Was ist los in Davos? – Tag 1

Klaus Schwab, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Weltwirtschaftsforums, in seiner Begrüßungsrede anlässlich der 50. Jahrestagung des WEF im schweizerischen Davos, am 20. Januar 2020. [Gian Ehrenzeller/EPA]

Im schweizerischen Davos findet aktuell (21. bis 25. Januar) das 50. Treffen des Weltwirtschaftsforums statt. Im Laufe der Woche bietet EURACTIV Einblick in das Geschehen auf einer der „exklusivsten“ Konferenzen der Welt, bei der sich Staats- und Regierungschefs sowie Business-Führer die Klinke in die Hand geben.

Die tatsächlichen Treffen starten erst am heutigen Dienstag, doch während die Teilnehmenden langsam im schweizerischen Alpenort eintrudeln, haben zahlreiche Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen bereits gestern das Weltwirtschaftsforum zum Anlass genommen, um ihre jeweiligen neuesten Einschätzungen und Berichte zu präsentieren. Das Spektrum reicht dabei von Anti-Armuts-NGOs wie Oxfam hin zum Internationalen Währungsfonds (IWF).

Im Folgenden ein Überblick.

IWF warnt vor Handelsspannungen: In seinem jüngsten Wirtschaftsausblick warnt der IWF vor den negativen Auswirkungen, die Handelsstreitigkeiten auf die Weltwirtschaft haben könnten. Dabei wird insbesondere auf die Spannungen zwischen der EU und den USA hingewiesen: „Solche Ereignisse könnten neben steigenden geopolitischen Risiken und sich verschärfenden sozialen Unruhen leicht zu einer Trendwende in den finanziellen Bedingungen führen, finanzielle Anfälligkeiten aufdecken und das Wachstum ernsthaft stören,“ so die IWF-Chefökonomin Gita Gopinath.

CEOs machen sich auch Sorgen: Auch die Geschäftsführer von globalen Unternehmen sind besorgt, wie eine Umfrage des Beratungsunternehmens Price Waterhouse Coopers (PwC) unter 1.600 CEOs aus 83 Ländern zeigt. Die Umfrage weist auf einen „Rekordpessimismus“ in der Weltwirtschaft hin. Auch unter den CEOs seien die Handelsstreitigkeiten ein gewichtiger Grund zur Besorgnis für die Wirtschaft, zusammen mit „Überregulierungen“ und dem ungewissen Wirtschaftswachstum.

Auffällig ist derweil, dass Risiken des Klimawandels zwar hin und wieder genannt, insgesamt aber weit entfernt von den „Top Ten“ der Bedenken der Unternehmensbosse zu sein scheinen. „Meine Hoffnung ist, dass die Wirtschaftswelt, und sogar schon der Dialog in Davos diese Woche, [das Thema Klima und Umwelt] ganz oben auf die Tagesordnung setzt. Und was noch wichtiger ist: dass endlich Maßnahmen ergriffen werden“, sagte Bob Moritz von PwC im Interview mit EURACTIV.com.

"Der Planet brennt": Davos warnt vor Klimanotstand

Zum ersten Mal in der 15-jährigen Geschichte des Global Risk Reports des Weltwirtschaftsforums sind die darin aufgelisteten fünf größten globalen Gefahren allesamt Umweltrisiken.

Oxfam warnt ebenfalls: Wenn sich Hunderte von Millionären – in der Regel weiße Männer aus Nordamerika – treffen, um über den Zustand der Weltwirtschaft zu diskutieren, bietet es sich auch an, über die weiterhin wachsenden Ungleichheiten in der Welt zu sprechen. Das macht beispielsweise die NGO Oxfam, die am Montag ihren jährlichen Ungleichheitsbericht vorstellte, der – wie inzwischen gewohnt – mit schockierenden Zahlen aufwartet: Laut Oxfam besitzt das reichste Prozent der Weltbevölkerung inzwischen mehr als das Doppelte des Vermögens von 6,9 Milliarden Menschen auf diesem Planeten.

Der diesjährige Bericht legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern. Weltweit besitzen Männer demnach rund 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen. In diesem Jahr hat Oxfam auch den Wert der unbezahlten Arbeit – beispielsweise in der Pflege, die oft von Frauen geleistet wird – untersucht, der auf 10,8 Billionen Dollar pro Jahr geschätzt wird. Die NGO fordert daher eine bessere Verteilung des Reichtums durch Besteuerung, ein Ende der extremen Armut und der sozialen Ausgrenzung sowie die Beseitigung des massiven Einkommensgefälles, das Frauen durch unbezahlte Arbeit entsteht.

WEF-Bericht: Das Weltwirtschaftsforum selbst hat am Montag erstmalig seinen Social Mobility Report über „soziale Mobilität“ und die Gefahren des sozialen Abstiegs präsentiert. Der Bericht zeigt auf, dass egalitäre Gesellschaften, in denen jeder Mensch unabhängig von seinem sozioökonomischen Hintergrund die gleichen Chancen hat, nicht nur gesellschaftlichen Nutzen bringen, sondern auch das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Wenn die Länder ihren „sozialen Mobilitätswert“ – also die sozioökonomische Gleichheit – im Index des WEF um zehn Punkte verbessern könnten, würde das globale BIP bis 2030 um bis zu 4,4 Prozent steigen, so der Bericht.

Doch nur wenige der 82 analysierten Länder haben die Voraussetzungen, um die soziale Mobilität zu fördern, heißt es im Bericht weiter. Die Hauptprobleme umfassen zu niedrige Löhne, fehlender sozialer Schutz, mangelhafte Arbeitsbedingungen und schlechte Programme für langjähriges Lernen sowohl für Arbeitnehmende als auch für Arbeitslose.

Auf der positiven Seite, zumindest für Europa, lässt sich festhalten, dass die sechs EU-Mitgliedstaaten Dänemark, Finnland, Schweden, Österreich, Belgien und Luxemburg unter den zehn „besten“ Ländern in dieser Frage gehören. Deutschland folgt im Ranking auf Platz 11; Frankreich auf Rang 12.

Davos: Die Welt wird immer ungerechter

Im Jahr 2018 besaßen die 26 reichsten Menschen genauso viel wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Das zeigt ein Oxfam-Berich der im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlicht wurde.

Von der Leyen schon da: Eine der „Early Bird“-Gäste in Davos war in diesem Jahr die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, die bereits gestern eine Rede zur Feier des 50-jährigen Bestehens des Weltwirtschaftsforums hielt.

In ihrer Ansprache erinnerte sie an die historisch engen Verbindungen zwischen ihrer EU-Institution und dem WEF und lobte dessen Gründer, Klaus Schwab, für seinen Beitrag zum Multilateralismus. „Davos ist der Ort, an dem sich Führungspersönlichkeiten, die sonst nicht einmal miteinander sprechen würden, in echten Debatten engagieren. Davos ist der Ort, an dem Konflikte abgewendet, Geschäfte begonnen und Streitigkeiten beendet werden. Davos ist der Ort, an dem Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten,“ so von der Leyen.

Weitere Persönlichkeiten: Der ehemalige US-Vizepräsident und langjährige Klimaaktivist Al Gore weilt ebenfalls bereits in Davos. Am Montagabend saß er im Publikum, lauschte der Hymne der EU und anschließend der Rede von Kommissionspräsidentin von der Leyen. Er selbst rief zu gemeinsamem Handeln auf, um ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu erreichen. Noch unklar ist, ob Gore auch bei von der Leyens großer Rede am Mittwoch anwesend sein wird, in der sie die politische Agenda der neuen EU-Kommission, einschließlich des Vorzeigeprojektes European Green Deal, vorstellen wird.

Am heutigen Dienstag wird indes Donald Trump eine Keynote-Rede beim WEF halten. Der sprunghafte US-Präsident ist immer für eine Überraschung (oder einen Skandal) gut; angesichts der immer noch kritischen Beziehungen zum Iran, wachsenden Spannungen mit Europa und China sowie seiner eigenen Impeachment-Anhörung im amerikanischen Senat wird seine Rede aber mit besonderem Interesse erwartet.

Ebenfalls heute wird die Klimaaktivistin Greta Thunberg in Davos ankommen und dort an zwei Sitzungen teilnehmen. Nach 2019 ist es Thunbergs zweiter Auftritt beim WEF. Insbesondere auf den Fluren des Kongresszentrums wird die Presse aufmerksam verfolgen, ob es möglicherweise wieder zu einem unerwarteten Aufeinandertreffen Thunbergs und Trumps kommt.

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Das „Time“-Magazin hat die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg zur Persönlichkeit des Jahres gekürt – als jüngste Persönlichkeit in seiner Geschichte. 

Zitat des Tages: „Was befürchtet und wovor gewarnt wurde, liegt nicht mehr in unserer Zukunft. Es ist nicht mehr nur ein Thema, das debattiert werden sollte. Es ist hier. Wir haben gesehen, wie sich die Schwingen des Klimawandels entfalten,“ sagte die australische Künstlerin Lynette Wallworth mit Blick auf die verheerenden Brände in ihrem Heimatland. „Um uns dieser neuen Realität zu stellen, brauchen wir neue Führungskräfte, die diesem kritischen Moment gerecht werden.“

Wallworth, die einen Crystal Award erhielt, mit dem die Führungsrolle kultureller Persönlichkeiten geehrt wird, sagte dem Publikum: „Dies ist die Zeit für neue Führungskräfte. Für junge Führungskräfte, für weibliche Führungskräfte und für indigene Führungskräfte sowie für diejenigen, die mit ihnen arbeiten können und wollen.“

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]

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