Journalismus im Flüchtlingscamp: Berichten wider die Vorurteile

Eine der zehn Campji-Journalistinnen ist mir ihrer Kamera im Flüchtlingslager Schatila in Beirut unterwegs. [Foto-Copyright: Campji/Youtube]

Der Zugang zu unabhängigen lokalen Medien ist weltweit ein großes Problem. Wie bietet man Menschen auch unter widrigen Bedingungen Vor-Ort-Nachrichten? Eine journalistische Plattform im libanesischen Flüchtlingslager Schatila zeigt, was möglich ist.

Lina Abdel Aziz weiß, was es heißt, unter widrigen Bedingungen guten lokalen Journalismus zu produzieren.  Tag für Tag beobachtet die Mitarbeiterin der NGO Basmeh and Zeitooneh, wie sich im Beiruter Flüchtlingslager Schatila die Menschen drängen, wie es selbst an der grundlegendsten Versorgung mangelt, wie Strom und Internet regelmäßig ausfallen.

Durch den Zuzug syrischer Flüchtlinge hat sich die Bevölkerung des 1948 gegründeten Palästinenserlagers Schatila im Libanon in den vergangenen Jahren auf mehr als 40.000 Menschen verdoppelt. Konflikte innerhalb des Lagers sowie zwischen Libanesen und Camp-Bewohnern wachsen, die Versorgung ist schlecht. Dennoch gibt es dort seit 2016 ein lokales Medium unabhängiger Journalisten namens Campji, das die 39-jährige Lina Abdel Aziz seit Anfang des Jahres als Chefredakteurin betreut.

Keine Redaktionsräume, regelmäßige Stromausfälle

Besonders ist daran nicht nur der Fakt, dass es einem Team von zehn Journalisten gelingt, ohne feste Redaktionsräume, mit Strom- und Internetausfällen und trotz denkbar knappem Budget fast täglich Video-Beiträge auf die Facebook-Seite und den Youtube-Kanal von Campji zu stellen. Besonders ist auch, dass das Team sehr jung ist. „Von den fünf Männern und fünf Mädchen und Frauen im Alter bis 22 Jahre ist die jüngte Journalistin gerade einmal 16 Jahre alt“, erzählt Abdel Aziz im Interview mit EURACTIV.de. „Die Mehrzahl des Teams ist aus Syrien geflohen, die meisten mussten die Schule durch den Krieg in Syrien vorzeitig verlassen.“

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Es ist ein Schicksal, das die Redaktionsmitglieder mit vielen jungen Geflüchteten teilen. Ihnen fehlen entweder die Dokumente, um die Schule wieder aufzunehmen – oder das Geld, das der Besuch einer Privatschule im Libanon kosten würde. Um zu überleben, müssen sie arbeiten und gehen ihren journalistischen Projekten bei Campji quasi nebenbei nach. „Für die Beiträge können wir ihnen nur einen kleinen Bonus zahlen“, erzählt die Chefredakteurin, die nach ihrem Politikwissenschaft-Studium in Bagdad selbst mehrere Jahre als Reporterin aus verschiedenen Palästinenserlagern für arabische Medien berichtete.

Bei ihrer täglichen Arbeit schaffen die Journalisten zum Beispiel ein Porträtformat, das talentierte Menschen vorstellt. „Wir wollen auch außerhalb des Lagers zeigen: seht her, im Camp gibt es nicht vor allem kriminelle Nutznießer, sondern kluge, begabte Leute“, sagt Abdel Aziz. Ein anderes Format namens „Investigated“ konzentriert sich auf die Probleme innerhalb des Camps, die dortige Korruption.

Wie mutig ihr junges Team die Verantwortlichen der palästinensischen Camp-Führung mit kritischen Fragen konfrontiere, bewundert Abdel Aziz sehr. Nach nur wenigen Monaten in Journalismus-Workshops, gefördert durch die Deutsche Welle Akademie, können alle zehn ihre Berichte selbst schreiben, filmen, schneiden, konzipieren – auch die fünf jungen Frauen, die alle aus aus konservativen Familien kommen und aus Syrien fliehen mussten, erzählt Abdel Aziz. „Und jetzt gehen sie allein mit der Kamera los und stellen den Leuten kritische Fragen. Es ist unglaublich.“

Unabhängige Medien, das ist in vielen Ländern und Regionen der Welt eher Wunschtraum als Realität. Vier von fünf Menschen haben auf dem Globus keinen Zugang zu freier Meinungsäußerung, Journalisten werden verfolgt und ermordet – und der Druck wächst. „Weltweit halten sich immer weniger Staaten an die Pressefreiheit“, sagt Christina Mihr von der Organisation „Reporter ohne Grenzen„, auf deren Rangliste der Pressefreiheit der Libanon zurzeit auf Platz 99 von 180 steht. Dabei sei die Medienentwicklung auch für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes und einer Gemeinschaft, betont er. „Der Zusammenhang ist eindeutig.“ Mihr schlägt vor, mit Entwicklungsgeldern darum unabhängige Medien vor Ort, aber auch Exil-Medien zu fördern.

Gerd Müller: Pflege eigener Kultur und Traditionen bei Medien-Inhalten wichtig

Dass eine freie Presse als Basis für Demokratie und nachhaltige Entwicklung grundlegend ist, betont auch das Bundesentwicklungshilfeministerium (BMZ). In der Frage, wie Deutschlands Entwicklungspolitik im Bereich Medien ausgebaut werden sollte, sieht Entwicklungsminister Gerd Müller den freien Zugang zu Informationen, die wirklich von den Menschen vor Ort veröffentlicht werden, als wichtiges Ziel. „Das BMZ investiert in die Ausbildung und und in die Produktion von Medien-Inhalten und achtet dabei darauf, dass dabei die Pflege der lokalen Kultur und Traditionen vor Ort nicht aus dem Blick gerät“, sagt er im Gespräch mit Euractiv.de.

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Auch Campji-Projektmanagerin Abdel Aziz erfährt täglich, wie wichtig das ist.  „Ein lokales Medium vor Ort ist etwas anderes als eines, das aus der Ferne, von außen über die Flüchtlingslager berichtet. Vor einigen Jahren hätten die Menschen im Camp begonnen, die Hoffnung in die Medien von außerhalb aufzugeben, erzählt sie. Denn die seien nur gekommen, um ein paar Bilder zu machen – und kehrten dann nie wieder.

Jetzt hat sich diese Geschichte gedreht. „Unsere Stories sind ehrlicher, realitätsnäher. Und die lokalen Bewohner bitten uns auch um bestimmte Geschichten, es gibt Interaktionen. Sie fragen, warum die palästinensische Camp-Verwaltung sich nicht um die Infrastruktur kümmert, wer dafür verantwortlich ist, warum die Menschen nicht arbeiten dürfen.“ Denn gut 70 Berufe dürften Palästinenser im Libanon nicht ausüben, sagt Abdel Aziz.

Und so berichtet Campji über Bildung, Gesundheitsversorgung, Elektrizität im Lager Schatila, befragt die Bewohner nach ihrer Meinung. Und die Redaktion lädt Menschen ein, die außerhalb des Lagers leben. Sie sollen mit ihren Vorurteile brechen, indem sie wirklich mit den Flüchtlingen im Lager ins Gespräch kommen, so die Idee, die zusammenbringen soll.

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Denn im Libanon, wo auf etwa vier Millionen Einheimische mehr als eine Million registrierte syrische Flüchtlinge kommen, geben viele inzwischen den Flüchtlingen die Schuld an der schlechten wirtschaftlichen Lage und sozialen Miseren im Land. „Jetzt sind die syrischen Flüchtlinge die Sündenböcke, vorher waren es die palästinensischen“, erzählt Abdel Aziz. „Mit unserer Plattform versuchen wir, die Vorurteile gegenüber den Flüchtlingen aufzulösen – dass sie Nutznießer des Libanon seien zum Beispiel. Nein, diese Menschen waren gezwungen, ihr Land zu verlassen, sie hatten keine Wahl.“

Das Konzept trifft auf viel Begeisterung, rund 6000 Abonnenten hat Campji allein auf Facebook. „Viele in Schatila haben zum Glück ein Smartphone und nutzen es auch, um Nachrichten zu erhalten“, sagt Abdel Aziz. Die Zukunft, meint sie, liege in diesen Geräten, nicht beim Fernsehen.

Viele Campji-Follower leben aber auch in Europa, Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten. „Momentan sind die meisten unserer Nutzer in Europa sicher noch arabischer Herkunft“, sagt Abdel-Aziz fest. Darum wolle das Team wir in naher Zukunft beginnen, seine Geschichten auch für jene zu übersetzen, die kein Arabisch verstehen.

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