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19/01/2017

Klimaschädliche Teersande bald in europäischen Ölraffinerien?

EU-Außenpolitik

Klimaschädliche Teersande bald in europäischen Ölraffinerien?

Luftaufnahme der Teersandvorkommen in der kanadischen Provinz Alberta.

[Nobel Women's Initiative/Flickr]

EXKLUSIV / Mehr als zwei Drittel der europäischen Ölraffinerien sind laut jüngster Forschung in der Lage, Teersande zu verarbeiten. Viele befürchten nun, die EU werde den Klimakiller massenhaft importieren. EurActiv Brüssel berichtet.

In weniger als einer Woche werden sich Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt in Paris zur UN-Klimakonferenz versammeln. Dort werden sie versuchen, ein Abkommen auszuhandeln, dass die Erderwärmung auf maximal zwei Grad über den vorindustriellen Werten begrenzt. Der US-amerikanische Präsident Barack Obama strich am 6. November aufgrund von Klimaschutzbedenken die geplante Keystone-XL-Pipeline. Diese hätte kanadisches Teersandöl in die USA transportiert. Teersandöle produzieren bei der Extraktion und Verarbeitung drei- bis viermal mehr klimaschädliche Emissionen als konventionelles Rohöl.

Der Berater für Erdölraffinerien MathPro zeigte in seiner jüngsten Forschungsarbeit, dass 71 der 95 europäischen Raffinerien (in der EU, Norwegen und der Schweiz) schweres oder vorverarbeitetes Rohöl aus Teersanden bearbeiten können. Die NGOs Transport & Environment und Friends of the Earth Europe hatten die Studie in Auftrag gegeben. Den Ergebnissen zufolge bereite die Industrie ihre Ausstattung auf Teersandimporte vor.

Europa selbst produziert kein Teersandöl, dafür jedoch Länder wie Kanada oder Venezuela. Die USA verarbeitet Kanadas Teersandöl und exportiert es nach Europa. Dabei vermischen es die Unternehmen in den Exporttonnen mit inländischem Brennstoff. „Wenige Tage vor der Eröffnung der globalen Klimaverhandlungen in Paris ist klar zu sagen, dass Europa diese klimaschädlichen Brennstoffe verarbeiten kann. Die EU unternimmt nichts, um diese Importe aufzuhalten“, warnte Laura Buffet, Referentin für Kraftstoffe bei Transport & Environment. Uneingeschränkte Teersandimporte nach Europa, so ein Bericht des vergangenen Jahres, beeinträchtigen das Klima genauso stark wie zusätzliche sechs Millionen Autos auf den Straßen.

Klicken Sie auf die untenstehende Abbildung, um zur interaktiven Karte zu gelangen:

Verpasste Gelegenheit

EU-Politiker haben die Chance verpasst, Teersandimporte durch Sanktionen für deren Nutzung im Straßenverkehr zu verhindern. Im Oktober 2014 schaffte die EU-Kommission in ihrem Entwurf zur Kraftstoffqualitätsrichtlinie die Pflicht, Teersandöle als hochgradig klimaschädlich zu kennzeichnen, ab. Die Richtlinie zur Kraftstoffqualität spielt eine wichtige Rolle bei der Förderung sauberer Verkehrskraftstoffe. Sie ist Teil des EU-weiten Versuchs, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 20 Prozent zu senken. Der Verkehr ist für 31 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in der EU verantwortlich. Nach jahrelangem Wiederstand seitens der Industrie machte die EU schließlich diesen Rückzieher. Man warf ihr vor, dass die lascheren Vorschriften mit den Gesprächen zum CETA-Freihandelsabkommen mit Kanada und seinem US-Äquivalent, der Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP), zu tun hätten.

Bemühungen, Sanktionen gegen die Verwendung von kanadischen Teersandölen einzuführen, scheiterten vergangenes Jahr im Dezember knapp am EU-Parlament. Stattdessen erhielten Teersande dieselben Emissionswerte wie konventionelles Erdöl oder Diesel. Die folglich höheren Treibhausgasemissionen fallen also unter den Tisch. „Teersande sind pures Gift für das Klima. Dennoch bietet die EU-Energiepolitik dieser gefährlichen Industrie Zukunftsperspektiven“, sagte Colin Roche, Vertreter der extraktiven Industrie bei Friends of the Earth Europe. Die spanische Stadt Bilbao erhielt im Juni 2014 die erste größere Lieferung von Teersandölen aus Kanada. Der Versand durch das Spanische Unternehmen Repsol stieß weitläufig auf Proteste.

Gestern Abend bat EurActiv den Industrieverband FuelsEurope um Stellungnahme. Bislang liegt noch keine Antwort vor.

Zeitstrahl

  • 30. November: Eröffnung der UN-Klimakonferenz

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