USA und Deutschland leben sich auseinander, COVID-19 verstärkt den Trend

Keine ziemlich besten Freunde: Die transatlantischen Beziehungen sind seit dem Einzug von Präsident Trump ins Weiße Haus angespannt. [EPA-EFE | Jim Lo Scalzo]

Laut einer neuen Umfrage der Körber-Stiftung nehmen die negativen Gefühle gegenüber den Vereinigten Staaten in Deutschland während der aktuellen Pandemie zu. Der Bericht zeigt auch eine Verschiebung der öffentlichen Meinung in Bezug auf China.

Seit der Wahl von Donald Trump 2016 herrscht in Deutschland eine äußerst negative Einstellung zu den Vereinigten Staaten. Eine gemeinsame Umfrage des in den USA ansässigen Think-Tanks Pew Research Center und der Körber-Stiftung vom März ergab, dass 64 Prozent der Deutschen das Verhältnis zwischen den beiden Ländern im Jahr 2019 als „schlecht“ einschätzen.

Dies ist zwar eine leichte Verbesserung gegenüber dem Wert von 73 Prozent im Jahr 2018, neue Daten deuten jedoch darauf hin, dass die Pandemie die negativen Gefühle weiter verstärken könnte.

Laut einer Sonderausgabe des Berlin Pulse der Körber-Stiftung, in der Anfang April 1.057 Personen befragt wurden, geben 73 Prozent der Teilnehmenden an, die Pandemie habe ihre aktuelle Sicht auf die USA verschlechtert.

Besonders auffällig: Auf die Frage, ob die Beziehungen zu China oder den USA wichtiger seien, entschieden sich nur noch 37 Prozent für die USA, was einem Rückgang um 13 Punkte gegenüber November 2019 entspricht. 36 Prozent befürworteten hingegen engere Beziehungen zu China, gegenüber 24 Prozent vor einem halben Jahr.

Bei den jüngeren Befragten war der Unterschied sogar noch größer: 46 Prozent der 18- bis 34-Jährigen gaben an, dass die Beziehung zu China wichtiger sei.

„Die Skepsis der Deutschen den USA gegenüber wächst – ein besorgniserregender Trend, der politischen Entscheidungsträgern auf beiden Seiten des Atlantiks zu denken geben sollte,“ kommentierte Nora Müller, Leiterin des Bereichs Internationale Politik der Körber-Stiftung.

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Chaotische Beziehung während der Pandemie

Als die Trump-Administration auf das Coronavirus reagierte, bestand einer ihrer ersten Schritte darin, Reisen aus Europa einseitig zu unterbinden: Präsident Trump hatte europäische Reisende als Verantwortliche für die Verbreitung des Virus in den USA ausgemacht.

In einer Ansprache im März sagte er: „Viele neue Herde in den USA wurden durch Reisende aus Europa angefacht.“

„Was bei den Europäern dabei für das größte Unverständnis gesorgt hat, ist, dass weder Präsident Trump noch Irgendjemand in seiner Regierung ihnen mitgeteilt hat, dass er diesen Schritt [der Einreiseverbote] unternehmen würde, bevor er ihn in der Öffentlichkeit ankündigt,“ stellte die Präsidentin des German Marshall Fund Karen Donfried in einem früheren Gespräch mit EURACTIV Deutschland bereits fest.

Mitte März hatten darüber hinaus deutsche Beamte mitgeteilt, die USA hätten der deutschen Firma CureVac, die an einem Coronavirus-Impfstoff arbeitet, eine große Summe Geld angeboten, um in die USA zu ziehen. Während das Unternehmen später zwar dementierte, dass ein solches Angebot vorliege, bezeichneten diverse hochrangige Politiker wie Innenminister Horst Seehofer das Thema als „eine Frage der nationalen Sicherheit“.

Die Spannungen zwischen den beiden Ländern flammten erneut auf, als der Berliner Innensenator Andreas Geisel die USA beschuldigte, 200.000 für Deutschland bestimmte FFP2-Masken aus China in Richtung Amerika umgeleitet zu haben. Er kritisierte dies als „moderne Piraterie“.

Die US-Botschaft in Berlin wies die Anschuldigungen umgehend zurück und beschuldigte Deutschland im Gegenzug, sich an Versuchen zu beteiligen, „die internationalen Anstrengungen durch Desinformationskampagnen ohne Angaben von Quellen zu spalten“.

Spätere Berichte deuteten tatsächlich darauf hin, dass es eine Verwechslung der Lieferungen in Bangkok gab.

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Peking und Washington nahezu gleich wichtig

Inzwischen sehen die Deutschen das Verhältnis ihres Landes zu China als ebenso wichtig an wie das Verhältnis zu den USA.

In einer Pew-Umfrage von 2019 hatten noch etwa doppelt so viele Befragte der Beziehung zu Washington den Vorrang vor Peking gegeben (50 gegenüber 24 Prozent). Heute präferieren nur noch 37 Prozent der deutschen Befragten die Beziehungen ihres Landes zu den USA, während ein fast gleich großer Anteil (36 Prozent) gute Beziehungen zu China favorisiert, wie Daten aus der neuesten gemeinsamen Umfrage zeigen.

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Allerdings scheinen die Deutschen von Chinas „Maskendiplomatie“ während der Krise weitgehend unbeeindruckt zu sein: Nur elf Prozent glauben, dass Peking maßgeblich zur Lösung der Krise beiträgt – verglichen mit 76 Prozent der Befragten, die auf die EU und ihre Mitgliedsstaaten verweisen.

MdB Dagmar Schmidt (SPD) betonte in dieser Hinsicht, sie schätze zwar die chinesische Hilfe für Europa, sei aber „irritiert über die Art und Weise, in der diese Hilfe – wie etwa die Lieferungen von Masken und [Schützausrüstung] nach Italien und Spanien – von propagandistischen Melodien begleitet wurde“.

Einig ist man sich indes auf beiden Seiten des Atlantiks darin, dass sich die  allgemeinen Außenbeziehungen nach der Coronavirus-Krise ändern werden. Die Frage bleibt, wie sie sich ändern.

Im direkten Vergleich zu US-amerikanischen Befragten sind die Deutschen jedenfalls optimistischer hinsichtlich einer verstärkten internationalen Zusammenarbeit nach der Krise (42 gegenüber 35 Prozent) und sehen die Globalisierung insgesamt positiver (47 gegenüber 44 Prozent).

Indes gehen in beiden Ländern weniger als ein Drittel der Befragten davon aus, dass auch nach COVID-19 alles so sein wird wie vor der Krise.

[Bearbeitet von Benjamin Fox und Tim Steins]

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