Theologe: „Der Islam muss pluralitätsfreundlich werden“

Der türkische Ministerpräsident Erdogan legt sich massiv mit den EU-Staaten an. [Foto: Legnan Koula/dpa]

Die Scharfmacherei des türkischen Präsidenten Erdogan ruft Kritiker aus den eigenen Reihen auf den Plan. Auch in der islamischen Glaubensgemeinschaft wird die Forderung nach einer Öffnung lauter. 

Sollte Recep Tayyip Erdogan zu Wahlkampfveranstaltungen nach Europa kommen, so werden ihn nicht nur jubelnde Anhänger empfangen. Immer mehr regt sich auch innerhalb der muslimischen Community Widerstand gegen die „Fundamentalisierung“ der islamischen Glaubenslehre und insbesondere deren Interpretation.

Auch der Ruf nach einer Öffnung wird lauter. Es sei Zeit, gesellschaftliche Realitäten zur Kenntnis zu nehmen. Bei einer Veranstaltung in Wien übte der Vorstand des Instituts für Islamische Studien, der Theologe Ednan Aslan, massive Kritik an der Rolle des Islam. Grundtenor der Debatte war, dass der Islam und die muslimische Glaubensgemeinschaft in Europa und am Balkan nicht in alte Muster zurückfallen und sich gegenüber Kritik verschließen dürften.

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Die Bundeskanzlerin hat die „deplatzierten NS-Vergleiche“ der Türkei vor Beginn des EU-Gipfels scharf kritisiert, plädierte aber für die Fortsetzung des Flüchtlingspakts. Sowohl im Bundestag als auch im Europaparlament wächst derweil die Kritik am EU-Türkei-Deal.

Aslan brachte die Kritik folgendermaßen auf den Punkt: „Der Islam hat ein Problem in Europa, der Islam hat ein Problem in der Welt. Wer etwas anderes sagt oder behauptet, das sei eine europäische Erfindung, der erkennt nicht die Realität“.

Man müsse endlich einsehen, dass man in den europäischen Staaten Sorgen mit dem Islam habe, weil dieser offenbar Gewalt produziere. Dies wiederum sei unter anderem auf ein grundsätzliches theologisches Problem zurückzuführen.

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Das aber müsse zur Konsequenz haben, dass „man sich Gedanken macht, wo das herkommt – und wie wir das behandeln können“. Kritische Fragen zu stellen ist ein Gebot der Stunden und sicher „nicht islamophob“. Vielmehr ist eine Zeit der Öffnung gekommen. Daher fordert der Theologe: „Wir brauchen einen Islam der pluralitätsfreundlich ist.“

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Kritische Stimme der Frauen

Eine besondere Rolle komme in diesem Zusammenhang kritischen Stimmen seitens der Frauen zu. Sie – so Carla Amina Baghajati, die Medienreferentin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich – würden vieles kritisch hinterfragen, nicht alles übernehmen, was ihnen vorgebetet wird. Das können man übrigens gerade bei bosnischen Muslimen gut beobachten, die durchaus bereit sind, auch einmal anzuecken.

Die Frauen würden vor allem auch die Bereitschaft zeigen, in einen direkten Diskurs mit den Männern einzutreten. Sie würden weiterbohren und nachhaken. Und es klang wie die Aufforderung doch den verbalen Kampf aufzunehmen: „Diese Frauen bringen den Mut hervor, patriarchale Sichtweisen zu ändern und nicht einfach autoritätsgläubig die Auslegung anzunehmen“.

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