Türkei: Wie die Wirtschaftskrise zur Chance werden kann

Die modere Cevahir Shopping Mall in Istanbul. Durch zielgenaue Reformen könnte dir türkische Wirtschaft wieder zum prosperieren gebracht werden. [Photo Oz/ Shutterstock]

Vergangenen Sommer erreichte die türkische Lira einen historischen Tiefpunkt, doch noch immer steckt das Land in einer wirtschaftlichen Krise. Dabei könnte die Regierung daraus eine große Chance für das Land machen, meint der Türkeiforscher Yasar Aydin.

Die Wirtschaft der Türkei steuert auf eine Krise zu. Das Wachstum hat sich massiv verlangsamt, die Landeswährung TL entwertete sich gegenüber dem US-Dollar und Euro und erreichte schließlich im August 2018 einen historischen Tiefpunkt: ein US-Dollar entsprach sieben Türkische Lira.

Die Inflation, einst unter Kontrolle, kletterte im Oktober 2018 auf 25 Prozent, die Arbeitslosigkeit wurde zweitstellig. Andere Indikatoren wie Vertrauens- und Erzeugerpreisindex, Immobilienverkäufe, Nachfrage für Automobile und andere Gebrauchsgüter deuten ebenfalls auf eine Rezession hin. Ratingagenturen und Wirtschaftsexperten prognostizieren der Türkei eine tiefe Wirtschaftskrise.

[Grafik: Yasar Aydin, Quelle: http://www.tuik.gov.tr/UstMenu.do?metod=temelist]

Damit läuft Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan Gefahr, bei den Kommunalwahlen am 31. März 2019 Stimmeinbußen für seine Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung einzustecken und sogar Bürgermeisterposten einiger wichtiger Metropolstädte zu verlieren. Auch darüber hinaus könnte der Wirtschaftseinbruch für ihn zum Verhängnis werden. Denn zahlreiche Daten deuten darauf hin, und darin sind sich auch viele Experten einig, dass Erdoğan sein langfristiges Wirtschaftsziel, nämlich bis 2023 die Türkei in den Kreis der zehn größten Wirtschaftsnationen zu führen, verfehlen wird.

Das britische Finanzunternehmen Standard Chartered plc sieht das anders: Seiner Prognose nach wird die Türkei im Jahr 2030 zu den fünf größten Volkswirtschaften zählen. Sieben Jahre später als Erdoğans Ankündigung, aber dafür auf Rang fünf statt zehn. Mehr noch: mit einem BIP (KKP) von 9,1 Bio. US-Dollar werde die Türkei Japan (7,2 Bio. US-Dollar, Rang 9) und Deutschland (6,9 Bio. US-Dollar, Rang 10) hinter sich lassen. Wie realistisch ist diese Prognose?

Man mag die Prognose von Standard Chartered plc zu optimisch finden, doch der Wirtschaftseinbruch kann sich als Chance erweisen – sowohl für die Türkei als auch für deutsche Unternehmer. Die türkische Wirtschaft kann erneut eine kräftige Wirtschaftsdynamik entfalten, vorausgesetzt die Entscheidungsträger ziehen daraus die richtigen Konsequenzen und stellen die Weichen für ein neues Wirtschaftsmodell. Impulse für eine Umstellung lassen sich aus der Analyse des vergangenen Wirtschaftswachstums gewinnen. Worauf gründete sich die vergangene Wirtschaftsdynamik?

Tücken des Wachstums des letzten Jahrzehnts

Die Wirtschaftsdynamik der Jahre 2003 – 2011 war mit Tücken behaftet. Die starke türkische Währung führte zur Verbilligung der Importe und schaffte somit auch Anreize für Unternehmen, Zwischengüter und Rohmaterialien zu importieren, statt diese selbst zu produzieren. Was wiederum die produktiven Kapazitäten unterminierte und eine vorzeitige Deindustrialisierung bewirkte. Die Verbilligung und der Anstieg der Importe ließen die Lücke zwischen Importen und Exporten vergrößern und führten zu einem massiven Anstieg des Zahlungsbilanzdefizits.

Grafik: Yasar Aydin, Quelle: http://www.tuik.gov.tr/UstMenu.do?metod=temelist

Die Aufwertung der einheimischen Währung verschaffte auch Anreize für Banken und Unternehmen, auf internationalen Finanzmärkten Kredite in ausländischer Währung – Dollar und Euro – aufzunehmen. Die dadurch einsetzende „Dolarisierung“ der Wirtschaft bewirkte, dass die türkische Zentralbank die Kontrolle über die Geldpolitik verlor. Die überbewertete Landeswährung trug über den Anstieg ausländischer Schulden privater Unternehmen zur Schwächung der wirtschaftlichen Struktur bei.

Der sprunghafte Anstieg des Dollars im Sommer 2018 setzte die in US-Dollar verschuldeten Unternehmen der Gefahr einer Schuldendienstkrise aus. Diese Tücken geben Aufschluss darüber, die gegenwärtige Krise in eine Chance zu verwandeln. Die Krise liefert Entscheidungsträgern die Legitimation für eine Umstellung der Entwicklungsstrategie.

Grafik: Yasar Aydin, Quelle: http://www.tuik.gov.tr/UstMenu.do?metod=temelist

 

Chancen aus der Krise

Damit die türkische Wirtschaft ihren Glanz der Jahre 2003 bis 2008 zurückgewinnt, braucht es eine politische und wirtschaftliche Reformagenda. Das hohe Handelsbilanzdefizit lässt sich nur zurückfahren, wenn es den türkischen Unternehmern gelingt, Produkte mit hohem Mehrwert herzustellen und zu exportieren. Nach wie vor produzieren türkische Unternehmer relativ arbeitsintensiv und beziehen einen Großteil der hochtechnologischen Vorprodukte und Zwischengüter für ihre Exportwaren aus dem europäischen Ausland, was die Gewinne verringert und das Handelsbilanzdefizit erhöht. Um von einer arbeitsintensiven zu einer kapital- und technikintensiven Produktion überzugehen sind eine forcierte Technologie- und Produktentwicklung sowie Bildungsoffensive vonnöten.

Die Regierung müsste auch von Maßnahmen absehen, welche die Unabhängigkeit der Zentralbank in Zweifel ziehen und ausländische Investoren verschrecken. Um das Land sowohl für Unternehmer und Investoren als auch für Hochqualifizierte, Fachkräfte und Wissenschaftler wieder attraktiv zu machen, müssten das Vertrauen in das Justizsystem wiederhergestellt und die Menschenrechtslage verbessert werden.

Die Krise eröffnet Perspektiven auch türkischen Unternehmern; denen mit hoher Liquidität. Sie haben die Gelegenheit, Firmen mit hohen Schulden bzw. Firmenanteile zu erwerben. Darüber hinaus wird die Krise die Unternehmen disziplinieren und anregen, unnötige Kosten abzubauen und auf technikintensive Produktion bzw. Produkte mit hohem Mehrwert umzusteigen.

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Möglichkeiten für deutsche Unternehmen

Nicht nur Geschäftsanteile sind für Devisenbesitzer preiswerter geworden, auch türkische Unternehmen mit Schwierigkeiten, ihre Fremdwährungskredite zu bedienen, brauchen kapitalkräftige Partner aus dem Ausland. Darauf macht auch der Chef der türkischen Automobil- und Zuliefererverband TAYSAD Alper Kanca aufmerksam: „Für Investoren bieten sich einerseits gute Gelegenheiten, Firmen in unsere Branche zu kaufen. Der Wert mancher Unternehmen ist in Euro gerechnet in den vergangenen Monaten um die Hälfte gesunken, obwohl sie voll ausgelastet sind. Zudem haben die großen Markenhersteller in den mittel- und osteuropäischen Ländern, mit denen wir als Standort konkurrieren, zunehmende Schwierigkeiten ausreichend Fachkräfte zu finden.“

Deutsche Unternehmen sind aufgrund der engen Verflechtungen zwischen der deutschen und der türkischen Wirtschaft gegenüber Unternehmen aus anderen Staaten deutlich im Vorteil. So erwägen Volkswagen und Ford in der Türkei Kleinbusse zu produzieren. Skoda erwägt, für den VW-Konzern ein neues Produktionswerk zu errichten. Konkurrent ist Rumänien.

Dem EU-Land Rumänien gegenüber besitzt die Türkei eindeutige Vorteile: Die türkischen Zulieferer sind ein wichtiger Teil der Produktionskette der deutschen Automobilindustrie. Die Türkei besitzt eine gut ausgebildete junge Bevölkerung und verfügt über diszipliniertes und kostengünstiges Arbeitskräftereservoir. Der Währungsverfall reduziert zusätzlich die Kosten. In der Türkei tätige deutsche Unternehmer würdigen ebenfalls die Motivation, Qualität und Zuverlässigkeit der Mitarbeiter.

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Eine Umfrage des TAYSAD ergab, dass deutsche Automobilmanager die Zusammenarbeit mit türkischen Subunternehmern, Zulieferern und Mitarbeitern als positiv bewerten. Das Ansehen des türkischen Automobilsektors, welcher der fünftgrößte in Europa ist, ist in den Augen deutscher Unternehmer hoch. Deutsche Unternehmer, die Erfahrungen mit der türkischen Automobilindustrie gemacht haben, bewerten diese positiver als jene, die keine Erfahrungen in der Türkei gemacht haben. TAYSAD-Verbandchef Kanca: „Die VW-Entscheidung ist ein Testfall. Eine öffentlichkeitswirksame Investition von einem Weltkonzern wie VW hätte eine sehr hilfreiche Signalwirkung.“

Hinzu kommen zwei weitere Faktoren, die für den Standort Türkei sprechen: Die geographische Lage – das Land ist Dreh- und Angelpunkt zwischen Afrika, Europa und Asien, und es besitzt über gute Logistikinfrastrukturen und Vertriebsmöglichkeiten zu zahlreichen Absatzmärkten. Durch die Zollunion ist die Türkei in die Wirtschaftsstruktur der Europäischen Union integriert. In Anbetracht solcher Standortvorteile und der gesellschaftlichen Dynamik lässt sich voraussagen, dass sich die türkische Wirtschaft von der Rezession schnell erholen wird. Eine langanhaltende Depression, die mit Thailand bzw. Japan vergleichbar wäre, erscheint unwahrscheinlich.

Über den Autor: Dr. Yasar Aydin ist Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule in Hamburg und Gastprofessor an der türkisch-deutschen Universität Istanbul. Zu seinen Forschungsgebieten gehören Migration, Internationale Beziehungen und die Türkei. Neben Fachbeiträgen zu Türkei und Migration schreibt er Kommentare für türkische und deutsche Zeitungen. 

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