„Migranten werden durch schlechte EU-Politik gezwungen, ihr Leben zu riskieren“

Mitarbeiter des lybischen Roten Halbmonds bergen die Leiche eines Geflüchteten in Janzour City in der Nähe von Tripolis, 5. November 2016. [STR/EPA]

Die Nichtregierungsorganisation Médecins du Monde (MdM) hat die Schließung der EU-Grenzen kritisiert: dadurch würden Migranten gezwungen, die gefährlichste Route über das Mittelmeer zu nehmen. Ein Bericht von EURACTIV Spain.

Daten der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IOM) zeigen das Ausmaß der Verschlimmerung: die Anzahl der Toten im Mittelmeer dieses Jahr stieg von 1340 Menschen am 22. Mai auf 1530 nur zwei Tage später.

Die Katastrophe beenden

“Wir müssen über neue Ansätze nachdenken; es stimmt nicht, dass es keine Alternative gibt. Wir müssen das Sterben im Mittelmeer beenden“, sagte MdM-Sprecher Carlos Artundo gegenüber EFE. Die NGO arbeitet in allen Gebieten der Flüchtlingsrouten, von den Kriegsschauplätzen in Syrien bis zu den griechischen und italienischen Küsten.

Artundo erinnerte daran, dass es Pflicht der Staaten ist, Menschen in Seenot zu retten – und nicht der NGOs, die gewöhnlich hunderte Personen täglich bergen. Diese humanitäre Hilfe lasse sie als Kriminelle dastehen. Ihnen werde von einigen Regierungen vorgeworfen, die Schmutzarbeit der Schleppergangs zu übernehmen. “Viele NGOs bieten humanitäre Überwachung auf See an, einige wurden nur für diesen Zweck gegründet, weil Staaten ihren rechtlichen Pflichten nicht nachkommen. Uns können diese Toten nicht egal sein”, so Artundo.

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Lybien-Italien: Die tödlichste Route der Welt

Auch das Spanische Kommittee für Flüchtlingshilfe (Comisión Española de Ayuda al Refugiado, CEAR) sieht die Schuld für die Notsituation im Mittelmeer bei den EU-Regierungen. Die Organisation kritisiert vor allem das Abkommen zwischen der EU und der Türkei, durch das viele Geflüchtete von der Griechenland-Route abgedrängt wurden. Die Strecke über Griechenland sei „gefährlich, aber weniger tödlich als die Route Lybien-Italien, die die tödlichste Route der Welt ist.“

“Jedes Mal, wenn eine Route geschlossen wird, öffnet sich eine neue, die länger und gefährlicher ist. Das bringt für die Schlepper sogar noch mehr Profite, weil die Migranten höhere Preise zahlen müssen,“ erklärt CEAR-Generaldirektorin Estrella Galán.

Die Strände Lybiens seien “von Tripolis bis zur tunesischen Grenze” das Hauptarbeitsfeld der Menschenschleuser geworden. „Ein Ticket kostet 1500 Euro und die Reise endet oft im Seemannsgrab”. Galán kritisierte auch die EU-Abkommen mit Ländern wie Lybien, “in denen Menschenrechte nicht geachtet werden, und in denen das meiste Geld zur Finanzierung bewaffneter Gruppen ausgegeben wird.“

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Intelligentere und menschlichere Politik

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen prangert derweil die “schlimmen Lebensbedingungen” in lybischen Auffanglagern an. Die NGO hat in den letzten drei Monaten mehr als 4000 Migranten in den Lagern der Hauptstadt versorgt und dabei auch gegen akute Unterernährung gekämpft, da viele Geflüchtete tagelang ohne Essen auskommen mussten.

“Sie leben oft in überbelegten Zellen, haben keinen garantierten Zugang zu Toiletten und leiden unter teilweise schweren Verleztungen und Traumata”, so ein Statement der Organisation. Artundo fügt hinzu, die europäische Migrationspolitik ”funktioniert nicht. Sie fordert Menschenleben und ist eine Schande für Würde und Menschlichkeit in Europa.“

Der MdM-Sprecher ruft daher zu „intelligenterer Politik“ und zu mehr Menschlichkeit auf. Man müsse mehr offene und flexible Grenzübergänge für Menschen aus armen Regionen in Afrika schaffen, so dass diese nach Europa kommen, temporäre Arbeit finden, beispielsweise auf den Obstplantagen in Spanien, und dann über eine sichere Route mit ihrem verdienten Geld zurückkehren können.