Warum eine Idlib-Offensive noch nicht abgewendet ist

Helfer im Einsatz nach einer Explosion in Idlib. [EPA-EFE/MOHAMMED BADRA]

Einige Rebellen ziehen ihre Waffen aus der Pufferzone ab. Aber militante Islamisten verweigern diesen Schritt. Und Assad will die Provinz zurückerobern.

Panzer, Granatwerfer, Raketen – in den vergangenen Tagen haben Türkei-treue Rebellengruppen in der syrischen Provinz Idlib ihre schweren Waffen aus einer Pufferzone an den Ost- und Südgrenzen des Gebiets abgezogen.

Rechtzeitig vor einem Stichtag an diesem Mittwoch erfüllten die Milizionäre damit eine zentrale Bedingung, um einen Großangriff des syrischen Regimes und dessen Verbündeten Russland und Iran auf die letzte Rebellenhochburg des Landes zu verhindern.

Ein Deal zwischen der Führung in Ankara und der in Moskau soll ein Massaker und damit eine humanitäre Katastrophe in der Provinz mit ihren drei Millionen Menschen verhindern. Doch die Gefahr einer Großoffensive ist noch längst nicht gebannt. Militante Islamisten wollen sich nicht aus der Pufferzone zurückziehen – und die syrische Regierung bleibt bei ihrem Ziel, Idlib zurückzuerobern.

Russische und türkische Soldaten sollen patrouillieren

Die von der Türkei unterstützten Milizen in der Nationalen Befreiungsfront (NFL) hatten am vergangenen Wochenende damit begonnen, ihre schweren Waffen aus der 15 bis 20 Kilometer breiten Pufferzone in Idlib herauszuschaffen, also von der Front zu entfernen.

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Mehrere Tausend pro-türkische Kämpfer bleiben jedoch mit leichten Waffen wie Schnellfeuergewehren in ihren Stellungen innerhalb des entmilitarisierten Gebiets.

Niemand weiß, wie sich diese Kampfverbände, die seit Jahren den Sturz von Machthaber Assad anstreben, mit den russischen Soldaten vertragen werden, die dem von ihnen verhassten Despoten das politische Überleben gesichert haben. Von Moskau befehligte Einheiten sollen gemeinsam mit türkischen Verbänden in der Pufferzone patrouillieren und so die Einhaltung der Vereinbarung sichern.

Doch das ist nur ein vergleichbar kleines Problem. So sieht die im russischen Badeort Sotschi ausgehandelte Einigung vor, dass strategisch wichtige Überlandstraßen in Idlib von den Aufständischen für den Verkehr freigegeben werden.

Für die Führung in Damaskus ist das ein wichtiges Anliegen, weil die von Norden nach Süden durch Idlib verlaufende M5 sowie die nach Westen, Richtung Mittelmeer, abzweigende M4 bedeutende Versorgungsrouten zwischen der Großstadt Aleppo im Norden, Latakia im Westen sowie Hama und Damaskus im Süden darstellen. Für die Rebellen käme der Rückzug von den beiden Verkehrswegen de facto einem weiteren Gebietsverlusten gleich.

Die einstige Nusra-Front verfügt über 10.000 Kämpfer

Am kniffligsten ist der Umgang mit den islamistischen Extremisten in Idlib. Der radikale Milizenverband Hajat Tahrir al Scham (HTS), der mit seinen schätzungsweise 10.000 Kämpfern ungefähr 60 Prozent von Idlib beherrscht, hat bisher nicht klar zur türkisch-russischen Vereinbarung Stellung bezogen.

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Womöglich gibt es Spannungen innerhalb der Organisation, die von früheren Al-Qaida-Kadern geführt wird. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldet, auch die schweren Waffen der HTS würden aus der Pufferzone gebracht.

Mehrere Anführer der Dschihadistenmiliz betonten aber, dies sei „Hochverrat“. Angaben aus Damaskus zufolge griffen die Islamisten in den vergangenen Tagen von ihren Positionen innerhalb der Pufferzone Stellungen der syrischen Armee bei Latakia an.

Kleinere extremistische Gruppen lehnen die Vereinbarung von Sotschi ab. Doch ihre militärische Schlagkraft reicht für einen großen Aufstand gegen das Abkommen nicht aus. Wie die Ankara-treuen Kämpfer der NLF wollen auch die der HTS innerhalb der Pufferzone bleiben.

Abzug aller radikalen Gruppen

Es ist unklar, ob die Türkei dies zulassen wird. Denn zur Vereinbarung von Sotschi gehört, dass alle radikalen Gruppen den geplanten entmilitarisierten Korridor bis zum 15. Oktober verlassen müssen.

Außerdem muss die türkische Armee in Idlib auch mit rund 400 kampferprobten Dschihadisten des „Islamischen Staates“ (IS) zurechtkommen. Die sind samt ihren Familien kürzlich nach Gefechten in anderen Landesteilen vom syrischen Regime in die Provinz gebracht wurden.

Assad hat in der Vergangenheit immer wieder Zweckbündnisse mit den Terroristen geschlossen. So soll er IS-Mitglieder aus seinen Gefängnissen entlassen haben, damit diese gegen moderatere Oppositionskräfte vorgehen.

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Die Ansiedlung der „Gotteskrieger“ in Idlib dürfte ebenfalls kühl kalkuliert sein: Damaskus tut alles, um die türkischen Bemühungen in Idlib zu unterwandern. Präsident Recep Tayyip Erdogan und sein syrischer Kollege Assad gelten als erbitterte Feinde.

Assad hat ohnehin große Vorbehalte gegen die Vereinbarung. Idlib auf Dauer in der Hand der Rebellen – das kommt für ihn nicht infrage. Die türkisch-russische Übereinkunft gelte nur vorübergehend, sagte der 53-Jährige kürzlich. „Diese Provinz und andere Territorien, die noch unter Kontrolle der Terroristen stehen, werden zum Staat zurückkehren.“

Wer nicht aufgibt, soll vernichtet werden

Das mit den „Terroristen“ sehen die Verantwortlichen in Moskau offenkundig genauso. Mehreren Berichten zufolge soll Russlands Vize-Außenminister Michail Bogdanow jüngst gesagt haben: „Natürlich müssen jene, die ihre Waffen nicht gestreckt haben und ihre Angriffe fortsetzen, entweder verhaftet oder vernichtet werden.“

Im Klartext dürfte das heißen, dass es über kurz oder lang doch noch zu einem Großangriff kommt. Denn für die Dschihadisten – die sich nicht scheuen, Zivilisten für ihre Zwecke zu missbrauchen – gibt es keinen Ausweg mehr. Sie sitzen fest. Und mit ihnen drei Millionen Menschen, die einfach nur überleben wollen.

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