Umfrage zeigt: China wirkt immer mächtiger – auf Kosten der USA

Eine wachsende Zahl von Befragten in Frankreich, Deutschland und den USA sah China als den einflussreichsten Akteur in globalen Angelegenheiten an. [EPA-EFE | Sergei Ilnitsky]

Laut neuen Umfragedaten beeinflusst die Pandemie auch die Wahrnehmung der Geopolitik. Immer mehr Menschen in Frankreich, Deutschland und den USA sehen China als die einflussreichste Weltmacht an, während die US-Hegemonie schwindet. Die meisten wollen demnach aber auch, dass ihre Länder gegenüber China in den Bereichen Klimawandel, Menschenrechte und Cybersicherheit eine härtere Linie verfolgen. 

Innerhalb von vier Monaten hat sich die öffentliche Meinung in Frankreich, Deutschland und den USA zum Thema Geopolitik und insbesondere zum Aufstieg Chinas schnell verändert, wie eine am heutigen Dienstag veröffentlichte Meinungsumfrage feststellt. Die Studie wurde vom German Marshall Fund (GMF), der Bertelsmann Stiftung und dem Institut Montaigne in Auftrag gegeben.

Die sowohl vor als auch während der Pandemie durchgeführte Studie „Transatlantische Trends 2020“ zeigt, dass immer mehr Teile der Bevölkerung in den USA, Frankreich und Deutschland China als den einflussreichsten Akteur in globalen Angelegenheiten betrachten.

Während stets weniger als 15 Prozent der Befragten im Januar China als das einflussreichste Land sahen (13 Prozent in Frankreich, 12 Prozent in Deutschland und nur sechs Prozent in den USA), verzeichnete das Land im Mai einen deutlichen Anstieg auf breiter Front: In Frankreich sahen 28 Prozent China als den einflussreichsten Akteur an. In Deutschland waren es noch 20 Prozent und auch in den Vereinigten Staaten immerhin 14 Prozent der Befragten.

In einem Interview mit AFP sagte der stellvertretende Direktor des Pariser GMF-Büros in Paris, Martin Quencez, die Pandemie mache die Macht Chinas greifbarer: „Der chinesische Einfluss in der Welt war vor der Krise eine Art abstrakte Idee. […] Wenn man an die Abhängigkeit von China, zum Beispiel bei Masken und medizinischer Ausrüstung denkt, ist dies aber sehr viel konkreter geworden“, erklärte er.

China warnt USA im Streit um Coronavirus vor "neuem Kalten Krieg"

Angesichts zunehmender Spannungen zwischen den USA und China hat die Regierung in Peking vor einem „neuen Kalten Krieg“ gewarnt.

Nachlassender Einfluss der USA?

Die USA erlitten die größten Verluste bei dieser Wahrnehmung von Einfluss. Während sie von der Mehrheit der Bevölkerung in allen drei Staaten immer noch als einflussreichstes Land gesehen wird, sackte sie ab – um 12 Prozentpunkte in Frankreich, um acht in Deutschland und um neun Prozentpunkte in den USA selbst.

Dies ist sicherlich auch Teil der sich verschlechternden allgemeinen Meinung gegenüber dem Land, die seit dem Ausbruch des Coronavirus in Europa und den USA in diesem Frühjahr in verschiedenen Meinungsumfragen dokumentiert wurde.

Im Mai berichteten die Körber-Stiftung und Pew Research, dass 73 Prozent der befragten Deutschen sagten, die Pandemie habe ihre Sicht auf die USA verschlechtert. In der vergangenen Woche zeigte eine vom European Council for Foreign Relations (ECFR) veröffentlichte Umfrage einen ähnlichen Trend: Neben den deutschen Bürgerinnen und Bürgern gaben auch die Mehrheiten der Befragten in Dänemark, Frankreich, Portugal, Spanien und Schweden an, dass sich ihre Meinung über die USA verschlechtert habe.

Einige verweisen in diesem Zusammenhang auf den Umgang der Trump-Administration mit dem Virus. Die AutorInnen der ECFR-Studie stellen demnach fest, dass „viele [EuropäerInnen] über die chaotische Reaktion des Landes auf COVID-19 entsetzt sind“.

Der jüngste Anstieg der Fälle in den USA hat diese Wahrnehmung wahrscheinlich noch weiter verschlechtert, insbesondere im Zusammenhang mit dem Abwärtstrend der Neuinfektionen in Europa. Als Reaktion auf einen Bericht der Washington Post twitterte der MdB Karl Lauterbach  (SPD) kürzlich: „USA scheinen gegen Coronavirus aufzugeben. Die Folgen werden Arme und die Minderheiten tragen müssen. Viele werden leider darüber noch sterben“.

Energisches Vorgehen gegen China

Während die Befragten China als zunehmend einflussreich einschätzten, sprachen sich die Mehrheiten in allen drei befragten Ländern für eine härtere Gangart gegenüber dem Land in Schlüsselfragen aus, wobei die Französinnen und Franzosen am stärksten dafür waren. Am wenigsten Unterstützung gab es aus den USA, was dem Bericht zufolge darauf zurückzuführen sein könnte, „dass Washington China bereits deutlicher konfrontiert als seine europäischen Verbündeten, insbesondere in den Bereichen Handel und Sicherheit“.

In Deutschland und Frankreich war hingegen der Klimawandel ein großes Anliegen, sowohl allgemein als auch in den Beziehungen zu China. 60 Prozent in Frankreich und 57 Prozent in Deutschland sagen, dass ihre Länder in dieser speziellen Frage eine strengere Haltung gegenüber China einnehmen sollten. Bei den US-AmerikanerInnen lag die Zahl bei 39 Prozent.

Die Mehrheiten in allen Ländern waren sich aber einig, dass es eine härtere Haltung gegenüber dem Land in Bezug auf die Cybersicherheit geben sollte (53 Prozent in Frankreich, 52 Prozent in Deutschland und 50 Prozent in den USA), und viele wünschten sich mehr Druck auf China in Bezug auf die Menschenrechte (57 Prozent in Frankreich, 58 Prozent in Deutschland und 46 Prozent in den USA).

Während die Trump-Administration bei einer Vielzahl von Themen – vom Handel bis hin zu 5G-Technologien – weitgehend konfrontativ mit China aufgetreten ist, gibt es für Europa durchaus Spielraum, einen härteren Ton anschlagen.

Am Montag (29. Juni) erklärte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), es sei „unabdingbar, dass Europa gegenüber China mit einer einzigen Stimme spricht“, insbesondere angesichts „der Aufarbeitung der Pandemie und angesichts eines immer robusteren chinesischen Vorgehens in Hongkong und in seiner Nachbarschaft“. Dies soll auch eine Schlüsselpriorität der deutschen EU-Ratspräsidentschaft sein, die am morgigen Mittwoch (1. Juli) beginnt.

Konkrete Fortschritte in den Beziehungen dürften jedoch nur langsam erzielt werden. Der virtuelle EU-China-Gipfel in der vergangenen Woche endete bereits ohne Ergebnisse und mit einer Reihe offener Fragen.

Keine Fortschritte nach angespanntem EU-China-Gipfel

Bei einem angespannten virtuellen Gipfeltreffen zwischen den Spitzen der EU und Chinas am Montag wurden in mehreren Schlüsselfragen keine greifbaren Fortschritte erzielt.

Melden Sie sich für "The Capitals" an

Vielen Dank für das Abonnieren des The Capitals Newsletters!
  • Mit EURACTIV immer auf dem Laufenden!

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN