Interpol Generalsekretär: “Seien Sie wachsam, seien Sie skeptisch und schützen Sie Ihre Computer”

Jürgen Stock, Generalsekretär von Interpol, warnt vor der Cyberkriminalität zu Zeiten der Corona-Pandemie. [Interpol]

In einem Interview mit EURACTIVs Medienpartner Efe forderte Jürgen Stock die Bürger der Welt zur Wachsamkeit und zum Selbstschutz im Internet auf. Er warnte davor, dass Cyberkriminelle die zunehmenden Internetaktivitäten inmitten nationaler Lockdowns und des aktuellen Klimas der Angst vor der COVID-19-Pandemie ausnutzen. 

Jürgen Stock ist seit November 2014 Generalsekretär der Internationalen kriminalpolizeiliche Organisation Interpol. Zuvor war er Vizepräsident beim deutschen Bundeskriminalamt.

Welche neuen Straftaten wurden im Zusammenhang mit dem Coronavirus registriert?

Die globale COVID-19-Pandemie ist natürlich ein sehr ernstes gesundheitliches Problem, aber was wir deutlich sehen können, ist, dass es auch erhebliche Auswirkungen auf die Kriminalität in allen betroffenen Ländern gibt.

Es geht also hauptsächlich darum, die Chancen zu nutzen, die die Krise bietet. Die Kriminellen nutzen die Ängste und Sorgen der Menschen aus. Wir sehen beispielsweise Engpässe bei der Versorgung mit Schutzmaterial.

Was wir feststellen, sind vor allem neue Formen von Betrügereien. Zum Beispiel sehen wir, wie die klassische Form des Telefonbetrugs modifiziert und verändert wird. Kriminelle geben vor, Mitarbeiter von Kliniken oder Krankenhäusern zu sein. Sie erzählen dann den Menschen, dass deren Angehörige erkrankt seien und bitten sie um Geld für eine Behandlung oder Medikamente.

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Handelt es sich um Gruppen, die bereits existierten, oder sind neue Akteure dazugekommen?

Wir sehen in erster Linie bereits bestehende Gruppen der organisierten Kriminalität, die sich schnell an die neue Situation anpassen und versuchen, die neue Bedrohungslage rasch auszunutzen.

Wir beobachten aber auch Menschen, die sozusagen auf den fahrenden Zug aufspringen und ebenfalls versuchen, von der Situation zu profitieren.

Natürlich gibt es aufgrund der Zwangsmaßnahmen in den meisten Ländern weniger Menschen auf den Straßen, was weniger Wohnungseinbrüche und Straßenüberfälle mit sich bringt.

Auf der anderen Seite sieht man Kriminelle, die an den Türen der Menschen klingeln und versuchen, gefälschte Waren zu verkaufen. Sie versuchen, jede Art von gefälschten Dienstleistungen anzubieten, um die Leute zu betrügen. Ganz einfach, um mit der Angst der Menschen Geld zu verdienen.

Ist die Cybekriminalität auch eine grenzenlose Pandemie oder sind einige Länder stärker betroffen als andere?

Es hängt ein wenig von den technischen Entwicklungen in bestimmten Ländern ab, aber eigentlich ist niemand davor geschützt, da alle Länder der Welt mehr oder weniger über das Internet verbunden sind.

Afrika ist zum Beispiel bei der Verfügbarkeit von Mobiltelefonen für Bankgeschäfte sehr gut ausgestattet.

Es handelt sich also eindeutig um eine globale Bedrohung. Das ist naturgemäß ein grenzenloses Verbrechen. Und wir erkennen jetzt deutlich den Trend, dass die Kriminellen von der physischen Umgebung in die digitale Welt wechseln.

Cyberkriminalität ist derzeit ein wichtiger Punkt, der den Strafverfolgungsbehörden auf der ganzen Welt Sorge bereitet, da wir sehen, dass Kriminelle auf globaler Ebene davon profitieren. Die internationale polizeiliche Zusammenarbeit muss fortgeführt werden, sie muss eine Priorität sein.

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Was ist die Priorität dieser Agenturen in dieser Krise?

Wir [Interpol] sind die Plattform, die den Mitgliedsländern bei der Überwachung der globalen Bedrohungslage hilft. Wir helfen bei spezifischen internationalen Operationen, die noch nicht abgeschlossen sind. Ich denke, dies ist die gute Nachricht für die Öffentlichkeit: Wir hören natürlich nicht auf.

Und natürlich unterstützen wir unsere Mitgliedsländer umfassend in technischer Hinsicht. Wir helfen dabei, die richtigen Prioritäten zu setzen, und die Bekämpfung der transnationalen Kriminalität bleibt in allen unseren 194 Mitgliedsländern definitiv eine Schlüsselpriorität.

Die Versorgungsketten stehen unter Druck in Bezug auf all die medizinischen Geräte, die überall auf der Welt dringend benötigt werden. Und auch Polizeibeamte brauchen in ihrem Alltag Schutz, wenn sie mit der Öffentlichkeit in Kontakt kommen.

Es gibt ein Problem, es gibt einen Engpass, und Interpol beobachtet eindeutig einen Trend, dass organisierte kriminelle Gruppen jetzt versuchen, Geld aus dieser Situation zu schlagen.

Es ist zwar transnational organisiertes Verbrechen, aber es sind auch Menschen, die unseren Bürgern gefälschte Waren, gefälschte Behandlungen, alle Arten von gefälschten Desinfektionsmitteln und Masken anbieten.

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Es ist überaus wichtig, dass die Menschen in unseren Mitgliedsländern wissen, wie der Modus Operandi, die Schemata, aussehen, damit sie bis zu einem gewissen Grad geschützt sind.

Wir müssen eine Botschaft an die Öffentlichkeit senden: Seien Sie wachsam, seien Sie skeptisch und seien Sie sicher. Und natürlich schützen Sie Ihre Computer zu Hause, sorgen Sie in Unternehmen dafür, dass Ihre Systeme auf dem neuesten Stand sind.

Viele von uns verbringen jetzt mehr Zeit zu Hause bei der Telearbeit. Es ist eine gute Gelegenheit, um zu prüfen, ob Ihr System zu Hause oder in Ihrem Unternehmen, sogar in Krankenhäusern, die durch Ransomware-Attacken gefährdet sind, sicher ist. 

Achten Sie besonders auf Ihre Kinder, die ebenfalls mehr Zeit vor dem Computer verbringen. Stellen Sie sicher, dass Sie wissen, was sie tun und dass sie geschützt sind.

Wir sind uns bewusst, dass es Kriminelle gibt, die versuchen, Kinder ins Visier zu nehmen – sexuelle Ausbeutung von Kindern ist in diesem Zusammenhang das Schlüsselwort, ein sehr rücksichtsloses und schreckliches Verbrechen.

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Was hat uns diese Krise über die Fragilität unserer Systeme gelehrt?

Ein riesiger Teil dessen, was wir heute an kriminellen Aktivitäten vorfinden, sind transnationale Aktivitäten: Es handelt sich um Operationen des organisierten Verbrechens, die nicht nur grenzüberschreitend sind, sondern über Kontinente hinweg operieren.

Es erfordert eine globale Antwort. Deshalb gibt es Interpol seit fast 100 Jahren: Wir bieten die Plattform, um relevante Informationen zu erhalten, um Erfahrungen auszutauschen, um Kriminalitätstrends aufzuzeigen, die heute vielleicht in Asien beginnen, aber morgen in Europa ankommen werden.

Gibt es eine Schätzung der Kosten für den durch diese Verbrechen verursachten wirtschaftlichen Schaden?

Die Auswirkungen in Form von finanziellen Schäden sind enorm. Was die organisierte Kriminalität betrifft, so sprechen wir über kriminelle Industrien mit einem Volumen von  weltweit mehreren Milliarden.

Es gibt riesige Möglichkeiten zur Geldwäsche. Gleichzeitig sehen wir aber auch immer mehr Kriminalität, da die Menschen zu Hause eingesperrt sind – für Kriminelle ist es auch gefährlich, draussen zu sein, weil viele Polizisten auf der Straße unterwegs sind -, so dass sie sich in die virtuelle Umgebung begeben.

Statistisch gesehen steigt die Cyberkriminalität an, und auch die Verluste, die Schäden, nehmen zu.

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Neue Technologien bieten nicht nur Möglichkeiten für Kriminelle. Auch die Strafverfolgung muss neue Technologien speziell im Hinblick auf die internationale und transnationale Kriminalität einsetzen. Der Einsatz ist natürlich immer eine Frage, die auf der Grundlage des nationalen Rechts entschieden werden muss.

Teilen Sie die weit verbreitete Vorstellung, dass die Welt, wie wir sie kennen, nie mehr dieselbe sein wird?

Ich hoffe, dass diese Krise den multilateralen Teil der Zusammenarbeit stärkt, insbesondere in der polizeilichen Tätigkeit.

Aber auch aus diesem Grund gibt es Interpol seit fast 100 Jahren, weil die Polizeibeamten stets die Auffassung vertraten, dass kein Land die Kriminalität isoliert bekämpfen kann. Wir arbeiten jetzt hart daran, unseren Mitgliedsländern die richtige Unterstützung zukommen zu lassen, denn auch hier ist diese multilaterale Plattform zur Koordinierung, zur Zusammenarbeit, zum Informationsaustausch wichtiger denn je.

Ich denke, dass die COVID-19-Krise ein Beweis dafür ist, dass diese Art der Zusammenarbeit auf globaler Ebene absolut notwendig ist.

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