1,87 Milliarden Euro für Tschadsee-Region zugesagt

Gestern und heute noch findet die Highlevel-Konferenz in Berlin statt, zu der das Auswärtige Amt zusammen mit Norwegen und der UNO eingeladen hatten. [Alexander Becher/ epa]

In Berlin findet heute der zweite Tag der hochrangigen Tschadsee-Konferenz statt. Dabei soll internationale Hilfe für die von Terror und Dürre geplagte Region mobilisiert werden. Die EU-Länder sind besorgt – auch in Hinsicht auf die Flüchtlingszahlen.

Der Tschad ist eines der ärmsten Länder der Welt. Im „Human Development Index“ der Vereinten Nationen rangiert das Land, das etwa doppelt so groß ist wie Frankreich, auf dem drittletzten Platz. Dennoch musste Tschad in den letzten Jahren rund 600,000 Menschen aufnehmen, Flüchtlinge aus dem Sudan, Nigeria und der zentralafrikanischen Republik. Der Tschadsee, im Westen des Landes, grenzt an Nigeria, Niger und Kamerun. Allesamt sind sie bitterarm und ihre Lage hat sich in den letzten Jahren noch verschärft.

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Von einem der „größten humanitären Dramen unserer Zeit“ sprach Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) gestern im Rahmen der Tschadsee-Konferenz in Berlin. Für zwei Tage haben Deutschland, Norwegen und die UNO internationale Politiker und Organisationen nach Berlin gerufen, um Gelder zu mobilisieren und über humanitäre Hilfe, Stabilisierung und nachhaltige Entwicklung in der Region zu debatttieren.

Denn was sich heutztage rund um den Tschadsee abspielt, ist Elend in unvorstellbarem Maße. Fast 2,4 Millionen Menschen sind laut UNO auf der Flucht, die Hälfte von ihnen sind Kinder. Fast eine Viertelmillionen jener Kinder sind am verhungern und auf sofortige, lebensrettende Hilfe angeweisen. Insgesagt haben 3,6 Millionen Menschen in den betroffenen Ländern nicht genug zu essen.

Dürre, Armut und Terrorismus laugen die Region aus

Bereits gestern, am ersten Tag der Konferenz, sind große Zusagen gemacht worden. Bis 2020 möchte Deutschland 100 Millionen Euro für humanitäre Hilfe bereitstellen, dazu kommen zusätzliche 40 Millionen bis zum kommenden Jahr. Das Geld soll nicht nur die Lebensmittelversorgung sichern, es geht auch um die Verstärkung der Sicherheitskräfte, um medizinische Versorgung, um Unterkünften und langfristiger um den Wiederaufbau der Wirtschaft und die Stabilisierung des Landes.

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Das alles wird im Tschad und seinen Nachbarkändern dringend benötigt. Seit rund 20 Jahren vertrocknen die Region und der überlebenswichtige See durch Dürren, die vermutlich auf den Klimawandel zurückgehen. Die Land- und Viehwirtschaft ist am Boden, es folgen Hunger, soziale Spannungen und grassierende Armut. Doch damit nicht genug, denn die radikalislamische Gruppe Boko Haram, die Anfang des Jahrhunderts in Nigeria entstand, terrorisiert die Bevölkerung bei ihren Bestrebungen, einen Islamischen Staat zu errichten. Die sunnitischen Kämpfer Boko Harams gehen nicht nur extrem brutal gegen Andersgläubige vor, sie versenken die gesamte Region durch Überfälle, Selbstmord-Attentate, Zwangsrekrutierungen und Entführungen in Chaos. Internationale Aufmerksameit gewann die Gruppe spätestens 2014, als sie 276 Mädchen entführte. Erst diesen Februar verschleppten die Kämpfer wieder mehr als 100 Internatsschülerinnen, ließen sie jedoch einen Monat später wieder frei.

Seit Jahren werden Boko Haram von einer multinationalen Task Force aus den betroffenen Staaten bekämpft, mit zumindest teilweisen Erfolgen. Dennoch sind seit 2014 mindestens 14.000-20.000 Menschen in diesem Kampf umgekommen.

Die EU verspricht weitere 138 Millionen Euro

Die gestern in Berlin versprochenen Gelder sind dementsprechend nur die neueste Maßnahme in Jahren der Hilflosigkeit des Westens angesichts der Geschehnisse um den Tschadsee. Auf einer Geberkonferenz in Oslo letztes Jahr waren 579 Millionen Euro an
Hilfsgeldern für die Region versprochen worden. Tatsächlich ausgezahlt ist bisher allerdings erst die Hälfte. Bei dieser Konferenz sind laut Auswärtigem Amt bisher 1,87 Milliarden Euro von den internationalen Beteiligten zusammengetragen worden.

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Europa könne sich nicht leisten, wegzuschauen, sagte Heiko Maas gestern. Denn die Gefahr durch Boko Haram bedeute auch eine Bedrohung der Sicherheit Europas. Gemeint ist damit vor allem ein möglicher Zuwachs der Flüchtlingszahlen, den auch die EU fürchtet. Denn der Norden des Tschad wird mehr und mehr zum Transport-Korridor, über den Schleuser-Banden Menschen zum Mittelmeer bringen. Auch auf EU-Ebene ist man daher schon lange versucht, die humanitäre Katastrophe einzudämmen. Fast 700 Millionen Euro an Entwicklungshilfen hat die EU laut Kommissionsangaben zwischen 2014 und 2017 in die Tschadsee-Region gezahlt. Für Entwicklungminister Gerd Müller (CSU), der gerade von seiner Reise durch sieben afrikanische Länder zurück ist, braucht es vielmehr einen „gemeinsamen europäischen Ansatz“.

Gestern hat die EU ein weiteres Hilfepaket angekündigt: 138 Millionen Euro sollen an die Länder Tschad, Kamerun, Nigeria und Niger ausgezahlt werden. Inwiefern sich mit den gestern angekündigten Hilfszahlungen der internationalen Geber nachhaltige Erfolge erzielen werden lassen, ist fraglich. Kurzfristig könnten sie jedoch die Lage für die am schlimmsten Betroffenen erleichtern und Leben retten – falls die Geberländer Wort halten. „Leider ist das in der Vergangenheit nicht passiert“, so Müller.

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