In Ankara wütet der anti-syrische Mob – ungestört

In der türkischen Hauptstadt Ankara plünderte ein Mob die Geschäfte von Syrern und zündete Autos an. [AFP]

Die Türkei hat derzeit mit schweren ausländerfeindlichen Krawalle zu kämpfen: In der Hauptstadt Ankara plünderte ein Mob die Geschäfte von Syrern und zündete Autos an. Syrische Familien verbarrikadierten sich im Stadtviertel Altindag voller Angst in ihren Wohnungen, wie die Journalistin Seda Taskin von der Nachrichtenplattform Arti Gercek vor Ort berichtete. „Wir sitzen hier fest“, rief ein verzweifelter Familienvater der Reporterin aus dem Fenster zu.

Viele Türken werfen der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan vor, zu viele Syrer und Afghanen ins Land gelassen zu haben. Auch unter seinen Anhängern wächst die Wut. Erdogan will das Problem mit einer Grenzmauer lösen.

Auslöser der Gewalt in Altindag war der Tod eines 18-jährigen Türken bei einer Messerstecherei mit Syrern am Dienstag. Ein anderer junger Türke wurde verletzt. Trotz der aufgeheizten Stimmung in dem Armenviertel, in dem nach Medienberichten mindestens jeder zehnte der 360.000 Einwohner ein Syrer oder Afghane ist, verhinderte die Polizei die Krawalle am Mittwoch nicht. Die türkischen Sicherheitskräfte, die sonst jede kleine Demonstration im Keim ersticken, hielten sich zurück.

Polizei lässt den anti-syrischen Mob wüten

So konnte der anti-syrische Mob ungestört wüten. Von Syrern bewohnte Häuser wurden mit Steinen beworfen, Scheiben wurden eingeschlagen. Der Direktor des Türkischen Roten Halbmonds, Kerem Kinik, veröffentlichte auf Twitter das Bild eines kleinen Mädchens mit einer blutenden Kopfwunde.

„Wir wollen hier keine Flüchtlinge“, rief die Menge, wie Taskin meldete. Auch andere Medien berichteten von aufgebrachten Türken, die durch Altindag zogen und Syrer suchten. „Die Alarmglocken schrillen“, kommentierte selbst die regierungstreue Zeitung „Hürriyet“.

Altindag ist eine Hochburg von Erdogans Regierungspartei AKP. Bei der letzten Kommunalwahl vor zwei Jahren holte sie dort 64 Prozent der Stimmen. Doch in Altindag wie anderswo in der Türkei ist die Stimmung gekippt.

„Wir können im eigenen Viertel nicht mehr vor die Tür gehen“, beschwerte sich Ceyhan Ülger, Vater des bei der Messerstecherei verletzten Türken. Seit 30 Jahren wohne er in Altindag, aber heute könne er mit seiner Frau wegen der vielen Syrer nicht einmal mehr in den Park gehen, sagte Ülger dem nationalistischen Parlamentsabgeordneten Ümit Özdag, der Altindag besuchte.

Erdogan hat 3,6 Millionen Syrer aufgenommen

Erdogan hat mit einer „Politik der offenen Tür“ rund 3,6 Millionen Syrer in der Türkei aufgenommen. In jüngster Zahl kommen immer mehr afghanische Flüchtlinge hinzu, deren Zahl nach Schätzung von Experten in den kommenden Monaten eine Million erreichen könnte.

Die Opposition fordert, die Syrer nach Hause zu schicken und die Afghanen nicht ins Land zu lassen. Oppositionspolitiker erklärten in den vergangenen Wochen immer wieder, die Türkei dürfe nicht zum Auffangbecken für Flüchtlinge werden. Inzwischen wird diese Rhetorik von der Regierung übernommen. Erdogan sagte am Mittwoch in einem Fernsehinterview, die Türkei sei kein „Durchgangslager“ für Flüchtlinge.

Der Präsident versprach in dem Interview mit den regierungsnahen Fernsehsendern Kanal D und CNN-Türk den Bau einer Mauer an der iranischen und der irakischen Grenze. An der syrischen Grenze hat die Türkei streckenweise bereits Mauern und Zäune gebaut. Zusätzlich würden Wärmebildkameras und Drohnen eingesetzt, um Flüchtlinge aufzuspüren, kündigte Erdogan an. Gleichzeitig sagte er aber auch, von einem neuen Ansturm von Flüchtlingen könne keine Rede sein. Bei dem Thema werde übertrieben.

Dass Erdogan damit die Flüchtlingsdebatte in seinem Land beenden kann, ist unwahrscheinlich. „Wir haben die AKP gewählt, aber heute sind die das Letzte“, rief ein wütender Türke in Altindag in die Kamera der Reporterin Taskin. Die Wirtschaftskrise hat Türken und Flüchtlinge zu Konkurrenten auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt gemacht. Beschwerden über eine angebliche Bevorzugung von Syrern häufen sich.

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