EU-Atomprüfer: Geplantes AKW in Belarus ist sicher

Die weißrussischen Behörden haben im vergangenen Jahre eine Reihe an Sicherheits-Checks durchgeführt und unter anderem die Werksfeuerwehr für den Ernstfall trainiert. [Naviny.by]

EU-Ermittler haben am heutigen Dienstag einen Bericht präsentiert, in dem festgestellt wird, dass ein im Bau befindliches Kernkraftwerk in Belarus die sogenannten „Stresstests“ der Union besteht. Die Prüfer gaben dennoch eine Reihe an Empfehlungen an die nationale Regulierungsbehörde weiter.

Die European Nuclear Safety Regulators Group (ENSREG) hat die Sicherheitsvorkehrungen im nahe der litauischen Grenze gelegenen Kernkraftwerk Ostrovets „insgesamt positiv“ bewertet. Die von der EU-Kommission ins Leben gerufene unabhängige Beratergruppe hatte im März eine Standortuntersuchung und sogenannte „Stresstests“ durchgeführt.

Die Stresstests sollen sicherstellen, dass Kernkraftwerke die strengen Kriterien der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) erfüllen. Sie wurden von der Europäischen Kommission und ENSREG als direkte Reaktion auf die Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 eingerichtet.

Nuklearexperten lobten die belarussischen Behörden für die Zustimmung zur Überprüfung – Minsk ist dazu nicht verpflichtet, da es kein EU-Mitglied ist und ohnehin enger mit Moskau verbunden ist als mit Brüssel.

Katastrophensicher und fortschrittlich

In dem ausführlichen Bericht geht ENSREG auf drei Hauptbereiche ein: die Widerstandsfähigkeit des Standorts gegenüber extremen Naturereignissen wie Erdbeben und Überschwemmungen; die Fähigkeit der Anlage, auf Stromausfälle zu reagieren; und das „Unfallmanagement im Ernstfall“.

Demnach ist der Standort grundsätzlich resistent gegen Erdbeben, Überschwemmungen und andere extreme Witterungseinflüsse. Die Ermittler unterstrichen allerdings, seismische Daten hätten nicht in vollem Umfang zur Verfügung gestanden. Sie forderten die weißrussische Aufsichtsbehörde außerdem explizit dazu auf, dafür zu sorgen, dass abfließendes Wasser nicht in sicherheitsrelevante Gebäudeteile gelangen kann.

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ENSREG lobte auch die Wärmeabfuhr-Sicherheitssysteme der Anlage, da sie auch bei Stromausfällen über einen Zeitraum von 24 Stunden passiv arbeiten können. Der Bericht schlägt jedoch vor, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen und -maßnahmen wie Reservewasserpumpen zu installieren.

Positiv bewertet wurden auch das Weiterbildungszentrum vor Ort mit einem Trainings-Kontrollraum, der die meisten Notsituationen simulieren kann, sowie die Werksfeuerwehr.

Die belarussische grüne NGO EoHome beharrte hingegen darauf, das Unfallmanagement und die Sicherheitssysteme stimmten nicht vollständig mit den von der Western European Nuclear Regulators Association (WENRA) festgelegten Kriterien überein.

Die Gruppe forderte, die lokale Bevölkerung müsse nach der Veröffentlichung der Stresstestergebnisse durch die ENSREG nun endlich stärker in die Diskussion einbezogen werden.

Zweifel aus Litauen

Belarus baut das Werk in Ostrovets nahe der Grenze zu Litauen. Der Standort liegt weniger als 50 km von der litauischen Hauptstadt Vilnius entfernt, was zu heftiger Kritik und Widerstand seitens des baltischen EU-Staates geführt hat.

Das staatliche russische Atomunternehmen Rosatom stellt die Technologie und das Know-how für den Bau der Anlage zur Verfügung. Während die weißrussische Führung behauptet, das neue AKW werde helfen, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern, hat Minsk gleichzeitig einen exklusiven Kernbrennstoffvertrag mit dem russischen Staatsunternehmen unterzeichnet.

Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaitė hatte Ostrovets im vergangenen Jahr als „russisches geopolitisches Projekt“ bezeichnet und versprochen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um es zu stoppen.

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Litauen hat zwar deutlich gemacht, man habe grundsätzlich keine Einwände gegen die weißrussischen Nuklearambitionen, und Botschafter Darius Degutis, der das Thema aufmerksam verfolgt, sagte gegenüber EURACTIV, sein Land hätte sogar in Erwägung gezogen, in ein solches Projekt zu investieren, wenn es „richtig“ durchgeführt worden wäre.

Aber Degutis warnte, obwohl der Stresstest eine auf den ersten Blick gute Gesamtbewertung erteilt, habe er gezeigt, „dass das Kernkraftwerk Ostrovets unsicher ist“. So sei bei der Überprüfung versäumt worden, Themen wie die umstrittene Standortwahl, das Fehlen eines angemessenen Schutzes gegen schwere Flugzeugabstürze und eine gewisse „Kultur der Vertuschung“ von Zwischenfällen während des Baus zu thematisieren.

Mit letzterem Punkt bezieht der Botschafter sich auf einen Unfall im Jahr 2016, bei dem ein Reaktorbehälter während des Transports aus mehreren Metern Höhe auf den Boden heruntergestürzt war. Es dauerte mehrere Wochen, bis sich Details zu dem Vorfall herauskristallisierten. Derweil teilten sowohl Rosatom als auch belarussische Beamte mit, es gebe „kein technisches Hindernis“ für die Verwendung des Behälters.

Schlussendlich stieg der öffentliche Druck jedoch weiter und das russische Unternehmen stimmte zu, die möglicherweise beschädigte 300-Tonnen-Komponente zu ersetzen. Im Juli 2017 kam es dann zu einem weiteren Transportunfall, als ein Fahrzeug einen Mast neben der Eisenbahnstrecke zum künftigen AKW streifte und der stürzende Mast die Schutzhülle eines Behälters beschädigte.

Degutis fügte hinzu, dass es sich bei den Stresstests nicht um eine „Gesamtsicherheitsbewertung“ handele. Die Kommission solle sich daher weiterhin mit dem Prozess „beschäftigen“ und weitere Überwachungsmissionen durchführen.

Die Anlage in Ostrovets soll im nächsten Jahr in Betrieb gehen.

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