Ein Jahr nach dem Corona-Drama von Bergamo: Die müden Helden

Im Frühjahr 2020 leisteten die ÄrztInnen von Bergamo übermenschliches. [ANGELO CARCONI/EPA]

Ein Jahr ist es her, dass die Bilder von nächtlichen Leichentransporten zu Beginn der Corona-Pandemie in Bergamo um die Welt gingen. Bernd Riegert hat Menschen in Bergamo besucht, die erzählen, wie es ihnen heute geht.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Die Bilder aus Bergamo schockten Italien und die ganze Welt. Laster der Armee fuhren am 18. März vor einem Jahr nachts durch die Stadt. Sie hatten Särge geladen und waren auf dem Weg zu Krematorien in anderen Städten. Das Virus raffte die Menschen in der malerischen Stadt in der Lombardei so schnell hin, dass das einige Krematorium völlig überlastet waren.

„An einem dieser Tage im März hatte ich 76 Särge in der Kirche aufgebahrt. Das war die absolute Höchstzahl. Ein schrecklicher Moment, der wie ein Stein auf der Brust lastet“, erinnert sich mit Grausen Pfarrer Don Marco Carminati der Sankt-Josephs-Kirche in Seriate, einem Vorort von Bergamo. Seine Kirche und zwei weitere Gebäude wurden zu behelfsmäßigen Leichenhallen umfunktioniert.

Alle drei Tage kamen Soldaten bei Tageslicht in weißen Schutzanzügen und luden die Holzsärge auf die Lastkraftwagen zum Abtransport. Die Glocken der Kirche läuteten jedes Mal. Viele Menschen in dem Vorort konnten zusehen.

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Eine Kerze für jeden Sarg

„Zusammen mit einem anderen Pfarrer habe ich auf jeden Sarg eine Kerze und eine Blume gestellt, ihn gesegnet und ein Gebet gesprochen. Angehörige durften nicht dabei sein. Die Familien wussten gar nicht, dass ihre Verstorbenen hier bei uns waren. Einige haben es doch herausgefunden und mich gebeten, mit dem Handy wenigstens ein Foto zu schicken“, erzählt Don Marco Carminati.

Drei Wochen lang hielt der Horror an. Dann gingen die Todeszahlen in Bergamo wieder zurück. Insgesamt 4500 Menschen starben in diesen ersten tragischen Wochen der Pandemie in der Region, berichtete die Lokalzeitung „Echo von Bergamo“. Ein Jahr nach dieser traumatischen Erfahrung sagt der katholische Geistliche, die Pandemie habe große Wunden in die Gemeinden gerissen, aber auch die Gemeinschaft enger zusammengeführt.

„Die zwei Reaktionen, die ich sehe, sind Furcht und Solidarität. Furcht davor natürlich, sich selbst und die Familien anzustecken. Solidarität mit den Trauernden, mit den Genesenen. Es waren auch viele Opfer aus der Gemeinde dabei. Aber sie wussten, wir lassen die Toten nicht alleine. Das war Solidarität.“

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Eine Prüfung 

Von der schlichten modernen Kirche „San Giuseppe“ aus Beton und Backstein geht es mit dem Auto weiter zum „Monumental-Friedhof“ von Bergamo. Im Schatten eines haushohen Eingangsportals, 1904 eingeweiht, liegen auf einem frischen Gräberfeld viele Corona-Opfer vom vergangenen März.

Langsam geht Pfarrer Carminati durch die Reihen. Es ist sein erster Besuch seit Monaten. Er entdeckt einen Bekannten aus seiner ehemaligen Gemeinde, bleibt ergriffen stehen und spendet einen Segen. „Mir ist, als würde ich die Momente mit diesen Menschen noch einmal erleben“, sagt der Pfarrer.

Er selbst hat zwei Neffen, 34 und 36 Jahre alt, und eine Cousine (69) in der Pandemie verloren. Don Marco Carminati weiß, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist, aber ein Jahr nach der schlimmsten Infektionswelle hat er Hoffnung.

„Natürlich ist so ein Ereignis für einen Geistlichen immer auch eine Prüfung für seinen Glauben. Doch der Grund liegt nicht in Gott, sondern in uns, in unserem Lebensstil, unseren Entscheidungen. Wir haben vergessen, dass wir nicht unsterblich sind. Wir werden daran erinnert, dass wir nicht ewig sind.“

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„Ein schreckliches Durcheinander“

Einige der Corona-Opfer, die bei Carminati aufgebahrt wurden, kamen mit Sicherheit aus dem Krankenhaus „Papst Johannes XXIII“, der führenden und größten Klinik in Bergamo mit rund 1000 Betten. Die Bilder von den COVID-Stationen dieser hochmodernen Klinik gingen ebenfalls um die Welt. Überfüllte Krankensäle, überarbeitete Krankenpflegerinnen und -pfleger, verzweifelte Ärztinnen und Ärzte, die entscheiden mussten, welcher Patient gerettet werden konnte und beim wem es zu spät war.

„Das war ein schreckliches Durcheinander“, erinnert sich Doktor Sergio Angeretti. „Wir hatten zunächst keine Ahnung, womit wir es tun hatten. Jeden Tag kamen mehr Patienten. Immer mehr, immer mehr. Es war unglaublich. Es ging ihnen immer schlechter. Sie starben. Wir dachten, wir sind quasi im Krieg.“

Sergio Angeretti, sein Kollegium, die Schwestern und Pfleger kämpften. Rückblickend hätten sie gerne einiges anders gemacht. Im Krankenhaus steckten sich noch mehr Menschen an.

„Nach 20 Tagen sahen wir etwas Licht am Ende des Tunnels. Wir begriffen langsam, wie das Virus im Körper wirkt und stellten die Behandlung um. Wir setzten andere Medikamente ein.“ Heute wisse man natürlich mehr, so Angeretti. Die Behörden hätten den Lockdown zu spät angeordnet.

Patienten wurden anfangs aus Arztpraxen wieder in Altenheime zurückgebracht. Es bildeten sich regelrechte Infektionsherde. Viele der 40.000 Zuschauer eines Fußballspiels von Atalanta Bergamo in der Champions League Ende Februar in Mailand steckten sich gegenseitig an und verteilten das Virus in der ganzen Region.

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Ein Kapitän im Sturm

An der Außenwand am Haupteingang zum Klink-Komplex prangt ein großes Gemälde. Es zeigt eine Pflegerin, die den italienischen Stiefel in den Nationalfarben wie ein Kind im Arm hält und schützt. Die Inschrift unter dem Gemälde „Dank Euch allen!“ war das Motto für viele Danksagungen an das medizinische Personal – nicht nur in Bergamo, sondern überall in Italien.

„Wir sind keine Helden, sondern wir haben getan, was wir tun konnten und tun mussten“, sagt Doktor Angeretti heute bescheiden. Trotzdem ist er doch ein wenig stolz, als er erzählt, dass Staatspräsident Sergio Mattarella und der Papst ihm geschrieben haben. Im April ist er sogar zu einer Audienz beim Heiligen Vater eingeladen.

Über die schlimmsten Wochen der Pandemie hat Sergio Angeretti Artikel in italienischen Zeitungen geschrieben, die großes Echo fanden. Er sieht sich darin als Kapitän in einem wilden Sturm, der überstanden wurde.

Heute sei die See wieder ruhiger, aber es sei noch nicht vorbei. Auf seiner neurologischen Station hat der Arzt jetzt Patienten, die an Langzeit-Folgen der COVID-19-Infektion leiden. Ihre Nervensysteme sind angegriffen. Sie leiden an Bewegungsstörungen und Traumata.

Inzwischen läuft die Klinik wieder im mehr oder weniger normalem Betrieb. Derzeit werden fast 90 COVID-19-Patienten im „Papst Johannes XXIII“-Krankenhaus behandelt, 20 davon auf der Intensivstation. Vor einem Jahr waren es Hunderte, sämtliche Betten waren belegt. Ein Feldlazarett wurde aufgebaut. Ärzteteams aus Russland und Kuba flogen ein.

Aus der Pandemie hat Sergio Angeretti gelernt, wie eng die Welt miteinander vernetzt ist, und wie man sich besser auf die nächste Pandemie vorbereiten kann, zum Beispiel durch bessere Organisation im Krankenhaus. Und wie geht es ihm heute? „Wir sind erschöpft, aber immer noch bereit“, sagt er lächelnd.

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Ein Stockwerk tiefer, in einen anderem Flügel des verschachtelten Großklinikums, steht Oberschwester Lauretta Rota am Eingang der COVID-19-Intensivstation. Die Arme hält sie verschränkt. Hier kommt keiner rein. Zu gefährlich. Für die Presse und Besucher sowieso.

„Wir haben jetzt weniger Angst, uns und unsere Familien anzustecken, weil wir alle geimpft sind“, sagt die leitende Oberschwester. In der ersten Welle der Pandemie trug das medizinische Personal das Virus mit nach Hause. Nicht wenige infizierten ihre Familien. Sie habe Gott sei Dank nur einen milden Verlauf gehabt, erzählt Lauretta Rota.

Ihre Augen werden feucht, als sie von einer Kollegin berichtet, die auf der Station arbeitete, während ihr Ehemann auf der Intensivstation eines anderen Krankenhaus verstarb. „Jetzt sind wir in der dritten Welle. Die Infektionszahlen steigen und auch die Zahl der Intensiv-Betten wird wieder erhöht. Wir sind wie ein Flugzeug, das zum dritten Mal durch Turbulenzen fliegt und das noch einmal durchmachen muss.“

Sie hoffe sehr, dass die Impfstoffe jetzt helfen, die Lage zu entspannen, denn so viel Energie wie am Anfang der Pandemie habe hier niemand mehr, gibt sie zu bedenken.

Die Intensivschwester Laura Roberta Rota, die auf der Station gerade Patienten versorgt hat, pflichtet ihrer Chefin, Oberschwester Lauretta Rota, bei. „Eigentlich hat es seit einem Jahr nicht aufgehört. Der Druck ist groß. Wir sind alle erschöpft“, sagt die hochgewachsene, sehr schlanke Frau mit der bunt gemusterten OP-Haube und der Schutzmaske.

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„Kollektives Trauma“

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„Es handelt sich um ein kollektives Trauma. Davon sind nicht nur einzelne Personen betroffen“, sagt Luca Giacci. Die Bilder der Lastwagenkolonne mit Särgen könnten so ein Trauma auslösen.

„Auch jemand, der nicht selbst um einen Angehörigen trauern musste oder selbst krank wurde, kann betroffen sein. Es ist so, als fühle man einen indirekten Tod. Das kann ein Trauma auslösen.“

Eine seiner Patientinnen ist eine Frau, deren Ehemann auf der Intensivstation lag. Er hat sich mittlerweile gut erholt, aber sie leidet noch immer, obwohl sie gar nicht infiziert war.

„Viele Menschen trauen sich nicht mehr auf die Straße, haben Angst oder haben keine Kontakte mehr, obwohl sie nie jemanden verloren haben“, berichtet der Psychotherapeut aus seiner Praxis in Nembro bei Bergamo.

Er versucht, die Patienten mit ihren Erinnerungen zu konfrontieren und die Trauer in etwas zu wandeln, dass die Menschen nach vorne blicken lässt. „Die Erinnerung wird nicht ausgelöscht, aber sie wird anders wahrgenommen. Im besten Falle als etwas, das bereichert. Eine gute Erinnerung an den Verstorbenen. Es fließen immer Tränen, aber nicht mehr Tränen des Schmerzes, sondern Tränen des Mitgefühls.“

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