die Dunkelziffer gigantisch sein. Fast 200.000 Menschen sind in Indien bereits an oder mit dem Coronavirus gestorben.

Es sind vor allem die viel zu vielen gleichzeitig auftretenden COVID-Fälle – 332.000 nachgewiesene Neuinfektionen an einem Tag -, die das in weiten Landesteilen ohnehin rückständige Gesundheitssystem kollabieren lassen. Viel zu lange hatten die nationalen und lokalen Behörden die Pandemie nur halbherzig bekämpft, sehr früh wurden die Regelungen bereits wieder gelockert und sogar Großveranstaltungen geduldet.

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Dem Immunsystem entkommen

Wenn eine neue Virusform einen Weg gefunden hat, um unserem Immunsystem zu entkommen, bezeichnet die Wissenschaft dies als „Escape-Mutation“.

Grundsätzlich führen diese Mutationen laut Robert-Koch-Institut zu einer „reduzierten Neutralisierbarkeit durch Antikörper oder T-Zellen“. Entscheidend ist aber, wie stark sich die Reduktion tatsächlich auswirkt.

„Escape-Mutationen“ können auch für bereits Geimpfte und Genesene gefährlich werden, denn auch sie sind vor einer Ansteckung mit dieser indischen Variante vermutlich weniger gut geschützt. Ob Geimpfte dann auch andere anstecken können, ist noch nicht geklärt.

Trotzdem verweist SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach bei Twitter auf eine neue Neutralisationsstudie aus Indien, laut der die vorhandenen Impfstoffe gegen die neue Variante B.1.617 wirken sollen.

Laut einer neuen britischen Studie reduziert sich zudem die Gefahr einer Infektion durch die Impfungen um zwei Drittel, so Lauterbach. Und wer trotz Impfung erkranke, bei dem sinke die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf ebenfalls um zwei Drittel. Das lässt zumindest vermuten, dass diese Patienten selbst auch weniger ansteckend sind.

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Internationale Einschätzung

Auch wenn es angesichts der dramatischen Lage in Indien zynisch klingt: Bislang stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO die indische Variante B.1.617 lediglich als „Variant of Interest“ ein.

Als wirklich „besorgniserregend“, als eine „Variant of Concern“, werden dagegen die britische Variante B.1.1.7, die südafrikanische B.1.351 und die brasilianische Variante P.1 eingestuft.

„Besorgniserregend“ sind diese Varianten aus Sicht der WHO, weil sie sich leichter ausbreiten, weil die Krankheitsverläufe schwerer und länger sind, weil das Virus dem Immunsystem ausweichen kann und weil sich bei den entwickelten Impfstoffe die Wirksamkeit verringert.

Bislang liegen allerdings nur sehr wenige verlässliche Informationen über die neue indische „Doppelmutation“ vor, es ist also durchaus möglich, dass die WHO ihre Einstufung nach einer Neubewertung der Daten entsprechend anpassen muss.

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Deutsche Experten beruhigen

„Aus den wenigen Beobachtungen kann man noch keinen verlässlichen Trend ableiten, aber das sollte genau beobachtet werden“, sagt Richard Neher, der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien am Biozentrum der Universität Basel. Generell wisse man über einige Varianten mit bemerkenswerten Mutationen noch nicht viel. „Insofern glaube ich nicht, dass B.1.617 mehr Aufmerksamkeit verdient als andere Varianten“, so Neher.

Auch der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, sah bereits im März in der indischen Variante keinen Grund zur Beunruhigung. Um „die meisten Immunescape-Mutanten“ mit vergleichbar „geringem Aufwand“ erreichen zu können, brauche es bei der kommenden Impfstoff-Generation nur „ein leichtes Update“, so Drosten in seinem NDR-Podcast.

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