Wachsam, aber bitte ohne Megaphon

Putin-Versteher Helmut Schmidt. Foto: dpa

Der Neue Westen braucht Russland, sogar wo es schwerfällt, findet der Publizist Hermann Bohle in seinem Gastbeitrag.

„Dumm“ nennt Ex-Kanzler Helmut Schmidt die gegen Russland angekündigten Sanktionen des Westens im Zuge der Krimkrise. Den Demokratien von Handelssperren drohende eigene Beschädigungen werden ebenso desaströs sein wie in Russland. Das aber kann sich die europäischstämmige Menschheit (elf Prozent der Erdbevölkerung) nicht mehr leisten. Denn sie alle sind pleite, können also die nun gebotene Politik nicht mehr bezahlen.

Der seit 1982 politisch gewollte – von den USA globalisierte – Missbrauch des rohkapitalistischen Feudalsystems (alle Macht den Banken, wie einst für Adel und Geistlichkeit) hat die westliche Welt seit 2008 in ihre nie erlebte Verschuldungskatastrophe gestürzt. Auch addierte Verarmung beschert keine Solvabilität. Schon das verengt den Rahmen für Reaktionen des Westens auf die Annexion der Krimhalbinsel durch Russland, wie dessen Präsident Wladimir Putin sie befahl.

Ihn nennt Londons Weltblatt Financial Times einen „unberechenbaren Gegner“. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass Großmächte ein stabiles, ihnen und ihrer Politik möglichst zugewandtes Umfeld benötigen. Schon dem Römischen Reich ging das so.

Die EU finanziert (bei weitem zu knickerig) deswegen ihre „Nachbarschaftspolitik“. Die USA „unterminierten im 20. Jahrundert rund 40 missliebige Regierungen in Lateinamerika“, berichtete am 3. April 2006 in Londons BBC deren USA-Chefkorrespondent Gavin Esler. Schon 1986 überraschte in Moskau Michail Gorbatschow, der neue sowjetische Generalsekretär (und Befreier Europas von der Sowjetmacht) mit der Vokabel vom „Nahen Ausland“, dessen Stabilität Moskau brauche. Dass heute Putin es ebenso will und suchen „muss“, verstehen neben Helmut Schmidt zusehends mehr Verantwortliche. Jedenfalls in Europa.

Das empfiehlt sich auch. Schluss muss also sein mit dem Megaphongetue schriller Verurteilungen – sogar Bedrohungen – des russischen Präsidenten. Nicht um die „Bestrafung“ Putins (oder etwa seiner 67-Prozent-Umfragemehrheit in Lande) geht es, weil er einen Konvent gebrochen hat: Als absolut ausgeschlossen gilt seit Jahrzehnten – und Vertragstexte gebieten es, dass in unserem Europa Grenzen noch gewaltsam verändert werden. Dagegen hat Putin verstoßen. Er erlaubt sich das dank dem Atomfrieden: die nukleare Abschreckung schließt einen neuen Großkrieg aus. 

Der Westen muss nun bemüht sein, dass sich soetwas nicht wiederholt. Weder im Baltikum, noch in Moldawien – nirgends auf diesem Kontinent. Ihn proklamiert Putin seit dem Jahr 2000 als „Wirtschafts- und Kultureinheit von Lissabon bis Wladiwostok“. Jetzt gilt es, ihn zurückzuführen zu diesem Ziel. 143 Millionen Russen als Nachbarn von 3,5 Milliarden Asiaten brauchen händeringend diese konkrete Perspektive! Was gerade sie überhaupt nicht braucht, ist die militärische – „dauerhafte“ – Nato-Präsenz an Russlands Grenzen, von der nach dem US-EU-Nato-Gipfel die Rede ist.

Mag man dorthin erstmal ein paar F-18-Kampfmaschinen entsenden … um Ängste der Menschen steuern zu helfen, die das Sowjetjoch seit 1939 nicht vergessen haben. Doch zu solchen Bündnisentscheidungen gehören bereits jetzt die Kriterien für den möglichst baldigen Rückzug.

Denn das Herandrängen der Nato an Russlands Westgrenzen, sogar nach Zentralasien, provoziert naturnotwendig eine von schier endlosen Landgrenzen und Meeren umschlossene Großmacht. Die Behauptung trifft nicht zu, der Westen – US-Außenminister James Baker (1989/92) – habe seinem sowjetischen Amtskollegen Edward Schewardnadse (1985-90) den Verzicht auf Nato-Osterweiterungen „garantiert“. Wohl aber erweckte der Amerikaner bei dem Russen diesen Eindruck – ohne Vertrag oder Briefwechsel.

Um Vertrauen geht es da. Schon Otto von Bismarck, noch heute gilt er als Meister der Staatskunst seiner Zeit, widersprach der Kleinkrämer-Mär, in der Diplomatie werde gelogen, dass sich die Balken biegen. Stets die Wahrheit zu sagen, bekannte der Eiserne Kanzler als sein Prinzip – und sei es, um in alleräußerster Not einmal „haarscharf an der Wahrheit vorbeilügen“ zu können.

Weil es im gemeinsamen Europa oder gar in Eurasien ohne Russland keinen dauerhaften Frieden gibt, muss die Krimhektik schnellstmöglich neuer Vertrauensbildung weichen. „Dauerhafte“ Nato-Militärentfaltung nahe Russlands Grenzen sind dazu das Allerletzte, das wir brauchten – eine weitere „Dummheit“ (Helmut Schmidt) wie im Fall der Sanktionen. Dass die jetzige Krise zur neuen Verdichtung transatlantischer Bindungen führt, kann nicht schaden – wobei es gilt, NSA und anderes im Kopfe zu behalten.

Auch wenn Russland ein schwieriger Partner immer war, bleibt der Weg mit ihm der einzig gangbare für die EU. Eben erst erteilte Henry Kissinger seinen Rat zur weisen Mäßigung. Schon Bismarck, den man oft allzu bieder als Russlandfreund beschreibt, zitiert einer seiner engsten Mitarbeiter – Ludwig Raschdau:

“Dass Russland ein bedenklicher Nachbar sei, davon war der Fürst fest durchdrungen, trotz aller freundschaftlichen Versicherungen, mit denen er in öffentlicher Rede sein Volk und die Welt zu beruhigen gesucht hat.“ 

Der Autor

Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.

 

 

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN