Putin kritisiert Erdogan: „Handlanger von Terroristen sind uns in den Rücken gefallen“

Der Botschafter von Russlands Präsident Wladimir Putin in der Türkei ist bei einem Attentat ums Leben gekommen. Foto: dpa

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs an der syrischen Grenze durch das Nato-Mitglied Türkei wachsen die Spannungen zwischen Ost und West. Doch US-Präsident Barack Obama beruhigt und warnt die Türkei und Russland vor einer Eskalation.

Russland und die Türkei müssten jetzt miteinander sprechen, um zu klären, was geschehen sei, sagte US-Präsident Barack Obama am Dienstag. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte, die Türkei habe das Recht, ihre Grenzen zu schützen. Die Nato stützte die türkische Darstellung, dass die russische Maschine türkischen Luftraum verletzt habe.

Die russische Su-24 sei binnen fünf Minuten zehn Mal gewarnt worden, dass sie Kurs auf die türkische Grenze nehme, sagte Erdogan in Ankara. Die Maschine habe ihren Kurs aber nicht geändert und sei dann von F-16-Abfangjägern abgeschossen worden. „Niemand soll daran zweifeln, dass wir alles unternommen haben, um diesen jüngsten Vorfall zu vermeiden“, sagte der türkische Präsident.

Medwedew: „Türkei schützt den IS“

Die russische Darstellung sieht dagegen anders aus. Präsident Wladimir Putin sagte in Sotschi, das russische Flugzeug sei über syrischem Gebiet abgeschossen worden. Es habe sich einen Kilometer von der Grenze entfernt in einer Höhe von 6.000 Metern befunden. Zerschellt sei die Maschine vier Kilometer hinter der Grenze. Die Türkei sei in keiner Form bedroht worden. „Der heutige Verlust ist darauf zurückzuführen, dass uns die Handlanger von Terroristen in den Rücken gefallen sind“, erklärte er. „Der tragische Vorfall heute wird ernste Konsequenzen für die russisch-türkischen Beziehungen haben.“

Der russische Premierminister Dmitri Medwedew bezichtigte die Türkei,  „de Facto den Islamischen Staat zu schützen“. Das sei allerdings auch keine Überraschung, schließlich habe die Türkei ein unmittelbares finanzielles Interesse, weil das Land Öl von der Terror-Miliz beziehe. Der Abschuss sei durch nichts zu rechtfertigen, auch nicht durch den Schutz der Grenzen, so Medwedew. Er drohte Ankara unter anderem mit wirtschaftlichen Folgen.

Der Abschuss zog zumindest vorerst diplomatische Konsequenzen nach sich. Beide Länder bestellten jeweils gegenseitig hochrangige Vertreter ein. Die Nato betonte wie US-Präsident Obama das Recht der Türkei, ihr Territorium und ihren Luftraum zu verteidigen. Der französische Präsident Francois Hollande, der nach den Pariser Anschlägen bei Obama für eine breite Allianz gegen den IS warb und zu dem Zweck in Kürze auch zu Putin reisen will, rief Russland und die Türkei zur Zurückhaltung auf. „Wir müssen eine Eskalation verhindern. Sie wäre eine extreme Belastung.“

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte in Brüssel: „Wir sind solidarisch mit der Türkei und setzen uns für die territoriale Unverletzlichkeit unseres Nato-Verbündeten ein.“ In US-Regierungskreisen hieß es, die russische Maschine habe den türkischen Luftraum wenige Sekunden verletzt.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte einen für Mittwoch geplanten Türkei-Besuch ab und rief seine Landsleute auf, nicht ins Land zu reisen. Die russische Reisegesellschaft Natalie Tours kündigte an, zunächst keine Türkei-Besuche mehr anzubieten.

Über das Schicksal der Piloten der Su-24 gab es keine Klarheit. Der russische Generalstab erklärte, ein Pilot sei vom Boden aus erschossen, ein weiterer Soldat bei der Rettungsaktion getötet worden. Eine turkmenische Rebellengruppe in Syrien erklärte, sie habe die Russen erschossen, als sie an ihren Fallschirmen zur Erde geschwebt seien.[ID:nL8N13J3RQ] Reuters war zuvor ein Video zugespielt worden, das einen schwer verletzten Piloten am Boden zeigen sollte. „Ein russischer Pilot“, sagt eine Stimme, gefolgt von „Gott ist groß“. Ein Vertreter dieser Gruppe, der namentlich nicht genannt werden sollte, erklärte dazu, der Pilot sei inzwischen tot. Zum zweiten Piloten äußerte er sich nicht.

Steinmeier warnt vor Rückschlag für Syrien-Friedensprozess

Außenminister Steinmeier warnte vor einer Belastung der Friedensbemühungen durch den Abschuss. Es habe in Wien ermutigende erste Gespräche über eine Deeskalation in Syrien gegeben, sagte er. Er wünsche sich sehr, dass es nicht zu Rückschlägen komme.

Russland unterstützt seit Ende September die syrische Armee mit Luftangriffen im Kampf gegen Aufständische. Die Regierung in Ankara hat sich mit der turkmenischen Minderheit im Nachbarland solidarisch erklärt. Vor einigen Tagen hatte sie den russischen Botschafter einbestellt, um gegen Angriffe auf turkmenische Dörfer zu protestieren.

Über Syrien sind die Luftwaffen gleich mehrerer Staaten im Einsatz. Eine von den USA geführte Allianz, zu der auch Frankreich gehört, greift Stellungen der IS-Miliz an. Die USA werfen der Regierung in Moskau vor, nicht nur den IS, sondern auch gemäßigte Gegner von Präsident Baschar al-Assad zu bombardieren.