Nach Grenz-Woche eins: Spediteure ziehen erste Brexit-Bilanz

Das ganz große Chaos in Dover und Calais ist bisher ausgeblieben; insbesondere britische Verbände mahnen dennoch Nachbesserungen bei den neuen Regelungen an. [Thibault Vandermersch/EPA/EFE]

Diverse Spediteure haben bereits erste Kostenrechnungen in Bezug auf die neuen Grenzregelungen angestellt. Die erste Woche des Lebens mit einem Großbritannien außerhalb des EU-Binnenmarktes sei geprägt von Verspätungen und Unterbrechungen der Lieferketten gewesen.

Die Lobbygruppe Road Haulage Association (RHA) forderte am Freitag die britische und die irische Regierung auf, einige der neuen Grenzregeln für den Handel über die Irische See zu lockern. Diese besagen, dass Waren, die von Großbritannien nach Nordirland und in das EU-Mitglied Republik Irland transportiert werden, einer Zollkontrolle unterzogen werden müssen.

Die damit einhergehenden Probleme hätten „zu leeren Regalen in einigen Supermärkten geführt. Lkw werden aufgrund von bürokratischen Problemen in den Häfen aufgehalten und die Situation verschlimmert sich,“ warnt die RHA. Weiter hieß es, man sei „mit einem unflexiblen, schwerfälligen und zeitraubenden Prozess konfrontiert sind. Dabei geht es doch eigentlich nur darum, Waren zu bewegen.“

Großbritannien immer noch nicht ausreichend auf Brexit vorbereitet

Das Vereinigte Königreich ist nach wie vor schlecht auf das Ende der Übergangszeit nach dem Brexit vorbereitet, so ein am Samstag veröffentlichter Bericht des House of Commons.

Die befürchteten Mega-Staus, insbesondere in den Häfen im englischen Dover und im französischen Calais, sind hingegen weitgehend ausgeblieben: Bisher haben sich die sehr langen Verzögerungen vom Dezember – als die französische Regierung die Grenzen schloss, um die Ausbreitung eines mutierten Coronavirus einzudämmen – nicht wiederholt.

Dennoch warnt die britische Fracht-Reservierungsstelle (Freight Reservation Service), man beobachte „ein hohes Aufkommen an Fahrzeugen, die in den Häfen von Calais, Dunkerque und Dover abgewiesen werden und sich somit verzögern, weil bei der Abfertigung falsche Papiere vorgelegt werden“.

Auch die Kosten für den Frachttransport sind gestiegen: Die Spot-Preise für Last-Minute-Transporte über den Kanal erreichten Ende 2020 sechs Euro pro Kilometer für eine volle LKW-Ladung, verglichen mit einem bisher üblichen Durchschnitt von 1,50-3 Euro, so die Logistikplattform Transporeon.

Der Handelspakt, auf den sich der britische Premierminister Boris Johnson und die EU an Heiligabend geeinigt haben, garantiert einen zoll- und quotenfreien Warenhandel – doch Waren, die in die EU eingeführt werden, müssen „Zollformalitäten“ und behördliche Kontrollen durchlaufen.

Bezüglich der Frage, wie viele Fahrzeuge an den Grenzübergängen abgewiesen wurden, weil die Fahrerinnen und Fahrer die falschen Papiere hatten, herrscht Unklarheit.

Das britische Verkehrsministerium teilte diesbezüglich mit, in der ersten Woche der neuen Handelsbeziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich hätten mindestens 90 Prozent der Lastwagen, die den Grenzübergang Dover-Calais passieren wollten, die korrekten Papiere mitgeführt.

Die Road Haulage Association (RHA) gab gegenüber BBC News hingegen an, etwa jeder fünfte Lkw sein abgewiesen worden.

Auf britischer Seite ist inzwischen ebenfalls vorgeschrieben, dass alle Lkw, die die klassischen kurzen Kanal-Überquerungspassagen nutzen, eine digitale Zugangsgenehmigung für die Region Kent („Kent Access Permit“) erhalten müssen.

Brexit: London und Brüssel einigen sich auf Handelspakt

Nach monatelang haben die EU und Großbritannien über ihre künftigen Beziehungen verhandelt. Nun haben sie sich an Heiligabend auf ein Abkommen geeinigt.

Die britische Regierung hatte bereits im Oktober eine Werbe- und Informationskampagne gestartet, um Spediteure auf die neuen Verfahren vorzubereiten. Zusätzlich werden 705 Millionen Pfund (rund 800 Millionen Euro) für neue Infrastruktur an den Häfen und Grenzübergängen in die Hand genommen, um den Verkehrsfluss möglichst zu erleichtern.

Die Regierungen in London und Paris haben außerdem beide eine Reihe von Förderprogrammen aufgelegt, um Unternehmen bei der Bewältigung der Anträge und Zulassungen sowie der neu entstehenden Kosten zu unterstützen.

Zwar hätten sich die Brexit-Unterhändler auf eine Anpassungsfrist für die wahrscheinlich mit den schwersten Einschränkungen verbundenen Regelungen für den Handel über die Irische See geeinigt, so Katy Hayward, Senior Fellow beim Think-Tank UK in a Changing Europe. Es sei aber „frappierend, wie wenig entlastende Maßnahmen“ das Handelsabkommen für den Warenverkehr von Großbritannien in Richtung Festland-Europa vorsehe.

Hayward warnt: „Viele, die versuchen, Waren aus dem Vereinigten Königreich in die EU zu bewegen, werden nicht darauf vorbereitet sein, die Regelungen zu erfüllen.“

Tatsächlich fordern gerade britische Handels- und Industrieverbände sowie Spediteure bereits Nachbesserungen an den neuen Regelungen.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

Post-Brexit 2021: Ende und Anfang

Kollektiver Seufzer der Erleichterung an Heiligabend in Brüssel und London: die beiden Seiten konnten sich in letzter Minute doch noch auf ein Handelsabkommen nach dem Brexit einigen. Dies markiert gleichzeitig ein Ende und einen Anfang.

Ifo: Exporterwartungen der Industrie steigen – "Aber viele Unsicherheiten"

Mit großem Optimismus berichten mittlerweile die Hersteller elektrischer Ausrüstungen von ihrem Exportgeschäft. Auch im Maschinenbau und der Chemischen Industrie gehen die Unternehmen von steigenden Auslandsumsätzen aus.

Brexit & Pandemie: Stürmische Zeiten für französisches Fähr-Unternehmen

Brexit, globale Pandemie, und nun auch noch die in Großbritannien aufgetretene neue Variante des Coronavirus: Seit Monaten häufen sich die schlechten Nachrichten für das französische Fährunternehmen Brittany Ferries. Die Firma hofft nun auf weitere Unterstützung durch den französischen Staat.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN