UN: Migration aus Afrika wird in naher Zukunft anhalten

"Nur, wenn es Afrika ein Jahrzehnt lang schafft, ein Wachstum von 10-11 Prozent zu verzeichnen, dann wird sich die Situation ändern," so ein hochrangiger UN-Beamter. [Fabian Melber/Flickr]

Die Gesamtzahl der Migranten mag zurückgegangen sein, aber die Migration vieler afrikanischer Jugendlicher nach Europa wird sich fortsetzen, prophezeien Spitzenbeamte des UN-Entwicklungsprogramms.

Die Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) hat seinen Bericht „Stimmen irregulärer Migranten nach Europa“ Anfang des Monats präsentiert. Er basiert auf den Schilderungen von fast 2.000 Migranten aus 39 afrikanischen Ländern, die inzwischen in 13 europäischen Ländern angekommen sind. Der Bericht soll Erkenntnisse über die Motivation der Menschen für ihre Reise sowie über ihre Erlebnisse in Europa liefern.

„Vieles in der Politik wird offenbar auf der Grundlage von Emotionen und Wahrnehmungen – und nicht von Beweisen – entschieden. Das hat uns überrascht, denn es gibt einen enormen Aufwand an Mitteln und Ressourcen beim Thema Migration,“ stellt Ahunna Eziakonwa, stellvertretende UN-Generalsekretärin und Direktorin des UNDP Afrika, gegenüber EURACTIV fest.

„Was das UNDP mitteilen will: Es lohnt sich, wenigstens zu versuchen, einige Beweise zu sammeln, die die Politik leiten können. Gerade, weil dies ein so wichtiges Thema für die EU ist,“ fügt sie hinzu.

Tatsächlich scheint Migration für die europäischen Bürgerinnen und Bürger nach wie vor sehr wichtig zu sein: Laut Eurobarometer-Umfragen vor den Europawahlen im Mai hielten rund 40 Prozent der Befragten die Einwanderung für eines der beiden wichtigsten Themen in der EU.

Von der Leyen verspricht neues Migrationspaket in erster Jahreshälfte 2020

Während eines Besuches in Berlin hat die designierte Kommissionschefin Ursula von der Leyen zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über europapolitische Themen und die deutsche Ratspräsidentschaft gesprochen. Dabei versprach sie, den Stillstand der Dublin IV Verhandlungen bald mit einem neuen Vorschlag beenden zu wollen.

Die Umfrage des UNDP umfasst allerdings keine Geflüchteten, die wegen Krieg oder politischer Verfolgung aus ihrer Heimat geflohen sind. Somit wurde die Studie auf die Wahrnehmungen derjenigen beschränkt, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Europa kommen – und dies aufgrund der europäischen Einwanderungsgesetze meist nicht tun dürfen.

„Man muss sich die Frage nach den rechtlichen Möglichkeiten ansehen. Es gibt keine andere Wahl. Es geht um rechtliche Wege [für legale Migration], die nicht auf Philanthropie basieren, sondern darauf, welche Art von Migranten Europa wirklich braucht. Diese Debatte muss endlich beginnen,“ fordert Eziakonwa.

Mohamed Yahya, der Hauptautor des aktuellen UNDP-Berichts, warnt ebenfalls, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs Gefahr laufen, einen „Teufelskreis“ zu schaffen, indem sie nicht mehr tun, um legale Wege für Migranten zu fördern. Das Ergebnis sei, dass „die Menschen unregelmäßig/illegal kommen. So baut man auch ein Umfeld der Angst unter den europäischen Bürgern auf. Denn niemand will, dass Menschen ins Land kommen, die man nicht kennt und die keine Papiere haben.“

Insgesamt schaffe man eine „Lose-lose-Situation“ für Afrika und für Europa.

EU-Parlament gegen Stärkung der Seenotrettung

Bereits am vergangenen Donnerstag stimmte das EU-Parlament gegen eine Entschließung, mit der die EU aufgefordert worden wäre, ihre Such- und Rettungsaktionen im Mittelmeerraum wieder zu verstärken.

„Migration und Migranten werden überall diskutiert, aber es geht immer mehr um die Tyrannei der Zahlen. Die Politiker vergessen, dass hinter jeder Zahl Geschichten stecken“, fügt er hinzu und erinnert an die weiterhin nahezu täglich stattfindenden menschliche Tragödien, wenn Menschen im Mittelmeer oder in der Sahara sterben: „Wir haben mehr als 30.000 [Menschen] im Mittelmeer und überall sonst verloren. Wir werden ihre Geschichten nie erfahren.“

Ein Ziel des Berichts habe daher darin bestanden, zu verdeutlichen, „dass es sich um Menschen handelt und dass ihre Wünsche und Träume sehr menschlich sind,“ betont Eziakonwa. „Wir müssen verstehen, wer sie waren, bevor sie loszogen; wer sie jetzt, hier in Europa, sind; und welche Träume und Ziele sie haben.“

Tatsächlich würden viele Migranten in der Regel aus urbanen Gebieten stammen und seien überdurchschnittlich gut ausgebildet. Für sie habe der Weg nach Europa nur ein Ziel: „Sie suchen woanders nach Hoffnung.“

So war die überwiegende Mehrheit der Befragten in der UNDP-Studie bei ihrer Abreise nach Europa zwischen 20 und 29 Jahren alt; 71 Prozent kamen aus Westafrika, vor allem aus Nigeria und Senegal. 58 Prozent waren in ihren Heimatländern erwerbstätig und erhielten dabei Löhne, die über dem nationalen Durchschnitt lagen, oder sie waren in Ausbildung.

„Die Kernbotschaft dieser Studie – dass Migration ein Nachhall ungleicher Entwicklung und insbesondere einer Entwicklungsrichtung ist, die junge Menschen ohne andere Wahl zurücklässt – sendet ein starkes Signal an die Politik,“ schreibt auch Achim Steiner, Administrator des UNDP, im Vorwort zum Bericht.

Ungleicher „Austausch“

Berichtsautor Yayha erklärt gegenüber EURACTIV, die ungleichen Handelsbeziehungen zwischen der EU und Afrika seien eine der Hauptursachen für die Emigration.

„Im Wesentlichen zeigt der Bericht auf, dass die Beziehungen zwischen Afrika und dem Rest der Welt ganzheitlicher gestaltet werden müssen. Die Beziehungen dürfen nicht allein auf Entwicklungshilfe beschränkt sein. Es muss eine gleichberechtigte Partnerschaft geben, die eine Vielzahl von Fragen – und nicht nur Handelsfragen – umfasst“, so Yahya, der auch der „Resident Representative“ des UNDP Nigeria ist.

„Das langsame Wachstum Afrikas hängt zum Teil auch mit den Handelsbeziehungen zwischen Afrika und der übrigen Welt zusammen. [Die Gesellschaften Afrikas] können keinen Mehrwert aus und mit ihren Ressourcen schaffen. Wenn ich zum Beispiel mit der Weiterverarbeitung von Kaffee und Schokolade beginnen würde, steigen sofort die Steuern und Zölle – weil Europa seine eigene Industrie in diesen Bereichen schützen will,“ erklärt er.

Die Landwirtschaft als Schlüsselfaktor für Afrikas Aufstieg

Afrikanische Staaten, die Afrikanische Union und die EU wollen die Industrialisierung der afrikanischen Landwirtschaft vorantreiben.

Diese Aussagen spiegeln die Kritik vieler afrikanischer Staats- und Regierungschefs sowie regionaler Blöcke an den von der EU angebotenen Wirtschaftspartnerschaftsabkommen wider. Diese, so die Argumentation der afrikanischen Staaten, zwingt die Länder zur Öffnung ihrer Märkte, bietet ihnen aber nicht ausreichend Raum für den Aufbau eigener, lokaler Industrien.

Das Ergebnis ist, dass afrikanische Staaten viel eher Rohstoffe als fertige Produkte exportieren.

Das UNDP sei dabei in einer guten Position, „um beiden Seiten zu sagen, dass der Status quo für niemanden wirklich funktioniert,“ so Yayha. „Afrika verliert seine dynamischsten Menschen und Talente. Für Europa heißt es hingegen, dass man eine andere Art von Beziehung zu Afrika aufbauen muss – diese Diskussionen haben immerhin begonnen – denn diese jungen Menschen werden in der näheren Zukunft weiterhin kommen. Was will und kann man dagegen tun?“

Obwohl die Migrationszahlen aktuell rückläufig sind, glaubt Yahya, dass die Auswanderung afrikanischer Jugendlicher nach Europa ein Generationenproblem ist und deswegen in nächster Zeit weiterhin zu beobachten sein wird: „Nur, wenn es Afrika als gesamter Kontinent ein Jahrzehnt lang schafft, ein Wachstum von 10-11 Prozent zu verzeichnen, dann wird sich die Situation ändern. Denn dann können die Menschen in ihren eigenen Ländern endlich Chancen vorfinden.“

Er schränkt jedoch sofort ein: „Das passiert aber nicht. Das Wachstum ist anämisch. Ich lebe in Nigeria, wo das Wachstum aktuell 1,9 Prozent beträgt. Das ist bei weitem nicht genug, um die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen.“

Eine Partnerschaft, basierend auf Respekt

Den Großteil der Kommissions-Amtszeit unter Jean-Claude-Juncker haben es die europäischen Regierungen nicht geschafft, die Migrations- und Asylpolitik des Blocks zu reformieren. Die Debatte konzentrierte sich fast ausschließlich auf die Reduzierung der Migrantenzahlen.

Sowohl Eziakonwa als auch Yayha sind der Ansicht, dass das Umfeld für die Debatte über Migrationspolitik inzwischen aber deutlich besser sei. In dieser Hinsicht begrüßen sie auch die bisherigen Ankündigungen der designierten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die beispielsweise Jutta Urpilainen das Portfolio der Internationalen Partnerschaften zugewiesen hat. Dies sei ein Zeichen für eine veränderte Einstellung innerhalb der EU-Institutionen.

„Bauen Sie eine Partnerschaft auf, die auf Respekt basiert. Kurzfristige Maßnahmen in der Politik werden uns nicht weiterbringen,“ fasst Eziakonwa zusammen.

DIHK: Europa muss seine Handelsbeziehungen neu denken

Im Handelskrieg zwischen den USA und China muss Europa Einigkeit demonstrieren, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Es müsse dringend an einem „level playing field“ gegenüber China gearbeitet werden.

Angesichts der Tatsache, dass sich Europa vor allem mit der Kontrolle und Bewältigung der Migration beschäftigt, vergesse man leicht, dass mehr als 80 Prozent der afrikanischen Migration auf dem Kontinent selbst stattfinden.

Eziakonwa betont in dieser Hinsicht, Europa müsse „erkennen, dass die afrikanischen Länder im Namen der Welt auch sehr viele Vertriebene aufnehmen: Äthiopien eine Million, Uganda eine Million, Kenia 600.000… Das sind 2,6 Millionen Geflüchtete in drei Ländern, die sich die Aufnahme dieser Menschen eigentlich nicht leisten können – und im Vergleich dazu die Zahlen in Europa!“

Sie räumt ein: „Man könnte argumentieren, dass es einen Unterschied zwischen Geflüchtleten und Wirtschaftsmigranten gibt.“

Aber Tatsache sei nun einmal, „dass einige dieser weniger wohlhabenden Staaten eine Flüchtlingsbürde auf sich nehmen, die kein europäischer Staat in den vergangenen Jahren jemals erlebt hat.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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