EU greift nach den Sternen: Neues Weltraumprogramm gestartet

"Europa muss seine Rolle bei der Nachhaltigkeit der Weltraumnutzung genauso spielen, wie Europa bei der Nachhaltigkeit unseres Planeten auf der Erdoberfläche führend ist," so der Generaldirektor der ESA, Josef Aschbacher. [EPA-EFE/FOCKE STRANGMANN]

Europa muss seine Führungsrolle bei der nachhaltigen Nutzung des Weltraums spielen und könne zunehmend zur Schaffung eines regulatorischen Rahmens für das Weltall beitragen, so der Chef der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) gegenüber EURACTIV anlässlich des Starts eines neuen Raumfahrtprogramms der EU.

Die Erforschung und Nutzung des Weltraums ist traditionell die Domäne der USA und Russlands. Das aufkeimende Interesse der EU an der Weltraumpolitik hat derweil wohl weniger mit den möglichen wirtschaftlichen Vorteilen zu tun – und mehr mit der angestrebten strategischen Autonomie.

Die Schaffung einer neuen Generaldirektion innerhalb der Europäischen Kommission (GD Verteidigungsindustrie und Weltraum, DEFIS) ist der jüngste Versuch, diesem Bereich einen europäischen Stempel aufzudrücken.

„Europa muss seine Rolle bei der Nachhaltigkeit der Weltraumnutzung genauso spielen, wie Europa bei der Nachhaltigkeit unseres Planeten auf der Erdoberfläche führend ist,“ sagte der Generaldirektor der ESA, Josef Aschbacher. Er erwarte von der Europäischen Kommission, dass sie bei diesem Thema eine Führungsrolle übernimmt.

NATO bereitet sich auf neues Weltraumzeitalter vor

Die NATO-Außenminister haben den Weltraum am Mittwoch, den 20. November, offiziell als fünfte Militärgrenze neben Luft, Land, See und Cyber als Reaktion auf die wachsende Besorgnis über den Schutz von Satelliten- und Navigationsgütern vor feindlichen Eingriffen anerkannt.

Gegenwärtig gibt es lediglich schwache Rechtsvorschriften, die die Grundlage des internationalen Weltraumrechts bilden, namentlich vor allem den Weltraumvertrag von 1967, der festlegt, dass der Weltraum zur Erforschung und Nutzung durch alle Nationen freigegeben ist. Allerdings dürfe kein Staat die Souveränität über den Weltraum oder irgendeinen Himmelskörper beanspruchen oder Waffen im All platzieren.

„Im Moment herrscht im Weltraum eine Art ‚Wildwest‘-Situation, in der Länder Satelliten starten und es nur einen sehr kleinen regulatorischen Rahmen dafür gibt, was mit ihnen passiert,“ erklärte Aschbacher.

Auf die Frage, ob die EU als Regulierungsmacht eine Führungsrolle übernehmen könnte, um dies zu ändern, bestätigte der ESA-Chef, dass „Europa eine sehr aktive Rolle in der Weltraumregulierung spielen sollte […] Unter den Nationen ist die Regulierung in Europa ziemlich gut entwickelt – und im Weltraum haben wir einen Bedarf dafür, besonders wenn es um das Weltraummanagement geht.“

Er legte dar, dass die Anzahl der Satelliten, die allein im Jahr 2020 gestartet werden, der Menge entspricht, die im gesamten vorherigen Jahrzehnt gestartet wurde. Und obwohl Europa nur einen kleinen Teil dieser Satellitenstarts durchführt, entstünde offensichtlich eine Notwendigkeit für verbesserte Koordination.

Angesichts der fortschreitenden Militarisierung des Weltraums haben EU-Politiker:innen in jüngster Zeit auch ihren Widerstand gegen Pläne aufgegeben, die zivilen Weltraumressourcen mit Verteidigungselementen zu verknüpfen. Auf die Frage, ob er über die zunehmende Militarisierung besorgt sei, antwortete Aschbacher, man müsse „sehen, was die anderen im Weltraum machen und dann ableiten, welche Interessen man in diesem globalen Kontext hat.“

Er erinnerte: „Der Weltraum ist nicht europäisch, nicht chinesisch, nicht amerikanisch – er ist selbstverständlich global.“

Das neue EU-Weltraumprogramm

Aschbachers Kommentare kommen, nachdem die ESA und die EU am vergangenen Dienstag (22. Juni) ein Partnerschaftsabkommen unterzeichnet hatten, das den offiziellen Start des neuen EU-Raumfahrtprogramms markiert. Dieses zielt darauf ab, die Investitionen der Mitgliedsstaaten in den Bereichen Satellitennavigation, Erdbeobachtung, Weltraum-Lageerfassung und sichere Kommunikation zu vertiefen.

Im Rahmen des Abkommens wird die EU im Zeitraum 2021-2027 fast neun Milliarden Euro für die ESA und die europäische Industrie bereitstellen, um „Systeme und Programme der neuen Generation“ zu entwickeln.

SpaceX: Europa darf mitmachen

Ein Astronaut der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) wird Teil der Crew einer SpaceX-Rakete, die im Frühjahr 2021 zur Internationalen Raumstation ISS fliegen wird. Es ist das erste Mal seit 2011, dass ein Europäer ohne Kooperation mit russischen Partnern ins All fliegt.

Die EU-Finanzierung in der kommenden Haushaltsperiode umfasst die Entwicklung der nächsten Generation des europäischen Satellitennavigationssystems Galileo sowie die Erweiterung des Umfangs und der Fähigkeiten des Erdbeobachtungsraumschiffs Copernicus-Sentinel. Die erneuerte Finanzierung für Galileo, Europas ziviles globales Satellitennavigationssystem, soll die Ziele der EU unterstützen, im Laufe der Zeit neue Navigationsdienste für selbstfahrende Autos oder autonome Drohnen zu entwickeln.

Copernicus, das zum weltweit größten Anbieter freier und offener Erdbeobachtungsdaten werden soll, ist derweil vor allem für die Überwachung des Klimawandels vorgesehen und soll zum Ziel der Treibhausgasemissionsminderung beitragen.

„Der Weltraum erlebt gerade einen massiven Wandel und eine rasante Industrialisierung, überall auf der Welt,“ sagte Industriekommissar Thierry Breton am Dienstag bei der Auftaktveranstaltung. „Damit Europa seine Führungsrolle beibehalten kann, müssen wir die Art und Weise, wie wir die Raumfahrt in Europa betreiben, neu überdenken. Wir müssen uns an schnelle Entwicklungen anpassen und neue vorwegnehmen, und wir müssen eine ehrgeizige – und disruptive – Raumfahrt-Agenda für die Zukunft aufstellen: Insgesamt müssen wir dynamischer, innovativer und risikofreudiger sein,“ fügte er hinzu.

Aschbacher nannte das neue Programm „eine große Errungenschaft für die ESA, die für ihre wissenschaftliche Exzellenz und technische Expertise bei der Entwicklung von Raumfahrtsystemen und Bodeneinrichtungen zum Nutzen der europäischen Bürgerinnen und Bürger bekannt ist.“ Ihm zufolge würde die verstärkte Zusammenarbeit „einen neuen Elan für die Raumfahrt in Europa bringen.“

Aschbacher schlug außerdem einen Sondergipfel im kommenden Jahr vor. Dort sollten die Staats- und Regierungschefs dann versuchen, die Raumfahrtambitionen und -zielsetzungen der EU festzulegen.

Schwierige Verhandlungen

Die am Dienstag präsentierte Einigung über ein Finanzielles Partnerschaftsrahmenabkommen (FFPA) regelt derweil die Rollen und Verantwortlichkeiten aller Partner: der Europäischen Kommission, der ESA und der EUSPA, der neuen EU-Raumfahrtprogramm-Agentur, die die Aktivitäten der EU im Bereich der Raumfahrtpolitik überwachen wird.

Die Einigung stelle außerdem „das Maß an Autonomie der ESA klar und sicher, was notwendig ist, um die Programme effizient zu entwickeln und umzusetzen“, zeigt sich die Weltraumagentur in einer Erklärung zufrieden.

Trotz Brexit: Britischer EU-Satellit im All

Ein in Großbritannien hergestellter Satellit der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) ist am Mittwochabend ins All geschossen worden.

Der Bedarf an solchen Klarstellungen ergibt sich aus der Tatsache, dass die EU und die ESA getrennte Gebilde mit unterschiedlichen Mitgliedschaftsstufen sind. Letztere ist nämlich auch offen für Nicht-EU-Länder, wie beispielsweise das Vereinigte Königreich.

Die Einigung – die Ende April bereits formell besiegelt wurde – wurde tatsächlich erst möglich, nachdem das Vereinigte Königreich das Dokument bei den ESA-Ministertreffen in der vergangenen Woche angenommen hatte, nachdem zwei rote Linien in Bezug auf die mögliche berufliche Diskriminierung von Nicht-EU-Bürger:innen und die geistigen Eigentumsrechte an den in den Projekten entwickelten Forschungs- und Entwicklungsarbeiten respektiert worden waren.

Nach der Entscheidung des Vereinigten Königreichs, die EU zu verlassen, gab es Befürchtungen, dass die noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen über die Sicherheitsvereinbarungen zu einem Stolperstein für die weitere Zusammenarbeit zwischen London und Brüssel in Sachen Raumfahrt werden könnten.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

Kritik an möglichem EU-Ausschluss britischer Forschungsteams

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Deutschland – die Luft- und Raumfahrtrepublik

Emissionsfreie Flugzeuge, Lufttaxis, Marsmissionen: die Luft- und Raumfahrt erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel, meint Volker Thum.

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