Baerbock warnt im Sahel vor Nahrungsmittelkrise

Die steigenden Lebensmittelpreise haben zu Versorgungsengpässen geführt, die den Druck auf die Haushalte weltweit erhöhen und "Millionen Menschen in die Armut treiben", heißt es in der Erklärung. [SHUTTERSTOCK]

Bei ihrem Besuch in Mali und Niger hat Bundesaußenministerin Annalena Baerbock als Folge von Russlands Krieg in der Ukraine vor einer drohenden Hungerkrise gewarnt. Auch internationale Finanz- und Lebensmittelorganisationen warnen vor steigenden Lebensmittelpreisen, sozialen Spannungen und extremer Armut.

„Russlands Krieg wird auf grausame Weise ausgetragen auf den Straßen, den Städten und Dörfern der Ukraine. Aber seiner Spuren des Leids reichen bis tief hinein in den globalen Süden“, sagte Baerbock am Mittwoch (13. April)

Es sei Russlands Strategie, „die Not in den ärmsten Ländern der Welt durch Lieferausfälle oder Lieferstopps von Nahrungsmitteln weiter anzuheizen“, so die Außenministerin. Sie rief die internationale Gemeinschaft auf, schnell und entschlossen Maßnahmen gegen den Hunger zu ergreifen.

Die Ukraine ist eines der größten Exportländer für wichtige Agrarprodukte wie Weizen, deren Ausfuhr nun durch die russischen Angriffe größtenteils nicht mehr möglich ist. Vor allem in exportabhängigen Ländern sind die Getreidepreise explodiert.

Rund 38 Millionen Menschen könnten deshalb allein in Westafrika bald hungern, warnte Baerbock – dreimal so viele wie noch vor drei Jahren.

Zu ähnlichen Schlüssen wie Baerbock kommen auch internationale Finanz- und Ernährungsorganisationen.

Am Mittwoch veröffentlichten die Spitzen der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds (IWF), des Welternährungsprogramms (WFP) und der Welthandelsorganisation (WTO) eine gemeinsame Erklärung. Der Aufruf reiht sich ein in die wachsende Zahl von Stimmen, die die dringende Notwendigkeit von Maßnahmen zur Verbesserung der Ernährungssicherheit und zur Abmilderung der Auswirkungen der stark steigenden Lebensmittelpreise betonen.

„Es ist von entscheidender Bedeutung, den Ländern mit unsicherer Ernährungslage schnell und koordiniert Unterstützung zukommen zu lassen“, heißt es in der Mitteilung. Die Organisationen seien bereit, mit ihren multilateralen und bilateralen Partnern zusammenzuarbeiten, um den Ländern bei der Bewältigung dieser akuten Krise zu helfen, heißt es weiter.

Die tödliche Kombination aus Ukrainekrieg und Pandemie hat die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe schnellen lassen. Gleichzeitig wird die Anfälligkeit des Nahrungsmittelsystems durch den Klimawandel noch weiter verschärft.

Die explodierenden Lebensmittelpreise haben zu Versorgungsengpässen geführt, die den Druck auf Privathaushalte in aller Welt erhöhen und „Millionen Menschen in die Armut treiben“, heißt es in der Erklärung.

Schätzungen der Weltbank zufolge treibt jeder Anstieg der Lebensmittelpreise um einen Prozentpunkt 10 Millionen Menschen weltweit in extreme Armut.

Die Bedrohung sei am größten für die ärmsten Länder mit einem hohen Anteil an Lebensmittelimporten. Allerdings nimmt die Anfälligkeit in Ländern mit mittlerem Einkommen, in denen die meisten Armen der Welt leben, ebenfalls rasch zu, heißt es in der Erklärung.

Gleichzeitig warnten die Organisationen, dass der Anstieg der Lebensmittelpreise und Versorgungsschocks in vielen der betroffenen Länder soziale Spannungen schüren können, vor allem in Regionen, die bereits von Konflikten betroffen sind.

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Ruhe bewahren und den Handel fortsetzen

In der Erklärung werden mehrere Maßnahmen vorgeschlagen, um den gefährdeten Ländern bei der Krisenbewältigung zu helfen. Dazu gehören die Bereitstellung von Nahrungsmittelsoforthilfe, finanzielle Unterstützung für Haushalte und Länder sowie Investitionen in eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion und Ernährungssicherheit.

Außerdem wird die internationale Gemeinschaft aufgefordert, den Finanzierungsbedarf zu decken, auch durch Zuschüsse. Dies sollte die Kosten von Sofortlieferungen von Nahrungsmitteln, Sicherheitsnetzen für Arme und Kleinbauern, die mit höheren Betriebsmittelpreisen konfrontiert sind, umfassen, so die Organisationen.

Gleichzeitig wurden in der Erklärung alle Länder aufgefordert, den Handel ungehindert fortzusetzen.

„Wir können den Druck auf die Zahlungsbilanz abmildern und mit allen Ländern zusammenarbeiten, um die Handelsströme offenzuhalten“, heißt es in der Erklärung.

Zusätzlich wird betont, dass die Länder „restriktive Maßnahmen“ wie Ausfuhrverbote für Lebensmittel oder Düngemittel vermeiden sollten, die „das Leiden der am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen noch verschlimmern.“ Dies gelte insbesondere für den Kauf von Nahrungsmitteln für humanitäre Zwecke durch das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, heißt es weiter.

Die jüngste Entscheidung der EU, alle Einfuhren von Kali aus Weißrussland zu verbieten, einem wichtigen Düngemittel, an dem es in Europa weitgehend mangelt, hat den Druck auf den Agrarsektor, der bereits mit einem Anstieg der Energiepreise zu kämpfen hat, noch weiter erhöht.

Die Organisationen haben sich verpflichtet, ihr Fachwissen und ihre Finanzmittel zu bündeln, um „unsere politische und finanzielle Unterstützung für gefährdete Länder und Haushalte rasch zu verstärken und die einheimische Agrarproduktion in den betroffenen Ländern sowie die Versorgung dieser Länder zu steigern.“

In der Zwischenzeit haben sich die Organisationen verpflichtet, die Überwachung von Nahrungsmitteln weiter zu verstärken. Sie arbeiten daran, ihre politische Beratung für die betroffenen Länder auszuweiten.

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[Bearbeitet von Alice Taylor]

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