Was kann die Welt in der Corona-Krise von Afrika lernen?

Is Südafrika wird eine Frau im Zuge einer Massen-Testung untersucht. [KIM LUDBROOK/EPA]

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

In Afrika steigt die Zahl der Corona-Infektionen und mit ihr die Sorge vor einer Katastrophe. Aber der Kontinent hat viel Erfahrung mit Infektionskrankheiten. Davon können auch Industrieländer lernen.

Die weltweite Corona-Krise legt auch afrikanische Metropolen fast lahm: In Johannesburg, Wirtschaftszentrum Südafrikas, kontrolliert das Militär die verhängten Ausgangssperren. In Ugandas sonst lebendiger Hauptstadt Kampala sind Märkte und Geschäfte geschlossen. Die Straßen gehören nur wenigen Boda Bodas (Motorradtaxis), die zwar keine Passagiere mehr befördern dürfen, aber für Zustelldienste und Erledigungen genutzt werden. Das Leben verlangsamt sich auch in anderen afrikanischen Städten – die Corona-Pandemie soll so früh wie möglich in Schach gehalten werden.

Afrika – ein schutzloses Opfer?

Genau das ist es, womit einige afrikanische Staaten punkten können. Ahmed Ogwell Ouma, stellvertretender Direktor des Afrika-Zentrums zur Kontrolle von Krankheiten und Vorbeugung (Africa CDC), lobt das schnelle Handeln afrikanischer Regierungen: „Diese Lektion haben wir in der Tat während der Ebola-Krise 2014 in Westafrika gelernt. Wir greifen schnell ein, mit den bereits in der Bevölkerung erprobten Mitteln, Kenntnissen und bewährten sozialen Partnern in den Gemeinden.“ Das habe zu den bislang geringen Infektionszahlen in Afrika beigetragen, sagte Ouma während einer Online-Podiumsdiskussion zum Thema: „COVID-19 – frühe Lehren aus Afrika“.

G20 stunden die Schulden ärmster Länder

Die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) wollen in der Corona-Krise besonders armen Staaten mit Schuldenerleichterungen unter die Arme greifen. Finanzminister Olaf Scholz spricht von einem Akt internationaler Solidarität von historischer Dimension.

Auch Podiumsteilnehmer Gavin Churchyard, Vorsitzender der südafrikanischen Gesundheitseinrichtung „Aurum Institute“ sagt: Durch den langjährigen Kampf gegen die Lungenkrankheit Tuberkulose etwa seien Abstandhalten und Infektionskontrolle keine neuen Konzepte für die Bevölkerung. Auch bereits vorhandene Aufklärungsmaterialien zu Tuberkulose und HIV/Aids könnten leicht abgeändert im Kampf gegen COVID-19 genutzt werden. Und er betont: „Im Gegensatz zu einigen Industrieländern haben afrikanische Staaten auf wissenschaftlich fundierte Lösungen gesetzt. Wir haben eine Führungsstärke in afrikanischen Ländern aufkommen sehen wie sonst nirgendwo.“

Trotz der frühen Erfolge warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davor, Afrika könnte von COVID-19 stärker getroffen werden als andere Weltregionen. Aber Afrika ist kein schutzloses Opfer der Pandemie – diese Ansicht vertritt auch Robert Kappel, emeritierter Professor am Institut für Afrikastudien der Universität Leipzig. „Wir haben eine Lektion zu lernen. Auch in unserer Wahrnehmung Afrikas, dass der afrikanische Kontinent nicht der Kontinent der Pandemien, der gesundheitlichen, wirtschaftlichen Krisen ist“, sagt der Ökonom im DW-Interview, „sondern auch ein Kontinent, der die Dinge selbst in die Hand nimmt, auf sehr unterschiedliche Art und Weise.“

Gesundheitspolitik ist Weltpolitik

Der Covid-19-Ausbruch ist ein Härtetest für die internationale Ordnung, die bereits vor der Krise enorm unter Druck stand. Daher braucht es den politischen Willen, Gesundheitspolitik global zu gestalten, um nachhaltige Erfolge zu erzielen.

Innovative Ideen und Vertrauen

Kappel betont das lokale Engagement der innovativen kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Sie gingen als wichtige Akteure voran: Beispiels bei der Produktion von pharmazeutischen Mitteln Masken oder Desinfektionsmitteln. „Hier kann man eine Menge lernen, indem wir auch auf das lokale Wissen vertrauen, was in afrikanischen Ländern vorhanden ist.“ Auch Start-ups würden vom Staat teilweise unterstützt und spielten eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Bevölkerung.

Die erfolgreiche Bekämpfung von Ebola und anderen Krankheiten zeigt nach Ansicht des Ökonomen, dass es nicht immer nur um viel internationale Hilfe und immense Geldsummen geht. Die würden zwar nötig, wenn Infektionszahlen steigen und die Krise massiv in Gang gekommen sei. Aber in der ersten Phase der Ebola-Krise hätten lokale Gemeinschaften, zivile Organisationen und Dorfbürgermeister es geschafft, die Ausbreitung zu begrenzen. Von Vorteil sei dabei auch gewesen, dass das Coronavirus Afrika erst recht spät erreicht habe und somit mehr Zeit zum Vorbereiten geblieben sei.

EU präsentiert "Partnerschaftsplan" für Afrika

„Partnerschaften“ in zehn Politikbereichen stehen im Mittelpunkt der Afrikastrategie der EU. Mit ihnen soll mehr Fortschritt auf dem afrikanischen Kontinent und eine weniger paternalistische Haltung Europas erreicht werden.

Die Krise als Chance

Dass Afrika alles andere als ein hilfloser Kontinent ist, betonten jüngst auch afrikanische Intellektuelle in zwei offenen Briefen. Unter anderem der senegalesische Schriftsteller und Musiker Felwine Sarr, der kamerunische Politikwissenschaftler Achille Mbembe und der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka fordern darin, Afrika müsse „eine grundlegende, machtvolle und nachhaltige Antwort auf eine reale Bedrohung geben, die weder übertrieben noch kleingeredet, sondern rational angegangen werden sollte“. Von ihren Regierungen fordern sie, die Lage zu nutzen, um aus der Krise gestärkt hervor zu gehen. Die Gesundheitssysteme müssten umgestaltet, Rohstoffe sollten endlich lokal verarbeitet und die Wirtschaft breiter gefächert werden.

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