Was tun gegen lokale Corona-Ausbrüche?

Mitarbeiter des weißrussischen Verteidigungsministeriums desinfizieren die Stadt Zaslavl im April 2020. [TATYANA ZENKOVICH/EPA]

Europa und seine Nachbarn lockern ihre Corona-Maßnahmen, gleichzeitig kommt es in vielen Teilen des Kontinents zu lokalen Ausbrüchen. Wie alarmierend sind solche Cluster? Experten geben Entwarnung – jedoch nur teilweise.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Wenn die „New York Times“ in den vergangenen Jahren mal über Gütersloh berichtet hat, dann ging es eigentlich immer um Bertelsmann. Eines der weltweit größten Medienunternehmen hat dort seinen Sitz, unterhält aber auch in New York eine Zentrale. Doch angesichts des massiven Corona-Ausbruchs im Gütersloher Schlachtbetrieb Tönnies ist die knapp 100.000 Einwohner große Stadt in den vergangenen Tagen auch international wieder in die Schlagzeilen geraten.

Von den rund 7000 getesteten Mitarbeitern des Schlachtbetriebes sind bisher mehr als 1550 positiv auf das Coronavirus getestet worden. Alle Mitarbeiter wurden unter Quarantäne genommen, Schulen und Kitas im Kreis geschlossen. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet schließt einen flächendeckenden Lockdown nicht aus, sollte sich das Infektionsgeschehen weiter ausbreiten. Auch in anderen Teilen Deutschlands gab es größere Corona-Herde: Im Berliner Stadtteil Neukölln wurden nach einem Ausbruch 370 Haushalte unter Quarantäne gesetzt, bisher sind knapp 100 Bewohner positiv getestet worden. In Göttingen wurde ein Hochhauskomplex abgeriegelt, rund 120 Menschen aus dem Haus sind infiziert. Schlagzeilen machten auch auch größere Ausbrüche nach Gottesdiensten.

Merkel zu Recovery Fund: “Die Brücken, die wir bauen müssen, sind groß”

Wie erwartet endete der Gipfel des Europäischen Rates an diesem Freitag (19. Juni) ohne Einigung über den Sanierungsfonds. Jetzt ist Deutschland offiziell am Ball und die Bundeskanzlerin hat ihren Willen zu schnellem Handeln deutlich gemacht. Eine Fortführung der Verhandlungen ist für Mitte Juli angesetzt.

Lokale Ausbrüche in großen Teilen Europas und in Israel 

Solche lokalen Häufungspunkte von Infektionen, auch „Cluster“ genannt, gibt es nicht nur in Deutschland. Während fast alle Länder in Europa ihre Maßnahmen lockern, kommt es in vielen Teilen des Kontinentes zu solchen Cluster-Ereignissen, meist innerhalb von Familien, in Betrieben oder Gastronomien. In Wales sind in einer Geflügelfabrik in Anglesey bis zum Wochenende 158 Arbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. Auch hier wird über einen örtlichen Lockdown beraten, in Fabriken in Yorkshire und Wrexham wurden ebenfalls etliche Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet. „Wenn wir innerhalb der Gesellschaft beginnen, die Maßnahmen zu lockern, dann werden solche Cluster-Ausbrüche passieren und wir erwarten das auch“, hieß es seitens der Gesundheitsbehörde in Wales.

In einem österreichischen Pflegeheim in Liesing starben in den ersten beiden Juni-Wochen sechs Bewohner mit zum Teil schweren Vorerkrankungen an den Folgen einer Coronavirus-Infektion. Im Mai waren in Post-Paketzentren in Wien und Niederösterreich mehr als 70 Mitarbeiter positiv getestet worden, so dass das Bundesheer anrücken musste. Und nach einem Treffen von Mitgliedern des Rotary Clubs in der Salzburger Altstadt vor gut einer Woche sind bislang 14 Teilnehmer positiv auf das Coronavirus getestet worden – Hunderte Kontaktpersonen wurden und werden ermittelt und getestet.

In Israel verordnete die Regierung bereits in einer frühen Phase der Pandemie einen flächendeckenden Lockdown, setzte sogar den Inlandsgeheimdienst ein, um das Virus zu bekämpfen. Mit Erfolg: Die Fallzahlen blieben vergleichsweise niedrig, Mitte Mai wurden viele Regelungen dann abrupt gelockert. Doch nun fürchtet das Land angesichts von 300 Neuinfektionen pro Tag eine zweite Welle. Vor allem an Schulen sind die Infektionszahlen wieder deutlich angestiegen – rund 200 der 500 Schulen im Land sind wieder dicht.

Ungarn: Nach dem Notstand ist vor dem Notstand

Viktor Orbán lässt den Corona-Notstand aufheben – und gibt damit das Recht ab, per Dekret zu regieren. Kritiker sprechen von einer „optischen Täuschung“, denn ein neues Gesetz verleiht dem Premier neue Sondervollmachten.

Cluster ist nicht gleich Cluster 

Peter Klimek forscht an der Medizinischen Universität Wien am Complexity Science HUB und ist Teil eines Teams von Wissenschaftlern, das die österreichische Regierung im Zuge der Corona-Pandemie berät. Er sagt: Bei plötzlich gehäuft auftretenden Infektionszahlen komme es auf die Art der Cluster an. „Wenn das kleinere Gruppen sind, dann ist das nicht besorgniserregend, weil ich die Kontakte dann nachverfolgen kann.“ Anders sei das, wenn etwa im Nachgang einer Großveranstaltung gehäuft Infektionen aufträten. „Wenn jetzt bei einer Großveranstaltung ein Cluster auftritt, wird die Aufarbeitung und Rückverfolgung eines Clusters natürlich deutlich schwieriger“, so der Experte.

Es mache einen Unterscheid, ob die Fälle aus einem einzigen Cluster kommen, wo die Infektionsketten nachvollzogen werden können, sagt Klimek. „Oder ob es 50 Fälle sind, die alle unabhängig voneinander in anderen Teilen des Landes wegen Symptomen zum Arzt gegangen sind.“ Wenn innerhalb kurzer Zeit mehrere schwer zurückzuverfolgende Cluster auftreten würden, dann könne dies schon ausreichen, um ein ganzes Land in den Lockdown zu führen.

„Die Östliche Partnerschaft: Zeit zur Neuorientierung“

Im Rahmen der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP) und des Prinzips „more for more“ wird es darauf ankommen, die östlichen Partnerländer aktiv auf dem Weg zu demokratischen Reformen und Rechtsstaatlichkeit zu unterstützen, schreibt David McAllister.

Konzentration auf die vier Ts

Die wichtigsten Maßnahmen bei solchen lokalen Ausbrüchen seien die vier Ts, sagt Klimek: Tracking, Tracing, Testing und Treatment. Kontakte von Infizierte müssten schnell nachverfolgt werden, Infizierte isoliert und behandelt und das Umfeld der Betroffenen getestet werden. Wenn das gut funktioniere, könnten lokale Ausbrüche gut unter Kontrolle gehalten werden, so der Experte.

Doch nicht immer scheinen die vier Ts auszureichen, wenn man sich das Infektionsgeschehen in Europa und Israel ansieht. In Bulgarien führt die Regierung die Maskenpflicht wieder ein: Ab dem 23. Juni muss in Shoppingmalls, Läden, Kinos und Theatern wieder ein Nasen-Mundschutz getragen werden, nachdem die Maskenpflicht Mitte Juni aufgehoben worden war. Doch steigende Infektionszahlen in den vergangenen Tagen haben die Regierung zu dem Schritt veranlasst.

Polens Premier: Gemeinsam können wir mehr erreichen

Die aktuelle Krise könnte ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte der Europäischen Union sein. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass der Wiederaufbaufonds allen realen wirtschaftlichen Problemen der Länder entsprechen sollte, schreibt für EURACTIV Polens Premier Mateusz Morawiecki.

Israel: Shutdown könnte zurückkommen

Auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat die Bevölkerung angesichts der steigenden Infektionszahlen ermahnt. „Wenn wir nicht sofort unser Verhalten hinsichtlich Masken und Abstandhalten ändern, werden wir – gegen unseren Willen – die Shutdowns zurückbringen“, sagte er. Einzelne Viertel im Tel Aviver Stadtteil Jaffa wurden bereits abgeriegelt, ebenso wie zwei Beduinen-Kommunen im Süden des Landes.

In Luxemburg versucht die Regierung dagegen mit flächendeckenden Tests der gesamten Bevölkerung eine zweite Corona-Welle zu verhindern. Dafür wurden die 600.000 Bewohner des Landes sowie 300.000 Grenzgänger in Gruppen unterteilt, die dann abwechselnd und regelmäßig getestet werden sollen – um neue Infektionsketten sofort identifizieren und unterbrechen zu können.

Spanische Regierung verabschiedet COVID-19-Fonds: 16 Milliarden für autonome Regionen

Der spanische Ministerrat wird am heutigen Dienstag voraussichtlich einen COVID-19-Fonds genehmigen: 16 Milliarden Euro sollen direkt an die Autonomen Gemeinschaften Spaniens überwiesen werden. EURACTIVs Partner EFE berichtet.

„Gibt keine Eier legende Wollmilchsau“

Welche zusätzlich zu den vier Ts geltenden Maßnahmen einen erneuten Ausbruch am Ende verhindern oder bestehende Ausbrüche schnell eindämmen, sei von Land zu Land unterschiedlich, sagt Forscher Peter Klimek. „Es gibt nicht die Eier legende Wollmilchsau an Maßnahmen, mit der man alleine sicher dadurch kommen wird. Ganz im Gegenteil: Das ist ein Mix an Maßnahmen.“

Wichtig für jeden Maßnahmen-Mix seien die Einhaltung von Abstands- und Hygieneregelungen und die Einschränkung von Kontakten. Auch bei den Schul- und Gastronomie-Schließungen könne man im Nachhinein sehen, dass sie einen klaren Effekt gehabt hätten. Dazu zählten auch Gesichtsmasken. Je früher die Maßnahmen bei kommenden Ausbrüchen eingesetzt würden, desto effektiver seien sie, so der Forscher.

Melden Sie sich für "The Capitals" an

Vielen Dank für das Abonnieren des The Capitals Newsletters!
  • Mit EURACTIV immer auf dem Laufenden!

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN