Französische NGOs kritisieren Entwicklungshilfe-Defizite in Bildungsfragen

Rund 264 Millionen Kinder weltweit gehen nicht zur Schule. Frankreich und die EU könnten mehr für die Grundbildung in Entwicklungsländern tun, finden NGOs. [Shutterstock]

Rund 264 Millionen Kinder weltweit gehen nicht zur Schule. In Frankreich kritisiert die NGO Coalition Éducation den fehlenden Fokus auf Bildungs- und Entwicklungsprogramme. EURACTIV Frankreich berichtet.

Die NGO La Coalition Éducation traf sich am Montag mit Brigitte Macron, um das französische Engagement in der Förderung von Bildung im Ausland zu diskutieren. Präsident Emmanuel Macron will ab spätestens 2030 rund 0,7 Prozent (und bis 2022 mindestens 0,55 Prozent) des französischen BIP für Entwicklungshilfe ausgeben. Das wäre eine Erhöhung des Budgets von mindestens drei Milliarden Euro.

Wenn Frankreich weiterhin 15 Prozent dieses Entwicklungsbudgets für Bildung aufwenden würde, könnten somit bereits 2020 zusätzliche 655 Millionen Euro bereitstehen. Die Coalition Éducation fordert, dieses Geld solle ausschließlich für Grund- und weiterführende Schulen in armen sowie fragilen Staaten aufgewendet werden.

Laut der NGO steht Frankreichs Ruf auf dem Spiel: Das Land stehe bei Bildungsausgaben unter den globalen Geberländern ohnehin schon schlecht da, und die tatsächlich getätigten Ausgaben seien nicht an die bedürftigsten Länder bzw. an grundlegende Bildungsangebote dort gerichtet. Dies müsse jedoch die Priorität sein.

In einem neuen Bericht schreibt die Organisation: „Bildung ist die Grundbedingung für Entwicklung.“ Durch sie könnten die Menschen sich entwickeln, ihr volles (wirtschaftliches) Potenzial ausschöpfen und langfristig auch zu besserer Gesundheit, weniger Konflikten und effektiveren Maßnahmen gegen den Klimawandel beitragen.

Die NGO hält fest, Entwicklungsausgaben für Bildung seien von Natur aus langfristig angelegt – und dies kollidiere oft mit den eher kurzen Amtsperioden der jeweiligen Regierungen.

“Das  0,7-Prozent-Ziel muss Bestandteil eines neuen Koalitionsvertrages sein”

Entwicklungszusammenarbeit muss Armut bekämpfen, nicht die Migration nach Europa, meint Stephan Exo-Kreischer, Deutschland-Direktor von ONE.

Die Französische Beobachtungsstelle für Entwicklungszusammenarbeit schätzt, dass „wir mit den bisherigen Aufwendungen eine 50-jährige Verspätung für das Erreichen der globalen Bildungsziele erwarten dürften.“ Laut der Incheon-Erklärung der Vereinten Nationen soll aber bereits im Jahr 2030 „inklusive und chancengerechte hochwertige Bildung sowie lebenslanges Lernen für alle“ gesichert sein.

Unterstützung in Frankreich statt in Entwicklungsländern

In Frankreich machen Bildungsausgaben heute ungefähr 15 Prozent der Gesamtausgaben für Entwicklungszusammenarbeit aus. Dies sei eine gute, aber ausbaufähige Rate, kommentieren die NGOs. Ihrer Ansicht nach ist vor allem die Verteilung der Gelder ein Problem: Ein Großteil gehe nicht an die 17 Länder in der Sahelzone und Subsahara-Afrika, die sie am dringendsten benötigen.

Außerdem werde weniger die Grundbildung in diesen Staaten gefördert, als weiterführende Bildung für Migranten innerhalb Frankreichs. „Und dabei geht ein Großteil der Ausgaben für Studiengebühren drauf“, kritisiert Carole Coupez von der Coalition Éducation. Für Grundschulbildung in Entwicklungsländern werde demnach lediglich 2,5 Prozent der gesamten Entwicklungshilfeausgaben aufgewendet.

Die Finanzierung von ausländischen Studenten in Frankreich als Teil der Entwicklungszusammenarbeit zu deklarieren sei ohnehin fragwürdig, da viele der gutausgebildeten Absolventen nicht in ihre Heimatländer zurückkehren, sondern in Frankreich bleiben. Somit leiden die Entwicklungsländer zusätzlich unter der Abwanderung ihrer vielversprechendsten Talente.

Macron kündigt Wende in der Entwicklungszusammenarbeit an

Entscheidung nach einigem Hin und Her: Emmanuel Macron hat nun doch bestätigt, dass Frankreich sein Entwicklungshilfe-Budget bis 2022 auf 0,55 Prozent des Bruttonationaleinkommens anheben wird.

Globale Partnerschaft und multilaterale Unterstützung

Im kommenden Februar wird Frankreich gemeinsam mit dem Senegal der Konferenz Financing Conference of the Global Partnership for Education vorsitzen. Bisher hält sich das Engagement Frankreichs in dieser Initiative in Grenzen: 7,7 Millionen Euro wurden zugesagt – im Vergleich zu 118 Millionen aus Großbritannien beispielsweise. Die EU beteiligt sich mit 35 Millionen Euro.

Léa Rambaud, Sprecherin der Coalition Éducation, hofft daher, dass Emmanuel Macron die Gelegenheit nutzen wird, um den französischen Beitrag deutlich zu erhöhen: „Wir empfehlen zusätzliche 255 Millionen Euro im Zeitraum zwischen 2018 und 2022.“ Dies sei ihrer Meinung nach ein tragbares Ziel und ein starkes Zeichen des Ko-Organisators Frankreich.

Und Europa?

Beim Thema Bildung in der Entwicklungszusammenarbeit liegen die EU-Institutionen deutlich hinter Frankreich: Bildung macht nur 4,9 Prozent des gesamten Entwicklungshilfe-Etats aus.

Dafür liegt der Fokus allerdings sehr viel mehr auf Grundbildung, die für 23,5 Prozent der EU-Bildungs-Entwicklungshilfe steht. Damit liegt Europa dennoch weit hinter den USA zurück, deren Entwicklungsgelder zu 72 Prozent für Grundschulbildung  ausgegeben werden.

Innerhalb der EU stechen besonders Großbritannien und Irland hervor, deren Entwicklungshilfezahlungen zu 30,6 und 32 Prozent für Grundbildung in Entwicklungsländern aufgewendet werden.

EU-Institutionen uneins über künftiges Entwicklungshilfe-Budget

Das EU-Parlament hat gestern dem EU-Budget für 2018 zugestimmt und fordert höhere Ausgaben im Bereich Entwicklungszusammenarbeit. Der Rat sieht das anders.