Faktencheck: Wie wirksam sind nächtliche Ausgangssperren?

Ein Mann wandert eine leere Straße in der brasilianischen Stadt Manaus herunter. [Raphael Alves/EPA]

Im Kampf gegen Corona wird in Deutschland immer intensiver über nächtliche Ausgangssperren diskutiert. Doch bringen die überhaupt etwas? Ein Blick auf die Faktenlage.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Deutschland ist in der dritten Pandemie-Welle. Experten und Politiker rufen nun zu strengeren Maßnahmen auf: Neben einem harten Lockdown sollen besonders nächtliche Ausgangssperren helfen, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Dafür plädiert SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder setzt sich dafür ein. Bisher wurden nächtliche Ausgangssperren in Deutschland nur punktuell eingesetzt. Aber ist diese Maßnahme tatsächlich so wirksam?

Das Argument für nächtliche Ausgangssperren lautet: Ansteckungen passieren vor allem im Privaten. Solche Kontakte und damit die Verbreitung des Virus können der Theorie zufolge durch Ausgangssperren reduziert werden.

Laut einer Studie von Forschern an überwiegend britischen Universitäten, die Karl Lauterbach am Montag auf Twitter teilte, könnte eine nächtliche Ausgangssperre eine positive Auswirkung auf den Reproduktionswert haben. Dieser sogenannte R-Wert gibt an, wie viele Personen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Nächtliche Ausgangssperren können der Studie zufolge diesen Wert um 13 Prozent senken. Die Autoren geben aber zu bedenken, dass das im Wechselspiel mit anderen Maßnahmen zu sehen ist wie der Schließung von Gastronomiebetrieben und der Beschränkung privater Treffen. Bisher ist die Studie nur als Preprint erschienen, sie ist also noch nicht von Fachkollegen begutachtet worden.

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Kanada als Fallbeispiel

Erfahrungen mit Ausgangssperren haben zum Beispiel bereits die Kanadier gesammelt. Seit Anfang Januar gilt in der Provinz Québec in besonders betroffenen Regionen eine nächtliche Ausgangssperre. Auf DW-Anfrage, auf welcher wissenschaftlichen Basis dies beruhe und ob die Effekte der Maßnahme ausgewertet werden, antwortete das Gesundheitsministerium der Provinz nicht konkret. Es teilte jedoch mit, „Beobachtungsstudien zeigen, dass diese Maßnahme Zusammenkünfte verhindert“.

Jay Kaufman, Epidemiologe an der McGill Universität in Montreal, der größten Stadt Québecs, weiß von keiner formellen Evaluierung der Ausgangssperren, wie er der DW schrieb.

„Während der letzten Monate hatte Québec stabile oder sinkende Fallzahlen während sie in anderen Provinzen stiegen“, sagt Kaufman. Trotzdem will und kann er die Entwicklungen im Vergleich zu anderen Provinzen nicht allein auf die Ausgangssperren in Québec zurückführen. Viele weitere Faktoren spielen demnach eine Rolle – etwa die Impfquote, die Anzahl der Tests pro Tag oder ein digitaler Schulunterricht.

Da die Abende länger hell sind und die Sommerzeit begonnen hat, wurde der tägliche Anfang der Ausgangssperre Mitte März von 20.00 Uhr auf 21.30 Uhr verschoben. Die Fallzahlen seien wieder gestiegen, sagt Kaufman. „Doch wie die verschiedenen Maßnahmen zusammenwirken und was der Beitrag jedes einzelnen ist, müsste in einer Studie untersucht und nicht durch einen vagen Eindruck bestimmt werden“, so der Epidemiologe.

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Ein teurer Spaß

Wer sich der Sperre widersetzt, muss übrigens mit empfindlichen Strafen rechnen: 1000 bis 6000 kanadische Dollar (rund 670 bis 4400 Euro) werden für jene Erwachsene fällig, die nachts ohne triftigen Grund auf der Straße sind. Jugendliche müssen noch 500 Dollar (335 Euro) berappen.

Auch in Deutschland fehlten bisher Daten für eine belastbare Studie, so Professor Christof Schütte, Präsident des Zuse-Institut Berlin, das im Bereich Modellierungen und Simulationen arbeitet. Ausgangssperren können seiner Meinung nach aber sehr wirksam sein, „wenn sie, mit den anderen Maßnahmen zusammen, wirklich beachtet werden“, sagte er zur DW. Dabei sieht Schütte auch die Politik in der Pflicht, deutlicher und einheitlicher zu kommunizieren. Doch er befürchtet, dass der Effekt nur kurz anhält, da sich die Menschen stattdessen zu anderen Tageszeiten treffen.

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Die Simulation: Wie ein Computerspiel

Amineh Ghorbani glaubt, dass Ausgangssperren trotz solcher Ausweichtermine eine Wirkung haben. Ghorbani lehrt an der TU Delft in den Niederlanden an der Schnittstelle zwischen computergestützten Sozialwissenschaften und Ingenieurswissenschaften. In ihrer Arbeit nutzt sie Simulationen, um das menschliche Verhalten zu untersuchen.

Zusammen mit Wissenschaftlern aus Frankreich, den Niederlanden und Schweden arbeitet sie seit einem Jahr an dem Projekt ASSOCC, einer Simulation, in der eine künstliche Gesellschaft der Corona-Pandemie ausgesetzt ist. Damit testen sie die Wirksamkeit verschiedener Corona-Maßnahmen und haben nach eigenen Angaben die schwedische und italienische Regierung beraten.

Vergleichbar sei diese Gesellschaft mit dem Computerspiel „Die Sims“, erklärt Ghorbani im DW-Interview. Die Personen in der Simulation haben Bedürfnisse wie Hunger oder den Wunsch, Freunde zu sehen. Wenn der Wunsch sehr stark wird, kann es bedeuten, dass sie Regeln missachten.

Das Ergebnis der Simulation: Nächtliche Ausgangssperren helfen, die Infektionszahlen nicht so sehr in die Höhe schnellen zu lassen und können damit einen Beitrag leisten, das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen. Doch Ghorbani sagt auch: „Im Gegensatz zu einem harten zweiwöchigen Lockdown müssen Ausgangssperren länger in Kraft sein, um effektiv zu wirken.“ Außerdem seien sie alleine nicht so wirksam und sollten daher mit anderen Maßnahmen kombiniert werden.

Wie wirksam Ausgangssperren im Vergleich zu anderen Maßnahmen sind, hänge auch davon ab, an welchem Punkt der Pandemie man sich befindet. In Deutschland und den Niederlanden zeigen die Zahlen eine neue Infektionswelle. „Wenn man sich hier für einen strikten Lockdown entscheidet, ist es gut, dazu auch eine nächtliche Ausgangssperre zu haben“, erklärt Ghorbani mit Blick auf die Simulation. Nach beispielsweise drei Wochen könne der Lockdown gelockert werden, aber die Ausgangssperren sollten in Kraft bleiben, um den positiven Effekt der harten Beschränkungen länger halten zu können.

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Frankreichs Erfahrungen nicht eindeutig

Auch in weiten Teilen Frankreichs dürfen die Menschen seit Monaten nachts nicht ohne guten Grund auf die Straße. Die Ausgangssperren gelten mal ab 20 Uhr, mal ab 18 Uhr, mal ab 19 Uhr.

Die Wissenschaft ist sich nicht ganz einig, welche Auswirkungen diese Beschränkungen hatten. So hat eine Gruppe von Wissenschaftlern aus Toulouse herausgefunden, dass die nächtlichen Ausgangssperren einen nachteiligen Effekt haben könnten: Die Ausgangssperren um 20 Uhr in Toulouse verringerten die Verbreitung des Virus, die vorverlegten Ausgangssperren um 18 Uhr verschlechterten die Lage allerdings. Grund dafür, so die Gruppe, könnte sein, dass mehr Menschen in Supermärkten zusammentrafen.

Eine aktuelle Preprint-Studie von Forschern des französischen Instituts für Gesundheit und medizinische Forschung spricht sich im im Prinzip für nächtliche Ausgangssperren aus. Sie waren demnach im Januar bei der Eindämmung der Verbreitung des ursprünglichen SARS-CoV-2-Stranges hilfreich. Allerdings, so die Forscher, reichten sie zusammen mit anderen sogenannten „Social distancing“-Maßnahmen nicht aus, die Verbreitung der aggressiveren britischen Mutante B.1.1.7 einzudämmen.

Faktencheck: Wer in der Corona-Pandemie Ausgangssperren als Maßnahme verwendet oder befürwortet, weist als Beleg für deren Wirksamkeit gerne auf andere Länder hin, die sie bereits einsetzen. Bisher ist die Datenalge aber noch dünn. Untersuchungen und Simulationen deuten jedoch darauf hin, dass sie unter bestimmten Voraussetzungen – zum Beispiel in Kombination mit einem Lockdown oder der Beschränkung privater Treffen – durchaus wirksam sein können.

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