In China bricht die Zeit „nach“ Corona an – aber Angst bleibt

Das Leben in der chinesischen Stadt Wuhan nimmt langsam wieder Fahrt auf. [Roman Pilpey/ epa]

Seit Wochen meldet China kaum noch neue Corona-Infektionen. Die Wirtschaft zeigt Zeichen der Erholung. Doch die Angst vor einer „zweite Welle“ bleibt.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner die WirtschaftsWoche.

Selbst Wuhan erholt sich in diesen Tagen vom Ausnahmezustand. Von einer Rückkehr zur Normalität zu sprechen, wäre noch zu viel, aber langsam kehrt das Leben zurück auf die Straßen der zentralchinesischen Millionenmetropole, wo die Corona-Pandemie mit den ersten Infizierten auf einem Tiermarkt ihren Ausgangspunkt genommen hatte. Nach zwei Monaten Reiseverbot und wochenlanger Ausgangssperre fahren wieder Busse und U-Bahnen, auch Geschäfte sind geöffnet. Züge bringen Menschen zurück in ihre Heimat, die es noch kurz vor dem totalen Lockdown im Januar aus der Stadt geschafft hatten.

Bilder wie diese laufen derzeit rauf und runter im chinesischen Staatsfernsehen. Und tatsächlich lässt sich nicht abstreiten, dass sich in China in den vergangenen Wochen viel getan hat. Die Zeit „nach“ Corona ist angebrochen. Zwar ist noch lange nichts wieder wie vor der Krise. Allerdings gibt es deutlich Anzeichen dafür, dass die Wirtschaft Fahrt aufnimmt. Wie das Pekinger Statistikamt am Dienstag mitteilte, hat sich die Stimmung in Chinas Industrie nach einem Rekordeinbruch wegen des Coronavirus wieder aufgehellt. Der offizielle Einkaufsmanagerindex (PMI) des herstellenden Gewerbes machte im März einen Sprung von 35,7 auf 52 Punkte.

Und auch vom Immobilienmarkt gibt es gute Nachrichten: Im Vergleich zum Vormonat haben sich die Verkäufe von Wohneigentum im März mehr als verdreifacht. Statt 2,33 Millionen wurden 8,6 Millionen Quadratmeter Wohnfläche verkauft, wie die Hongkonger Zeitung South China Morning Post berichtet.

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In der Woche vom 16. bis 22. März machte der Containerumschlag der wichtigen Häfen von Shenzhen und Guangzhou in Südchina einen Sprung um 20 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Ein Anzeichen dafür, dass die Produktion im Perlflussdelta, der bedeutendsten Industrieregion des Landes, wieder läuft. Auch der Rohöldurchsatz chinesischer Häfen stieg im gleichen Zeitraum um 14,8 Prozent. Chinas Ölhändler sind schon wieder auf Schnäppchenjagd, um vom derzeitigen Preisverfall auf dem Weltmarkt zu profitieren. Kohle- und Stromverbrauch steigen von Woche zu Woche.

Die Büros in den meisten Städten beginnen sich wieder zu füllen, wie auch deutsche Unternehmen berichten. Sowohl Industrie- als auch Technologieunternehmen haben die Produktion wieder aufgenommen. Angesichts verschiedener Reisebeschränkungen und Quarantänebestimmungen hat das zwar einige Zeit in Anspruch genommen. „Aber die meisten Unternehmen sind jetzt bei etwa 80 bis 100 Prozent ihrer Normalkapazität angelangt“, berichten die Fidelity-Analysten Claire Xiao, Crystal Cui und Peter Carter. Wie die meisten Experten gehen auch sie davon aus, dass Chinas Wirtschaft im ersten Quartal einen deutlichen Einbruch erleben wird, bevor sich die Lage im zweiten Quartal 2020 verbessert. Allerdings werde es für die Volksrepublik auch dann schwierig, sofort auf 100 Prozent des Vorkrisenniveaus zurückzukehren. Eine V-förmige Erholung gilt als kaum realistisch.

Während der Industrie- und Technologiesektor einen bedeutenden Inlandsanteil hat, würden nun Lockdowns in Europa und den USA das Risiko eines erneuten Nachfragerückgangs für chinesische Unternehmen erhöhen, warnen Beobachter. Zwar ist der heimische Konsum längst zum wichtigsten Motor für die chinesische Wirtschaft geworden. Doch auch der Export ist weiterhin ein wichtiges Standbein.

Die größte Sorge chinesischer Unternehmen ist jedoch derzeit, dass eine zweite Virus-Welle die Erholung zurückwerfen könnte. Zwar gibt es laut offizieller Angaben der Pekinger Gesundheitskommission seit Wochen praktisch keine lokalen Infektionen mehr. Doch plötzlich immun gegen das Virus ist natürlich auch China nicht.

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Wie hoch die Nervosität der Regierung weiterhin ist, lässt sich auch an den noch immer drastischen Kontrollmaßnahmen ablesen. In Peking etwa prüfen die Nachbarschaftskomitees weiterhin sehr genau, wer das Gelände betritt. Und jeder, der von einer Reise aus einer anderen Provinz in die Hauptstadt zurückkehrt, muss noch immer für 14 Tage in Quarantäne. Unternehmen sind verpflichtet, täglich bei ihren Mitarbeitern Fieber zu messen. Für ausländische Geschäftsleute geht derzeit überhaupt nichts mehr. Aus Angst vor einer Einschleppung des Virus aus dem Ausland, hat China seine Grenzen dicht gemacht. Rein kommt man als Ausländer derzeit nur noch mit Diplomaten-Visum.

Ganz geheuer ist die vermeintliche Ruhe nach dem Virus offenbar selbst Chinas Premierminister Li Keqiang nicht. In einer Rede warnte er die Provinzen in der vergangenen Woche deutlich davor, keine Neuinfektionen zu verheimlichen. Mit den Daten müsse „offen und transparent“ umgegangen werden. „Es ist, was es ist. Es darf keine Verschleierung geben“, forderte Li. Der Premier weiß eben, wie sein Land tickt.

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