Trend in der humanitären Hilfe: Cash und Gutscheine

Statt direkter Unterstützung setzen EU und UN bei der humanitären Hilfe immer mehr auf Bargeldzahlungen oder Gutscheinsysteme. [EC/ECHO]

Das gemeinhin bekannte Bild von humanitärer Hilfe: Grundnahrungsmittel werden von Lkw-Ladeflächen aus an Geflüchtete verteilt.

Inzwischen verlagern immer mehr humanitäre Hilfsorganisationen ihre Strategie aber vom Verteilen von Säcken mit Lebensmitteln hin zum Ziel, den Hilfesuchenden die Mittel zu geben, um ihr eigenes Essen zu erwerben und ihre Bedürfnisse selbstbestimmt(er) zu befriedigen.

Das britische Overseas Development Institute schätzt, dass ausgegebenes Bargeld und Gutscheine heute rund sechs Prozent der Ausgaben für humanitäre Hilfe ausmachen – im Vergleich zu weniger als einem Prozent im Jahr 2004. Insgesamt ist dies noch immer ein kleiner Anteil; das Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen weist aber darauf hin, dass ein Viertel seiner Unterstützung inzwischen in Bargeldzahlungen geleistet wird.

Cash und Gutscheine sind besonders beliebt in urbanen Gebieten und wurden massiv eingesetzt, um Geflüchteten aus Syrien zu helfen. Gutscheine können dabei in den lokalen Supermärkten eingesetzt werden; Bargeld wird teilweise sogar direkt an die Hilfsbedürftigen überwiesen.

Auch die Europäische Kommission unterstützt Bargeld- und Gutscheinprojekte in ihren Hilfeleistungsprogrammen für Geflüchtete in Griechenland und der Türkei – gemeinsam mit Behörden und NGOs vor Ort.

Im September 2016 hatte die Kommission ein 115 Millionen-Hilfsprogramm angekündigt, das direkte Unterstützung für Geflüchtete via Cash-/Gutschein-Systeme bieten sollte. Anfang April dieses Jahres wurden weitere 180 Millionen Euro für Hilfsprojekte in Griechenland bereitgestellt, die wahrscheinlich weitere Gutschein-Aktionen enthalten werden.

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Die humanitäre Hilfe der EU war auch Partner beim Aufbau des ESSN-Programms (Emergency Social Safety Net) in einer Partnerschaft mit dem Welternährungsprogramm der UN, dem türkischen Roten Halbmond und der türkischen Regierung.

Neben dem Vorteil, dass den Geflüchteten über Gutscheine mehr Würde und Auswahl geboten werden, werden sie auch als effektiveres Mittel zur Unterstützung der lokalen Wirtschaft angesehen.

Traditionelle, direkte Unterstützungsgüter – wie Seife, Decken, Reis – werden von den Geflüchteten oftmals unter Marktwert verkauft, damit sie sich mit dem eingenommenen Geld Dinge kaufen können, die sie dringender benötigen. Durch Bargeld-Unterstützung kann somit sichergestellt werden, dass der volle Hilfsbetrag für aktuelle, akute Bedürfnisse ausgegeben werden.

„Wir bieten mehr Auswahl als Hilfsleistungen in Naturalien oder Sachleistungen – und weniger Auswahl als bei direkten Geldüberweisungen,“ erklärt Nolwenn Bertrand, Public Policy Manager bei Edenred, einem Unternehmen, das Gutscheinsysteme umsetzt.

Bertrand sagte gegenüber EURACTIV, rund 160.000 geflüchtete Familien in der Türkei hätten bereits von dem 2014 gestarteten Projekt profitiert. Sie erhalten bei dieser Maßnahme durchschnittlich 30 Dollar „Guthaben“ pro Monat, das auf eine Karte geladen wird.

In Griechenland ist Edenred derweil Teil eines Programms der UN-Flüchtlingshilfe, in dem das Unternehmen Gutscheine für Hygieneprodukte ausgibt.

Während Bargeld den Hilfsempfängern offensichtlich mehr freie Auswahl bietet, sind Gutscheinsysteme besonders bei den Gebern beliebt, da sich mit ihnen einfacher nachvollziehen lässt, wie die Unterstützungsgelder ausgegeben werden. Da die Hilfszahlungen aus öffentlichen Kassen finanziert werden, ist es umso wichtiger, verlässliche Kontrollmaßnahmen einzusetzen, die einen korrekten und effizienten Einsatz der Gelder sichern.

Gutscheine erscheinen als „Kompromiss“ zwischen Bargeldzahlungen und direkter Hilfe in Form von Sachleistungen oder Naturalien; die Kommission sieht sie als „bargeldähnlich“ an, schließt Gutscheine aber vom Anwendungsbereich der Richtlinie über Zahlungsdienste aus.

Aus Sicht von EURACTIV scheint die Kommission sich aktuell darauf zu konzentrieren, Programme mit Direktzahlungen zu unterstützen. Gleichzeitig zeigt man sich aber auch offen für einen verstärkten Einsatz von Gutscheinen.

Eunice Maina, Mitarbeiterin im humanitären Programm der Europäischen Kommission für Uganda, erklärt: „Die Europäische Kommission hat sich verpflichtet, bei der Bereitstellung humanitärer Hilfe die wirksamste und effizienteste Methode anzuwenden.“

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