Vision eines „Commonwealth-Modells“ für den Mittelmeerraum

EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn. [European Commission]

Europa hat ein großes Interesse an geordneten Verhältnissen im Mittelmeerraum. Die EU setzt bei einer Konferenz in Tunis auf Dialog und kulturelle Partnerschaft mit und zwischen den Mittelmeerstaaten.

Wenn vom Mittelmeer die Rede ist, denkt man mittlerweile zuerst an die Fluchtrouten, die von Nordafrika nach Südeuropa führen. Dabei ist das Mittelmeer der Vorhof Europas. Mehr noch, es ist eine Brücke zwischen Europa, dem Nahen Osten und Afrika. Eine seit 2012 laufende Initiative, ausgehend von der Salzburger Universität und unter der Schirmherrschaft von EU-Kommissar Johannes Hahn, widmet sich unter dem Motto „Europa neu denken“ der kulturellen Partnerschaft des Euro-Mediterranen Raums.

So etwa in Tunesien, dem einzigen Land in dem der so genannte arabische Frühling überleben konnte und das gewissermaßen Vorzeigecharakter für die Region hat. Mit viel Aufmerksamkeit wird in Brüssel die dortige politische Entwicklung verfolgt, auch in Hinblick auf die nächstjährigen Wahlen. 2014 konnte die säkuläre „Nidaa Toures“-Partei mit 86 Mandaten die relative Mehrheit im 217-köpfigen Parlament erringen und die muslimische „Ennahda“-Partei mit 69 Mandaten auf den zweiten Platz verweisen. Mit dem Effekt, dass der 92-jährige Präsident Beji Caid Essebsi und sein 44-jähriger Premierminister Youssef Chahed das Land pro-westlich steuern und für eine relativ stabile gesellschaftliche Situation gesorgt haben.

Nach aktuellen Umfragen könnte sich das Mandatsverhältnis im kommenden Jahr jedoch umdrehen. Allerdings, so wird versichert, sei auch die Partei der Muslime an der Weiterführung des Reformkurses interessiert.

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Neue Denkweisen sind gefragt

Betrachtet man die EU und alle Mittelmeerstaaten zusammen, so entfallen vom gesamten Wirtschaftsvolumen nur acht Prozent auf den Handel zwischen der Union und dem mediterranen Raum und nur zwei Prozent auf die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den arabischen Staaten untereinander. Entsprechend düster sehen die Zukunftsvorstellungen der jungen Generation aus. So zeigen Untersuchungen, dass 25 Prozent der Akademiker aus dem arabischen Raum ins Ausland wollen. Fast fünf Prozent sind sogar bereit, den illegalen Weg zu gehen. Für die betroffenen Länder bedeutet dies einen gewaltigen intellektuellen Aderlass und unterstreicht die Notwendigkeit, für die wirtschaftliche Aufrüstung in diesen Ländern zu sorgen.

Eine Aufbruchsstimmung ist durchaus festzustellen. Das zeigt die Tatsache, dass mittlerweile 60 Prozent der Studierenden Frauen sind. Sie zeichnet ein neues, starkes Selbstbewusstsein aus, wie sich allein bei der Konferenz in Tunis zeigte. Hier entwickelt sich ein echtes und nicht zu unterschätzendes Potential an Reformwillen. So wurde gefordert, dass mehr Frauen nicht nur in der Wirtschaft sondern auch in der Politik tätig sein sollen. Sie brauchen allerdings Unterstützung, nicht zuletzt auf rechtlicher Ebene, finden sie doch eine schwierige Ausgangsbasis in der Gesellschaft vor. Unausgesprochen aber fühlbar: Der politische Islam als Hemmschuh. Daher ist ein „Change of Mentality“ gefragt.

Kultur kennt keine Grenzen

Dieser Bedarf an Wandel bezieht sich freilich auch auf das Bild, das man auf dem europäischen Festland über die Mittelmeerregion hat. Hier wäre es angebracht, den Blick über das Meer zu richten, den Dialog zwischen den Kulturen aufzunehmen und so Ängste abzubauen. Für EU-Kommissar Hahn gehört nicht nur die politische Entwicklung in den Nachbarstaaten der Europäischen Union zum Alltagsprogramm, für ihn ist Kulturpolitik (wiewohl das im Ermessen der einzelnen Mitgliedsstaaten liegt) auch ein Mittel zum Zweck, nämlich einen Brückenschlag zur Politik vorzubereiten. Mehr noch, für ihn gilt das Prinzip „Culture has no borders“.

Tatsächlich hat die Konferenz mit Teilnehmern aus fast allen Mittelmeerstaaten gezeigt, dass ein großes Potential an Kulturschaffenden, von Schriftstellern bis hin zu Journalisten, geradezu darauf wartet, zum Dialog motiviert zu werden. Ein Hoffnungsträger für die Zukunft. Und hier kann – so der durchgängige Tenor – gerade die EU eine wichtige, logistische Rolle spielen, indem sie anregt und hilft, grenzüberschreitende Partnerschaften zu entwickeln. Wohl gemerkt, es mangelt nicht nur am Wissen über mögliche Partnerschaften, am Kulturaustausch zwischen europäischen (Frankreich ausgenommen) und süd-mediterranen Ländern sondern auch an der Kooperation zwischen den einzelnen Projektträgern und Protagonisten vom Libanon über Tunesien bis nach Marokko. Der Visazwang hemmt nicht nur das Reisen sondern oft auch den Geist.

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Song-Contest für den mediterranen Raum

An kreativen Ideen besteht derweil kein Mangel. Aus der Fülle an Diskussionsbeiträgen ragte dabei eine nur nebenbei geäußerte Idee hervor. Primär geht es dabei nicht um die Förderung und den Austausch von Elite-Kultur sondern das Wecken eines breiteren Publikumsinteresses. So wurde von einem Konferenzteilnehmer spontan der Vorschlag gemacht, in Anlehnung an den Eurovisions-Song Contest einen eigenen Song-Contest für den mediterranen Raum zu schaffen. Wenngleich es in der Tonalität zwischen europäischer und arabischer Musik große Unterschiede gibt und auch so manche Gewöhnungseffekte bestehen, hätte die Pop-und-Volksmusik durchaus Chancen Publikum an allen Ufern des Mittelmeers (und darüber hinaus) zu finden. Ein Beispiel dafür sind die Konzerte „24 parfums“ eines tunesischen Ensembles, von dem man sich im Internet überzeugen lassen kann.

Für Jürgen Elvert, Professor für Europäische Geschichte an der Universität zu Köln, ist es notwendig „neu zu denken“, im Mittelmeer keine Barriere sondern ein Verbindungsglied zu sehen. Wie überhaupt für ihn das Meer eine Brücke zwischen Europa und der Welt darstellt. Er verweist dabei auf die Geschichte. Wie kein anderer Kontinent hat Europa viele Bezugspunkte mit dem Meer, erfolgte doch von hier aus die Entdeckung der Welt. Die Wege führten zuallererst über die Meere.

Kommissar Hahn hat für die südlich und südöstlich gelegenen Länder des mediterranen Raums noch eine ganze andere Vision: „Wenn einmal die Erweiterung der Europäischen Union abgeschlossen ist, dann könnte man auch ein Commonwealth-Modell mit den Staaten rund ums Mittelmeer andenken“.

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