Faktencheck: Kommen arme Länder beim Corona-Impfschutz zu kurz?

Eine der ersten COVID-Testimpfungen in Südafrika. [SIPHIWE SIBEKO / POOL / EPA]

Stimmt die Behauptung, dass reiche Staaten mit ihren vorbestellten Impfdosen ihre Bevölkerung bis zu drei Mal gegen das Coronavirus impfen könnten? So einfach ist das nicht. Drei Aussagen im DW-Faktencheck.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Neun von zehn Menschen in armen Ländern werden im nächsten Jahr vermutlich keine Impfung gegen COVID-19 erhalten, während die reichsten Staaten die Mehrheit der Impfdosen aufkaufen. Das verbreitete kürzlich das Netzwerk People’s Vaccine Alliance, dem Organisationen wie Amnesty International, Global Justice Now und Oxfam angehören. Diese Stellungnahme machte Schlagzeilen.

Die größten Impfstoffentwickler, darunter AstraZeneca, BioNTech-Pfizer und Moderna, schätzen, dass sie im nächsten Jahr bis zu 5,3 Milliarden Corona-Impfdosen herstellen können. Da aktuell davon ausgegangen wird, dass zwei Injektionen nötig sind, damit die Impfung wirksam ist, könnte also etwas mehr als ein Drittel der 7,6 Milliarden Menschen auf der Welt versorgt werden. Es bleibt die große Frage der Gerechtigkeit bei der Verteilung der Impfdosen.

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1. Haben westliche Staaten so viele Impfdosen aufgekauft, dass sie ihre Bevölkerung mehrfach impfen könnten?

DW-Faktencheck: Irreführend

Reiche Staaten, die 14 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, sollen 53 Prozent der vielversprechendsten Corona-Impfstoffkandidaten bestellt haben. Das gebe ihnen die Möglichkeit, ihre Bevölkerung dreimal zu impfen, verbreiteten Mitglieder des Netzwerks People’s Vaccine Alliance.

Diese Behauptung ist irreführend. Sie geht davon aus, dass alle potentiellen Impfstoffe in klinischen Tests bestehen und zugelassen werden. Die Jagd auf Impfstoffdosen begann aber, bevor deren Sicherheit und Zuverlässigkeit feststand. Regierungen reservierten Impfstoffe, die sich noch in der Testphase befanden. Nicht jedes Unternehmen wird ein ausreichend wirksames Vakzin herstellen, das auch von den Behörden zugelassen wird.

Ein Beispiel: Kanada hat nach Angaben der People’s Vaccine Alliance so viele Impfstoffe reserviert, dass jeder fünf Mal geimpft werden könnte. Nach Informationen der Regierung hat sich das Land bis zu 414 Millionen Dosen von Corona-Impfstoffkandidaten von sieben verschiedenen Firmen gesichert – bei einer Bevölkerung von 37,6 Millionen Menschen.

Doch die Regierung teilt auch mit: „Alle Impfstoffkandidaten müssen durch prä-klinische und klinische Test“. Das Gesundheitsministerium werde die Sicherheit und Wirksamkeit bei jedem Impfstoff überprüfen, um zu entscheiden, ob das Vakzin in Kanada genutzt werden darf.

Kanadas größte Bestellungen umfassen „bis zu“ 76 Millionen Dosen von jedem der drei größten Produzenten. Wenn nur einer davon ein wirksames Mittel auf den Markt bringt, bedeutet das immer noch, dass jeder in Kanada die zwei empfohlenen Impfungen erhalten kann.

Berichten zufolge führt das Land Gespräche, um potentiell überschüssige Impfdosen an die Initiative COVAX zu spenden.

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2. Werden ärmere Staaten einen verzögerten Zugang zu Impfungen haben?

DW-Faktencheck: Wahr

„Aktuelle Modelle sagen voraus, dass es bis 2023 oder 2024 nicht genügend Impfstoffe geben wird, um die Weltbevölkerung zu versorgen“, heißt es vom Duke Global Health Innovation Center. Die Managerin für Gesundheitspolitik von Oxfam, Anna Marriott, bestätigt dies: „Wenn sich nichts dramatisch ändert, werden Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt in den kommenden Jahren keinen sicheren und wirksamen Impfstoff gegen COVID-19 erhalten.“

Die Sorge ist, dass ärmere Staaten nicht die finanziellen Mittel haben, um sich viele Impfstoffdosen kaufen zu können.

Hier kommt das Programm COVAX ins Spiel. Ziel der Initiative, geleitet von der globalen Impfallianz Gavi, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Koalition für Innovationen zur Vorbereitung auf Epidemien (CEPI), ist es, die Entwicklung und Herstellung von Corona-Impfstoffen zu beschleunigen und eine faire Verteilung auf der ganzen Welt zu gewährleisten.

COVAX bietet den Staaten Zugang zu einer Reihe von Impfstoffkandidaten von verschiedenen Herstellern. Dabei finanzieren Länder mit einem höheren Einkommen die Impfstoffdosen für einkommensschwache Staaten mit. Die Europäische Union hat COVAX dafür 500 Millionen Euro zugesagt. Nach Angaben von COVAX sind 92 Staaten berechtigt, über das Programm an vergünstigte Impfstoffe zu gelangen.

Bis Ende 2021 will COVAX zwei Milliarden Impfstoffdosen zur Verfügung stellen, was nach Angaben von Gavi ausreichen sollte, um besonders gefährdete Menschen und Gesundheitspersonal mit Kontakt zu COVID-Patienten impfen zu können.

Langfristig soll den Staaten, die den Impfschutz ihrer Bevölkerung nicht selbst finanzieren können, so viel Serum zur Verfügung gestellt werden, dass damit ein Fünftel der Bevölkerung geimpft werden kann. Staaten, die ihre Impfdosen selbst finanzieren, können unterschiedliche Mengen aufkaufen.

Die Pharma-Kooperation BioNTech-Pfizer hat nach eigenen Angaben Interesse bekundet, COVAX Impfstoffe zu liefern. Die Entwickler Oxford-AstraZeneca haben zugesichert, 64 Prozent ihrer Dosen für Entwicklungsländer bereitzustellen.

Aktuell sieht es also so aus, als wenn arme Staaten Zugang zu Impfungen bekommen. Doch es könnte Jahre dauern, bis das Verfahren ausgerollt ist.

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3. Stellen Impfstoffhersteller Profitinteressen über die öffentliche Gesundheit?

DW-Faktencheck: Unbelegt

Es gibt sehr widersprüchliche Informationen dazu, ob sich Impfstoffproduzenten nur die Taschen füllen oder Gutes für die Weltgesundheit tun wollen. Es hängt ganz davon ab, wen man fragt.

Die People’s Vaccine Alliance hat eine klare Forderung an die Hersteller: „Alle Impfstoffe, Behandlungsmöglichkeiten und Tests dürfen keinem Monopol unterliegen. Sie müssen als Massenprodukt hergestellt und gerecht verteilt, sowie der Bevölkerung in allen Ländern kostenfrei zur Verfügung gestellt werden.“

Die Idee hinter der Forderung ist, dass Pharmaunternehmen und Forschungseinrichtungen ihr geistiges Eigentum teilen, damit sichere und wirksame Impfstoffe überall auf der Welt ohne Patentgebühren, also günstiger, hergestellt werden können.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen sagte, zwar habe sich der Pharmakonzern AstraZeneca dazu verpflichtet, mit seinem Impfstoff „während der Pandemie“ keinen Profit zu machen, doch könnte das Unternehmen bereits im kommenden Juli die Preise anziehen.

AstraZeneca-Chef Pascal Soriot sagte, der Konzern werde „die Entwicklung des Impfstoffs als Antwort auf eine globalen Gesundheitsnotstand und nicht als kommerzielle Möglichkeit behandeln“. Auch der US-Pharmahersteller Johnson & Johnson hatte angekündigt, keine Gewinne aus seinem Impfstoff ziehen zu wollen.

Beim Hersteller Pfizer sieht die Lage anders aus. Wie der Guardian berichtet, lehnte Pfizer staatliche Unterstützung von der US-Regierung ab und nutzte fast zwei Milliarden US-Dollar (1,6 Milliarden Euro) aus dem eigenen Vermögen, um mit dem deutschen Unternehmen BioNTech einen Impfstoff zu entwickeln.

„Es wird also Profit damit gemacht, aber es wird wahrscheinlich nicht die übliche Gewinnspanne sein, die Sie bei anderen Produkten von Pfizer sehen“, sagt Damien Conover, Direktor für den Bereich Forschung zu Aktien im Gesundheitswesen beim Finanzdienstleister Morningstar, der Plattform Marketplace.

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