Lateinamerika ist das neue COVID-19-Epizentrum

Eine Frau auf den Straßen der brasilianischen Metropole Sao Paulo. Brasilien ist nach den USA inzwischen das Land mit den zweitmeisten bestätigten COVID-19-Fällen. [EPA-EFE/Sebastiao Moreira]

Lateinamerika ist in den vergangenen Wochen zum neuen „Epizentrum“ der COVID-19-Pandemie geworden. Im Juni muss die Verbreitung des Coronavirus in der Region nun dringend verlangsamt werden, so Marcos Espinal von der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO).

Espinal, Direktor der Abteilung für übertragbare Krankheiten der PAHO, betonte gegenüber EURACTIVs Medinepartner Efe, der Juni werde ein „kritischer Monat“. Lateinamerikanische Länder, die frühzeitig Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ergriffen haben, werden „mit der Last auf ihre Gesundheitssysteme etwas besser umgehen können“.

Einige Länder wie Brasilien, Chile und Mexiko weisen aktuell aber einen täglichen Infektionsanstieg von bis zu vier oder fünf Prozent auf, warnte er. Auch Bolivien und Venezuela verzeichnen einen – wenn auch langsameren – Anstieg bei den Neuerkrankungen.

Brasilien ist mit über 700.000 Infektionen und 37.000 Todesfällen inzwischen das am zweitschlimmsten betroffene Land der Welt. Derweil meldet Peru fast 200.000, Chile 139.000 und Mexiko gut 120.000 Infektionen.

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Armut und informelle Arbeit

Espinal mahnte, die Situation sei „nach wie vor sehr heikel“ und werde durch die wirtschaftlichen Probleme der Region noch komplizierter.

In Lateinamerika gibt es zahlreiche Regionen mit grassierender Armut sowie einen hohen Anteil informeller Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Krankenversicherung und ohne jegliche Möglichkeit, in Lockdown-Zeiten finanziell über die Runden zu kommen. Dies hat einige Länder dazu veranlasst, bereits Lockerungen in Erwägung zu ziehen, obwohl sich die Ansteckungsrate noch nicht verringert hat.

Trotz der Empfehlungen der PAHO, dass es noch nicht an der Zeit sei, das Alltagsleben wieder aufzunehmen, könne und müsse „jedes Land souverän entscheiden“, so Espinal. Seine Organisation verstehe die wirtschaftliche Problematik.

Der Experte legt den Ländern Lateinamerikas daher eine „schrittweise und gut durchdachte“ Wiedereröffnung nahe. Die Regierungen sollten gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden und Vertretern der lokalen Gemeinden über verantwortungsvolle wirtschaftliche und finanzielle Maßnahmen entscheiden.

UNO und Weltbank warnen vor starker Zunahme extremer Armut durch Corona-Pandemie

UN-Generalsekretär António Guterres erklärte am Mittwoch, in Afrika drohten Millionen von Menschen in die bitterste Not abzurutschen. Nach Schätzung der Weltbank könnten weltweit bis zu 60 Millionen weitere Menschen in extreme Armut geraten.

Espinal sagte weiter, die lateinamerikanischen Länder hätten mehr Zeit als Europa gehabt, um Präventionsmaßnahmen sowie Aufklärungskampagnen, beispielsweise zum „Social Distancing“, durchzuführen. Viele der nationalen Gesundheitsdienste seien jedoch für diese Art von Notfällen finanziell nicht ausreichend ausgestattet.

Investitionen im Gesundheitsbereich seien aber auch Investitionen in die Zukunft: „Die PAHO empfiehlt den Ländern, mindestens sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die öffentliche Gesundheit zu investieren – aber die meisten von ihnen erreichen diese Zahl nicht. Über die kommenden Jahre hinweg muss in Quantität und Qualität investiert werden, denn es geht nicht nur um den Kampf gegen COVID, sondern auch um andere Krankheiten, die in einer Region, in der wir bereits Zika oder H1N1-Grippe hatten, sicherlich auftreten werden.“

Sorge um Haiti, Lob für Chile

Die PAHO und die Weltgesundheitsorganisation zeigen sich aktuell besonders besorgt über Haiti, das eines der am schwächsten entwickelten Gesundheitssysteme in der Region hat, sowie über Nicaragua. Espinal erklärte, dass Nicaragua „de facto versucht, eine Herdenimmunität zu erlangen“. Derartige Versuche seien in den im Gesundheitwesen wesentlich besser aufgestellten europäischen Staaten Schweden und dem Vereinigten Königreich aber bereits gescheitert.

Im Gegensatz dazu hätten einige Regierungen, beispielsweise in Kolumbien und der Dominikanischen Republik, relativ früh Präventivmaßnahmen ergriffen. Auch die „ausgezeichneten Testprogramme“ von Nationen wie Chile und Uruguay müssten lobend hervorgehoben werden.

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Indes ist Venezuela einer der am wenigsten betroffenen Staaten in der Region. Entgegen vorheriger Befürchtungen gibt es in dem knapp 30 Millionen Einwohner zählenden Land aktuell lediglich 2.473 bestätigte Fälle.

Angesichts der massiven wirtschaftlichen Probleme und deren Auswirkungen auf das Gesundheitswesen war Venezuela als besonders gefährdet angesehen worden.

Espinal erklärt sich die recht niedrigen Fallzahlen so: „[Venezuela] ist ein Land, in das schon vor dem Ausbruch von COVID-19 nur sehr wenige Flüge gingen.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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