Umfrage: Ein Fünftel aller Serben will das Land verlassen

Auswanderungswillige Serben in Novi Sad. [shutterstock/Srdjan Randjelovic]

Rund ein Fünftel der serbischen Bürger will das Land auf der Suche nach besser bezahlten Jobs und mehr Wohlstand verlassen, heißt es in einer neuen Studie. Die meisten dieser Menschen seien jung – und die meisten wollen in westliche Staaten emigrieren. EURACTIV Serbien berichtet.

Hinzu kommt: Diejenigen, die das Land bereits verlassen haben, wollen nicht zurückkehren, zumindest nicht vor ihrer Pensionierung – wiederum vor allem wegen des höheren Lebensstandards im Ausland, so die Umfrage „Why Are People Leaving Serbia“, die vom Think-Tank Srbija 21 anhand einer Stichprobe von 1.000 Bürgern durchgeführt wurde.

Ein Drittel der Befragten, die an eine Ausreise aus Serbien denken, befindet sich in der Altersgruppe von 18-29 Jahren. Fast die Hälfte derjenigen, die ins Ausland gehen wollen, ziehen eine dauerhafte Auswanderung in Betracht.

Die am häufigsten genannten Motive für eine Emigration sind dabei der Lebensstandard (41 Prozent), eine besser bezahlte Arbeit (36 Prozent) und die allgemein „schlechte Situation“ im Land (9 Prozent). Serbien ist der größte Staat auf dem Westbalkan, nach einem Jahrzehnt internationaler Isolation und der Kriege im ehemaligen Jugoslawien aber nach wie vor relativ arm.

Umfrage: Serbiens Herz liegt im Osten, der Geldbeutel im Westen

Die Serben haben eine realistische Sicht, was ihre Lebensumstände angeht. Die Meinung über die internationale Position ihres Landes sei jedoch irrational.

Unter den Ausreisewilligen gaben 85 Prozent an, sie würden gerne in westliche Länder auswandern, während lediglich zwei Prozent die Russische Föderation als ihr Wunschziel nannten.

Diaspora zufrieden mit ihrer Emigration

Die Umfrage wurde auch in der Diaspora per Onlinebefragung durchgeführt. Daran nahmen 2.149 erwachsene Personen teil, die bereits aus Serbien ausgewandert sind. Die überwiegende Mehrheit von ihnen (92 Prozent) gab an, ihr Leben sei im Ausland besser als in Serbien.

Auf die Frage, ob sie nach Serbien zurückkehren würden, gaben 41 Prozent der Befragten an, dass sie dies nicht planen, während 35 Prozent erst nach ihrer Pensionierung zurückkehren wollen. Neun von zehn sagten, sie sehen die Zukunft ihrer Kinder im Ausland.

Problem in Gesamt-Südosteuropa

Einer der Gründer des Think-Tanks Srbija 21, Ivan Andrić, erklärte bei der Präsentation der Umfrageergebnisse, das Problem der Massenemigration betreffe nicht nur Serbien, sondern auch andere Länder in der Region, ebenso wie einige weitere osteuropäische Länder.

Auch auf dem „Ostbalkan“ kennt man die Entwicklung: Die Nachbarländer Bulgarien und Rumänien, die seit 2007 Mitglieder der EU sind, haben seit dem Fall der Berliner Mauer 3,5 bzw. fast 2 Millionen ihrer Einwohner „verloren“.

Der Balkan hat Potenzial

Die strategisch wichtige Lage und die mobilisierbaren Arbeitskräfte sind nur einige Aspekte des wirtschaftlichen Potenzials des Westbalkans, sagt Martina Larkin vom Weltwirtschaftsforum.

„Es ist wichtig, dass wir verstehen – und das zeigen die Erfahrungen unserer Nachbarn – dass das Problem nicht mit unserer Partnerschaft mit der EU und auch nicht mit unserem EU-Beitritt verschwinden wird. Vielmehr wird die Zahl derer, die gehen, eher noch steigen. Damit die Menschen bleiben können, ist es wichtig, dass wir die westeuropäischen Lebensstandards in unserem eigenen Land etablieren,“ betonte Andrić.

Die Sozialpsychologin Jasna Milošević Popović fügt hinzu: „Hier zu bleiben, ist das, was junge Leute als „Verliereraktion“ bezeichnen würden. Was sie hingegen hier halten würde, wäre die Möglichkeit, ihre eigene Karriere [in Serbien] zu gestalten.“

Viel Arbeitslosigkeit, niedrige Einkommen, hohe Auswanderungsraten

Die Arbeitslosenquote in Serbien lag nach offiziellen Angaben im zweiten Quartal 2018 bei knapp zwölf Prozent, in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen bei 27,5 Prozent. Das durchschnittliche Nettogehalt betrug im Juli 49.202 Dinar (416 Euro).

Eine weitere Umfrage, das Balkan-Barometer 2018, das Anfang Juli vom Regionalen Kooperationsrat (RCC) in Brüssel vorgestellt wurde, zeichnet ein noch düstereres Bild. Demnach sind die Serben weitaus mehr über die wirtschaftliche Situation besorgt als die Bürger anderer Länder des Westbalkans. In dieser Umfrage gaben sogar 32 Prozent von ihnen an, mit dem Gedanken zu spielen, das Land zu verlassen.

Aufgrund der Auswanderung und der Sterblichkeitsrate, die die Geburtenrate überseteigt, entspricht der jährliche Bevölkerungsverlust in Serbien etwa 35.000 Personen. In Bezug auf die Gesamtbevölkerung gehört Serbien damit laut den von internationalen Organisationen vorgelegten Daten zu den zehn Ländern mit dem größten Bevölkerungsrückgang der Welt.

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