Die Umwege, die Airlines aktuell fliegen, um nach der erzwungenen Landung eines Ryanair-Jets nicht den belarussischen Luftraum durchqueren zu müssen, sind schätzungsweise für etwa 250.000 kg zusätzliche CO2-Emissionen pro Tag verantwortlich.
Im Durchschnitt müssen Fluggesellschaften aus der EU und Großbritannien 40 nautische Meilen mehr fliegen, um die EU-Sanktionen gegen Belarus einzuhalten. Die meisten nutzen dafür eine Umleitung über die baltischen Staaten.
Vor dem Verbot überquerten täglich etwa 300 Flüge Belarus; davon wurden etwa 100 von EU- oder britischen Fluggesellschaften durchgeführt.
Die Flugsicherungsbehörde Eurocontrol schätzt, dass aufgrund der „Umfliegung“ täglich etwa 79.000 kg Treibstoff zusätzlich verbrannt werden. Der Ausstoß von Stickoxiden erhöht sich um rund 1.200 kg.
Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) hatte am Dienstag vergangener Woche (25. Mai) eine Empfehlung an die Fluggesellschaften herausgegeben, den belarussischen Luftraum zu meiden. „Die Umstände dieser [Zwangslandung] lassen ernsthafte Zweifel an der Einhaltung der internationalen Zivilluftfahrtregeln durch Belarus aufkommen,“ heißt es in dem Sicherheitshinweis der EASA.
Am Vortag hatte sich bereits der EU-Rat in seinen Gipfel-Schlussfolgerungen dafür ausgesprochen, dass „alle in der EU ansässigen Fluggesellschaften den Überflug von Belarus vermeiden sollten“.
Der Hintergrund: Am Sonntag (23. Mai) hatte die belarussische Flugsicherung eine Ryanair-Passagiermaschine mit Ziel Vilnius aufgrund einer angeblichen Bombendrohung zum Flughafen Minsk umgeleitet. Nach der Landung nahmen Sicherheitskräfte zwei von den belarussischen Behörden gesuchte Passagiere fest – den regimekritischen Journalisten Roman Protasewitsch und seine Freundin Sofia Sapega.
Herausforderung
„Es ist definitiv eine Herausforderung, so schnell derartige Änderungen vorzunehmen. Die betrieblichen Auswirkungen sind beträchtlich, vor allem für Fluggesellschaften, bei denen mehrere Flüge über einen längeren Zeitraum hinweg betroffen sind,“ räumte Jennifer Janzen, Sprecherin des europäischen Airline-Verbands A4E, ein.
Die A4E-Mitglieder würden sich aber in jedem Fall an alle EU- und nationalen Richtlinien halten. Außerdem warte man noch auf eine vollständige Untersuchung der Umstände der Notlandung, so Janzen weiter. „A4E steht an der Seite unseres Mitglieds Ryanair und der Luftfahrt- und internationalen Gemeinschaft im Allgemeinen. Wir verurteilen jeglichen rechtswidrigen Eingriff in den Passagierflugverkehr,“ sagte sie gegenüber EURACTIV.com.
Die European Cockpit Association (ECA), die Pilotinnen und Piloten vertritt, begrüßte die Entscheidung, den belarussischen Luftraum vorerst zu umfliegen. „Wenn Piloten ein Land überfliegen und den Informationen der Flugsicherung nicht trauen können, dann kann sich niemand auf diesem Flug sicher fühlen,“ betonte Arik Zipser von der ECA. „Belarus hat sich als Teil des zivilen Luftfahrtsystems selbst in Verruf gebracht,“ kritisierte er gegenüber EURACTIV.
Zipser geht des Weiteren davon aus, dass der Vorfall weitreichende Konsequenzen haben wird. Letztendlich sei es eine Frage des Vertrauens und der Sicherheit: „Piloten könnten nun das Gefühl haben, dass sie bei ihrer Entscheidungsfindung auch ein Urteil über die Motivationen und die Vertrauenswürdigkeit der bereitgestellten Informationen des jeweiligen Landes, das sie gerade überfliegen, berücksichtigen müssen. Das ist nicht realistisch.“
Er warnte abschließend: „Wenn das Vertrauen in das System verloren geht, dann ist die Sicherheit im Allgemeinen beeinträchtigt.“
[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]





