„Obszöne CO2-Heuchelei“: UN-Umweltchef tritt zurück

Eine halbe Milliarde Dollar für Flüge und Hotels: Für viele Staaten war Erik Solheim als UN-Umweltchef nicht mehr tragbar. [EPA-EFE/STR]

Der Vorsitzende des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Erik Solheim, sein Amt niedergelegt. Dies geschah nach heftiger Kritik an seinen vielen Flugreisen, die bereits einige Nationen veranlasst haben, ihre Finanzierung zurückzuhalten. EURACTIVs Medienpartner The Guardian berichtet.

Interne Quellen des UN-Umweltprogramms (Unep) berichten, dass Länder, die mit dem Verhalten von Solheim unzufrieden seien, Dutzende Millionen Dollar zurückhielten. Dadurch drohe dem Unep eine echte Finanzierungskrise.

Die bisher bekannten Informationen legen nahe, dass Solheim vom UN-Generalsekretär António Guterres zum Rücktritt aufgefordert wurde.

Laut Entwurf eines internen UN-Audits, das im September vom Guardian geleakt worden war, habe Solheim in nur 22 Monaten fast 500.000 Dollar für Flugreisen und Hotels ausgegeben. Er sei 80 Prozent seiner Arbeitszeit unterwegs und nicht am Unep-Hauptstandort gewesen.

Die Schlussfolgerung der Prüfer: Für eine Organisation, deren Hauptaufgabe die Bekämpfung des Klimawandels ist, stellt dies ein „Reputationsrisiko“ dar.

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Dieselgate-ähnliche Betrugsversuche zur Umgehung von Abgasvorschriften sollten strenger geahndet werden – unter Umständen auch mit Haftstrafen, findet Erik Solheim, Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms. EURACTIV Brüssel berichtet.

Ein UN-Gewerkschaftsführer bezeichnete die Enthüllungen als „atemberaubend“. Ein prominenter Klimawissenschaftler hatte Solheim bereits zuvor der „obszönen CO2-Heuchelei“ beschuldigt.

„Keinerlei Rücksicht“ auf Vorschriften

Die Prüfung habe desweiteren ergeben, dass Solheim „keinerlei Rücksicht darauf genommen hatte, sich an die festgelegten Vorschriften und Regeln zu halten“. Einen Teil seiner Reisen habe er auch nicht angemessen dokumentiert. Außerdem habe er einigen ausgewählten Mitarbeitern inoffiziell erlaubt, von Europa aus zu arbeiten anstatt am Hauptsitz des Unep im kenianischen Nairobi.

Gegenüber dem Gurdian betonte Solheim, er habe bereits Gelder zurückgezahlt und Änderungen veranlasst, wo Regeln verletzt worden waren.

UN-Generalsekretär António Guterres habe den Rücktritt Solheims akzeptiert, so sein Sprecher. „Der Generalsekretär ist dankbar für den Dienst von Herrn Solheim und erkennt an, dass er eine führende Stimme war, um die Aufmerksamkeit der Welt auf kritische Umweltprobleme zu lenken.“

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Beim UN-Umweltgipfel stand Verschmutzung ganz oben auf der Agenda. Das Treffen sollte ein Weckruf für alle Länder sein, so der UN-Umweltchef im Interview.

Die endgültige Version des Berichts über das interne Audit ist noch nicht veröffentlicht worden. Der Sprecher des Generalsekretärs erklärte jedoch bereits: „Der Generalsekretär freut sich, dass das Unep sich verpflichtet hat, die Empfehlungen umzusetzen, die im Bericht enthalten sind.“

Die bisherige Vize-Chefin, Joyce Msuya, wurde zur Interims-Leiterin der Unep ernannt, während nun ein offizieller Ersatz für Solheim gesucht wird.

Scharfe interne Kritik 

Die Niederlande, Dänemark und Schweden gehören zu den Ländern, die zuvor öffentlich erklärt hatten, die Finanzierung von Unep einzustellen, bis die Probleme um Solheim gelöst sind. Insgesamt geht es laut internen Quellen um bis zu 50 Millionen Dollar.

Einige Unep-Mitarbeiter erklärten, sie seien mit der Führung von Solheim schon seit langem äußerst unzufrieden gewesen. Bei einem Treffen zwischen Solheim und Mitarbeitern in Nairobi im September polterte Tim Christophersen, der Leiter der Süßwasser-, Land- und Klimaabteilung innerhalb von Unep: „Ein Teil der Arbeit meiner Gruppe wird einfach vor die Wand gefahren: Die Geldgeber, mit denen wir verhandeln, frieren jetzt ihre Beiträge zum Umweltfonds ein.“

In Richtung Solheim kritisierte Chhristophersen: „Niemand von uns Einzelpersonen ist wichtiger als die UNO. Was in dieser Organisation nicht passieren sollte, ist, dass Menschen ihre persönliche Agenda vor die Organisation stellen. Dabei ist egal, ob es um die Frage geht, wo Sie lieber wohnen oder wie Sie reisen.“

Darüber hinaus hatten sich zahlreiche Unep-Mitarbeiter mit dem Guardian in Verbindung gesetzt und kritisiert, Solheim suche zunehmend die Nähe von China. Unter anderem gebe es Zweifel am von ihm initiierten Projekt im Zusammenhang mit der ökologischen Nachhaltigkeit der riesigen chinesischen Infrastrukturinitiative „Neue Seidenstraße“.

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Peter Wolff wirft einen kritischen Blick auf die Finanzierung des von Chinas Präsident Xi Jinping ausgerufenen „Jahrhundertprojekts“.

Insbesondere die USA zeigten sich besorgt. Die amerikanischen UN-Vertreter hatten bereits im April eine lange Liste von Fragen zur Neuen Seidenstraße präsentiert – darunter Anfragen zur Finanzierung des Projekts sowie zum Schutz des geistigen Eigentums.

Eine weitere Aktion Solheims, die Unep-Mitarbeiter besorgte, war sein 500.000 Dollar Sponsoring für das Volvo Ocean Race. Dabei wurde die Unep auf der Webseite des VOR nicht als Sponsor erwähnt. Das Sponsoring war auch von der Umweltbehörde nicht öffentlich gemacht worden.

Eine letzte E-Mail vom Chef

Solheim schickte seinem Personal am Dienstag eine letzte E-Mail, in der es heißt: „Ich wollte, dass das UN-System eine Leitorganisation für Reformen wird, auch wenn sie dabei einige Fragen aufwerfen wird. Es ist nie einfach, die Dinge anders zu machen, und ich werde in dem Wissen gehen, dass ich nie einen Moment gezögert habe, um diese Vision umzusetzen und die UN-Systeme leistungsfähiger und wirkungsvoller zu machen.“

Ein leitender Angestellter begrüßte den Rücktritt des Norwegers: „Jetzt können wir mit unserer Arbeit fortfahren, die wir zu erledigen haben, und die eine wirklich große Aufgabe ist. Zuvor kam einiges in die Quere.“

Die Vertrauenskrise hatte Solheim veranlasst, vergangene Woche einen dreitägigen Retreat mit hochrangigen Unep-Mitarbeitern abzuhalten. An dessen Ende schrieb er in einer Mail am Montag an die Mitarbeiter: „Wir haben uns auf eine Reihe von Prinzipien geeinigt und uns ihnen verpflichtet. Diese werden unsere Arbeit und den Umgang miteinander bestimmen.“

Doch am Dienstag war Solheim bei der Unep Geschichte.

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