Ein Nobody namens Martin Schulz

US-Präsident Donald J. Trump und seine Regierung schert sich wenig um Martin Schulz. [EPA/SHAWN THEW]

Washington erwartet Wiederwahl von Angela Merkel. Kaum Interesse gibt es in der US-Regierung hingegen für den SPD-Kandidaten.

Edmund Stoiber schenkte George W. Bush einen Porzellanelefanten, Angela Merkel beglückte ihn mit einem Zeitungskommentar, in dem sie sich vom Bush-kritischen Kurs des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder abgrenzte. Und Peer Steinbrück strahlte beim Berlin-Besuch von Barack Obama 2013 gemeinsam mit dem US-Gast in die Kameras. In früheren Wahlkämpfen war es also durchaus üblich, dass der Kanzlerkandidat der Opposition die Nähe zum US-Präsidenten suchte.

Ganz anders diesmal: Martin Schulz sucht die größtmögliche Distanz. Dass der SPD-Kanzlerkandidat im Verhältnis zum US-Präsidenten auf Attacke statt Anbiederung setzt, hat natürlich mit dem Igitt-Faktor von Donald Trump zu tun, der in Deutschland wohl noch unbeliebter ist als einst Bush junior.

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Allerdings dürfte Schulz auch kaum erwarten, mit irgendwelchen Annäherungsversuchen im Weißen Haus auf großes Interesse zu stoßen. Es ist nicht einmal gesichert, ob Trump überhaupt weiß, wer Schulz ist.

Er wäre „sehr überrascht“, sollte dies der Fall sein, sagt Jeremy Shapiro, ein Ex-Mitarbeiter des US-Außenministeriums und heute Experte für die transatlantischen Beziehungen beim Europäischen Rat für Außenpolitik (ECFR). Er gehe davon aus, dass Trump dem deutschen Wahlkampf „keinerlei Beachtung“ schenke.

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Das Desinteresse resultiert daraus, dass die Wiederwahl der Kanzlerin als gewiss gilt: „Das Weiße Haus rechnet mit einer weiteren Amtszeit von Angela Merkel“, sagt Erik Brattberg von der Carnegie-Stiftung in Washington. Sollte dieser Sieg  auch noch klar ausfallen, würde der Status der Kanzlerin als der aus US-Sicht wohl einflussreichsten Figur auf europäischer Bühne gestärkt, erwartet dieser Deutschlandexperte.

Trump hat Deutschland immer wieder hart attackiert, insbesondere wegen des Handelsüberschusses, der Flüchtlingspolitik und den seiner Ansicht nach zu niedrigen Verteidigungsausgaben. Die direkten öffentlichen Attacken auf Merkel hat er aber seit seinem Amtsantritt eingestellt. Beim G20-Gipfel in Hamburg pries er sogar ihre Führungsqualitäten als „absolut unglaublich“ und „sehr anregend“.

Der US-Präsident habe „Respekt“ vor der Kanzlerin und sei sich bewusst, dass sie bei vielen Anliegen, die für die USA im Verhältnis zu Europa wichtig seien, „die Schlüssel in der Hand hält“, sagt Brattberg. Als Beispiele nennt er die Handelsfragen und die transatlantische Zusammenarbeit in der Terrorabwehr.

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Merkel wiederum hat es im Wahlkampf weitgehend vermieden, sich auf einen Wettbewerb mit Schulz im Anti-Trump-Diskurs einzulassen. Allerdings wurde sie in ihrer Bierzeltrede im Mai für ihre Verhältnisse relativ deutlich, als sie die Unzuverlässigkeit der USA unter Trump beklagte und forderte, die Europäer müssten nun ihr „Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen“.

Die Rede fand in den USA zwar breite Resonanz. Doch Experten werten sie nicht als Signal für einen weitreichenden Kursschwenk. Merkel bleibe eine „engagierte Transatlantikerin“, daran änderten auch ihre Differenzen mit Trump nichts, sagt Brattberg. Zu ihrer deutlicher als üblich ausgefallenen US-Kritik sei Merkel „ein bisschen durch Schulz provoziert“ worden, befindet auch Shapiro.

Nach ihrer möglichen Wiederwahl werde die Kanzlerin zu ihrer bisherigen Linie gegenüber Trump zurückkehren, die darin bestehe, für die deutschen Interessen eher diskret einzutreten und sich mit dem US-Präsidenten „auf keine öffentlichen Streitigkeiten einzulassen“, erwartet der frühere State-Department-Mitarbeiter. Merkel werde weiterhin versuchen, mit Trump auszukommen – und zwar „so weit dies möglich ist, ohne Schwäche zu zeigen“.

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