EU-Speicher sind voll: Die Politik des Gashandels

Das Erdgas-Importterminal im polnischen Swinoujscie. [Polska Gazeta Transportowa]

Dank der niedrigsten Gaspreise seit zehn Jahren sind die europäischen Lagertanks deutlich voller als gewöhnlich zu dieser Jahreszeit. Dies kann auch politische Auswirkungen haben.

In der Europäischen Union, die den größten Teil ihrer Energie importieren muss, stehen die Sorgen um die Sicherheit der Energieversorgung praktisch immer im Vordergrund. Befürchtungen sind besonders ausgeprägt mit Blick auf anstehende Winter, wenn Haushalte in ganz Europa (zumindest theoretisch) Gefahr laufen, auf Heizenergie verzichten zu müssen.

Dieses Jahr scheint diese Angst jedoch nicht so stark spürbar zu sein, denn die Erdgaspreise sanken Anfang Juli auf ein Zehnjahrestief, ausgelöst durch den Wettbewerb zwischen Russland und den Vereinigten Staaten um Marktanteile.

Die USA sind mit ihren Exporten von verflüssigtem Erdgas (LNG), das durch den Schiefergasboom in Amerika weiter angeheizt wird, aggressiv in den europäischen Markt eingetreten. Während sich die LNG-Importe zuvor auf Nordeuropa beschränkt haben, erhöht nun beispielsweise auch Spanien seine Importe deutlich.

Die amerikanischen LNG-Exporte nach Europa sind insgesamt um 272 Prozent gestiegen, seit im Juli 2018 ein Abkommen über die Zusammenarbeit im Energiebereich abgeschlossen wurde. Das teilte die Europäische Kommission kürzlich mit.

"Freiheitsgas": USA öffnen LNG-Schleusen nach Europa

US-Energieminister Rick Perry wird heute, 2. Mai, in Brüssel zwei Exportaufträge für Flüssiggas (LNG) unterzeichnen. Regierungsvertreter sagten anschließend, dass die amerikanische Exportkapazität nach Europa ab 2020 auf 112 Milliarden Kubikmeter pro Jahr verdoppelt wird.

Die EU ist inzwischen der Hauptempfänger von US-LNG-Exporten. Und während die langfristigen Lieferungen über Gaspipelines an den Ölpreis gebunden sind, sind es die Spot-LNG-Mengen nicht. Dies hat zu einer deutlich volatileren Preissituation geführt.

So kauften die EU-Länder munter ein: Die Gasspeicher sind für vor der Wintersaison 2019-20 weit überdurchschnittlich gefüllt. Derweil wird weiterhin LNG-Gas aus den USA nach Europa verschifft und wartet in den Hafenanlagen, um die zukünftige erwartete Nachfrage zu bedienen.

Laut Daten von Gas Infrastructure Europe sind die europäischen Gasspeicher nun zu 90 Prozent gefüllt. Die höchsten Werte finden sich dabei in Frankreich, Deutschland, Belgien, Dänemark, Österreich, Tschechien und den Niederlanden.

Politische Auswirkungen

Die Energiesicherheit steht in der EU traditionell ganz oben auf der politischen Agenda und hat Einfluss auf viele Politikbereiche – vom Netzausbau über die Klimapolitik bis hin zur umstrittenen Gaspipeline Nord Stream 2 in der Ostsee.

Die große Befürchtung ist dabei stets, die EU könne zu abhängig von russischem Gas sein. Die Vollendung der Nord Stream 2-Pipeline dürfte diese Bedenken noch verstärken.

Washington hat sich daher deutlich gegen die Pipeline ausgesprochen und östliche EU-Staaten wie Polen ermutigt, zu versuchen, den Bau zu blockieren. Aus Sicht Washingtons wäre es für Europa allemal klüger, amerikanisches LNG zu importieren.

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Gleichzeitig könnte der jüngste Anstieg der US-amerikanischen LNG-Importe umgekehrt aber auch Energiesicherheitsargumente gegen die Pipeline weniger überzeugend machen: Wenn sich LNG in Europa weiterhin gut entwickelt und das russische Monopol Gazprom dadurch Marktanteile verliert, dann dürfte amerikanisches LNG auch in einer guten Ausgangsposition sein, um mit neuen Gasimporten via Nord Stream zu konkurrieren.

LNG braucht kein Freihandelsabkommen

Die Entwicklungen könnte sich auch auf die Beziehungen zwischen der EU und den USA auswirken. Dass die steigenden Exporte ohne ein begleitendes Freihandelsabkommen zwischen den beiden Partnern erfolgen, ist Beobachtern nicht verborgen geblieben. Ursprünglich hatten die USA betont, man werde LNG-Exporte nur im Rahmen eines weiterreichenden Freihandelsabkommens ermöglichen. Diese Haltung wurde jedoch offensichtlich fallen gelassen; das LNG strömt nach Europa.

Tatsächlich scheinen die Aussichten auf ein Freihandelsabkommen wie das gescheiterte TTIP in absehbarer Zeit äußerst gering zu sein. Dass die LNG-Exporte weiter an Fahrt gewinnen werden, gilt hingegen als sehr wahrscheinlich.

Wenn die neuen Mitglieder des Europäischen Parlaments und der Europäischen Kommission ihre Arbeit im Herbst dieses Jahres aufnehmen, werden sie also in einer Situation mit niedrigen Energiepreisen, vollen Gastanks und reichlich zusätzlicher Versorgung aus Amerika neue Gesetze erlassen können.

Dies wird auch die Debatte über die Energiesicherheit der EU prägen – vielleicht zum Schaden, vielleicht zum Nutzen des Nord Stream-2-Projekts.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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